Er nickte dem Reporter großspurig zu. Dieser setzte sich gehorsam. »Nächste Frage«, forderte Pendergast die versammelten Journalisten auf. Dutzende Hände gingen in die Höhe. Der Präsident sah sich um, als würde er nicht schon genau wissen, wen er aufrufen wollte.
In diesem Moment kam es zu einer Abweichung des Protokolls. Ein Reporter, der seitlich am Rand saß, sprang unvermittelt auf und grätschte mit einer tiefen, sonoren Stimme dazwischen. Damit forderte er unbedingte und sofortige Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
»Christopfer Rawlins von Earth News Networks «, stellte er sich vor. Pendergasts Lächeln gefror von einer Sekunde zur nächsten. Der Kerl war ihm unbekannt. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. Nicht wenn er verhindern wollte, vor der Öffentlichkeit der Republik sein Gesicht zu verlieren. Schließlich waren sie live. Er machte eine kaum wahrnehmbare Geste und pfiff damit die Secret-Service-Agenten, die sich dem unverschämten Kerl bereits näherten, zurück. Pendergast durfte sich jetzt keine Blöße geben. Er nickte dem Mann betont freundlich zu.
»Wie reagieren Sie auf die Kritik sowohl vereinzelter Sternennationen als auch führender Politiker der Solaren Republik, dies handele sich um einen nicht erklärten illegalen Krieg mit dem Ziel, das Königreich zu destabilisieren und dadurch unter Kontrolle zu bringen?«
Pendergast erstarrte. Er war sich spürbar der Aufmerksamkeit aller bewusst. Jeder einzelne Reporter im Raum schien plötzlich den Atem anzuhalten. Sie warteten auf die Reaktion des Präsidenten auf eine Frage, die man bestenfalls als Provokation interpretieren konnte.
Pendergast hätte sich um ein Haar geräuspert. Es gelang ihm, den Laut gerade noch rechtzeitig zu unterdrücken. Man hätte diesen mit Recht als Verlegenheit interpretieren können. Er zwang sich wiederum zu einem Lächeln, sein Blick spießte den Querschießer jedoch auf und versprach umgehende Vergeltung. Der Reporter war sich dessen bewusst. Pendergast vermochte, es in seinen Augen zu erkennen. Dennoch gab der Mann nicht nach.
»Nun«, begann der Präsident. »Es wird immer kritische Stimmen geben. Hätte ich nicht eingegriffen, wären ebenfalls meine politischen Gegner aufgesprungen und würden diese Entscheidung in der Luft zerreißen. Als Präsident der Solaren Republik kann ich lediglich nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Die Entscheidung, ob ich richtig- oder falschlag, überlasse ich der Geschichte. Aber lassen Sie mich Ihnen und den Bürgern dort draußen eines sagen: Es handelt sich hierbei keineswegs um einen Krieg, sondern lediglich um eine Polizeiaktion von begrenztem Umfang und mit begrenztem Mandat. Unsere Streitkräfte werden das Königreich in dem Moment verlassen, in dem ihre Anwesenheit nicht mehr vonnöten ist, um Leben und Eigentum der Menschen vor Ort zu schützen.«
Weitere Hände gingen nach oben, als die Reporter ihre Fragen stellen wollten. »Das wäre alles für heute«, entgegnete Pendergast, der seine miese Laune kaum verhehlen konnte. Er verließ das Podium. Sein Pressesprecher nahm seinen Platz ein und bemühte sich, die Wogen zu glätten.
Hinter der Bühne wurde er von seinem persönlichen Assistenten Peter Mulligan erwartet. Der Mann war ihm wärmstens empfohlen worden. Er besaß ein fast schon natürliches Gespür dafür, Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Kurz gesagt, er war genau die richtige Person für Pendergasts Ambitionen.
Mulligan reichte dem Präsidenten eine Wasserflasche, die ihm dieser aus der Hand riss. Er trank daraus, während Mulligan sich abmühte, die schlechte Laune seines Arbeitgebers zumindest ein wenig abzumildern.
»Das war gar nicht übel«, sagte Mulligan mit unechtem Grinsen.
Pendergast setzte die Wasserflasche ab, wobei er Mulligans makellosen Anzug mit einigen Spritzern benetzte. »Nicht übel ist bei Weitem nicht gut genug.«
Der Präsident setzte sich in Richtung seines Arbeitszimmers in Bewegung und ließ Mulligan kaum eine Wahl, als ihm hektisch hinterherzueilen. »Wer zum Teufel war dieses großspurige Arschloch mit Todessehnsucht?«
»Ein unbedeutender Reporter einer unbedeutenden Nachrichtensendung«, gab Mulligan an.
»ENN kann man wohl kaum als unbedeutend beschreiben«, wehrte Pendergast ab. »Es handelt sich um die wichtigste Nachrichtensendung hier auf der Erde. Was nützt es, Präsident zu sein, wenn ich nicht einmal die Medien kontrollieren kann? Bestellen Sie den Programmdirektor ein. Ich glaube, ich muss mit dem Kerl mal ein paar Takte reden. Falls er seinen Leuten keine Zügel anlegen kann, ich kann es ganz sicher. Das muss ihm klargemacht werden.«
Mulligan machte sich ein paar Notizen auf seinem elektronischen Klemmbrett. Pendergast stürmte an den Secret-Service-Agenten vorbei, die sein Büro bewachten, und öffnete die Tür. Noch im Rahmen, blieb er schlagartig stehen.
Auf seinem Stuhl – dem persönlichen Stuhl des Präsidenten – saß ein Eindringling. Ein äußerst attraktiver und äußerst weiblicher Eindringling.
Die Frau trug ein Kleid, das an der Seite bis zur Hüfte geschlitzt war. Sie rekelte sich auf seinem Stuhl, als wäre es das Natürlichste der Welt. Als würde sie dort hingehören.
Pendergast trat näher. Der Ausschnitt der Frau war verführerisch tief geschnitten und überließ nicht viel der Fantasie. Der Ausblick verfehlte seine Wirkung auf Pendergast keineswegs.
Mulligan aber sah es als seine Pflicht an, die Anwesenheit der Frau als Bedrohung zu betrachten. »Sir«, wandte er sich an den Präsidenten, »soll ich die Agenten hereinrufen?«
Pendergast ließ die Frau keine Sekunde lang aus den Augen, wenn auch aus anderen Gründen als Mulligan. Er deutete mit einem Kopfnicken auf den Assistenten. »Sie haben drei Sekunden, um mir einen Grund zu liefern, seine Frage mit Nein zu beantworten.«
Die Lippen der Frau verzogen sich zu einem strahlenden Lächeln. Es war schlichtweg hinreißend. »Ich bin keine Bedrohung, Herr Präsident. Im Gegenteil, ich bin Ihre Freundin.«
Pendergast hob eine Augenbraue. »Tatsächlich? Meine Freunde brechen für gewöhnlich nicht bei mir ein.«
»Eingebrochen bin ich keineswegs. Ich habe … bessere Methoden, um zu erreichen, was ich will.«
Pendergast grinste, während sein Blick das entblößte Bein und den Schenkel der Frau auf und ab glitt. »Das glaube ich«, gab er schließlich zu. Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Mulligan, machen Sie die Tür zu. Von außen.«
»Sir?« Sein Assistent schien fassungslos, angesichts dieses Befehls.
»Sie haben mich gehört.« Pendergast verlieh der Forderung Nachdruck, indem seine Stimme jede Emotion verlor. Aus Erfahrung wusste Mulligan, dass es besser war, den Befehlen seines Arbeitgebers Folge zu leisten. Vor allem, wenn er sich in dieser Stimmung befand. Mulligan zog sich zurück und schloss die Tür hinter sich.
»Ich bin in Hörweite«, warf er noch ein, kurz bevor die Tür ins Schloss fiel.
Pendergast schritt um den Schreibtisch und setzte sich auf die Kante. Wie selbstverständlich legte er seine Hand auf das Knie der Frau.
»Und Ihr Name ist …?«
»Deveraux«, erwiderte die Frau. »Cassandra Deveraux. Eine ehemalige Mitarbeiterin des verstorbenen Tucker Dawson.«
»Gehört habe ich schon von Ihnen. Sie waren seine Angestellte … und mehr.« Sein Gesicht zeigte nun ein anzügliches Lächeln.
Cassandra ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. »Ich bin das, was meine Auftraggeber für notwendig halten.« Sie fing an, mit einer Hand an den Hemdknöpfen Pendergasts zu spielen. »Ich hörte, Sie suchen bereits nach mir.«
»Allerdings.« Pendergast entschied, ganz offen zu sein. Es schien ohnehin sinnlos, vor dieser Frau etwas zu verbergen. Sie würde bereits wissen, wie seine Befehle ihre Person bezüglich lauteten. »Meine Männer sind gerade dabei, Tucker Dawsons Altlasten zu beseitigen.« Er schnalzte mit der Zunge. »So leid es mir tut, aber dazu zähle ich im Moment auch Sie.«
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