Sie kicherte leise. »Man hat mich schon vieles genannt, aber eine Altlast noch nie. Das ist neu. Sie sah zu ihm auf. Es ist vollkommen unnötig, mich umbringen zu lassen.« Sie leckte sich über die Lippen. »Es könnte so viel … befriedigender sein, mich als Freundin zu haben.« Sie öffnete einen seiner Knöpfe und begann mit den Brusthaaren darunter zu spielen. »Und ich kann eine wirklich engagierte Freundin sein.«
»Daran habe ich nicht den Hauch eines Zweifels«, erwiderte der Präsident, wobei er langsam Erregung in sich aufsteigen spürte. Das entging auch nicht der Frau auf seinem Stuhl und ihre Augen blitzten amüsiert auf.
»Sie wissen, mit welcher Aufgabe mich der so unschön aus dem Leben gerissene Tucker Dawson vor seinem Ableben betraut hat?«, wechselte sie auf einmal das Thema.
Pendergast stutzte. »Ja, das ist mir bekannt. Ich meine, in Dawsons geheimen Dateien darüber gelesen zu haben.«
»Lassen Sie mich meine Aufgabe weiterführen. Ich verspreche, Sie werden es nicht bereuen. Es könnte sich als strategischer Vorteil erweisen. Immerhin haben Sie immer noch Probleme mit den Skulls .«
»Vorübergehend.«
»Täuschen Sie sich nicht. Dieses Söldnergeschmeiß hat die Angewohnheit, dort aufzutauchen, wo es nichts zu suchen hat, und sich in Dinge einzumischen, die es nichts angeht. Belassen Sie mich auf meinem Posten, lassen Sie mich meine Aufgabe weiterführen und ich werde im richtigen Augenblick für Sie da sein.«
Das war ein verführerisches Angebot. Von der Seite hatte er es noch nie betrachtet. Cassandra hatte recht. Es konnte nicht schaden, einen Agenten vor Ort zu haben, der die Dinge im Auge behielt und handelte, falls es notwendig wurde.
Außerdem befand sich dieses verschlagene kleine Miststück bereits nah bei ihrem Ziel, während er selbst erst jemanden platzieren müsste. Es wäre dumm, das Angebot nicht anzunehmen. Falls sie versagte, konnte er sie immer noch in irgendeinem Straßengraben entsorgen.
»Na schön. Ich gebe Ihnen eine Chance, sich als nützlich zu erweisen. Ich pfeife meine Leute zurück. Sie gehören damit fortan zu meinem Team. Dem Team Pendergast.« Abermals grinste er. »Dem Gewinnerteam.«
»Wie erfreulich«, gurrte sie. »Und wie besiegeln wir unser neues Arbeitsverhältnis jetzt?«
Pendergast betätigte die Gegensprechanlage. »Mulligan?«
»Herr Präsident?«, erfolgte die durch das Gerät stumpf klingende Stimme seines Assistenten. Sie wirkte voller Vorfreude. Der Mann glaubte, Pendergast weise ihn nun an, die Frau kurzerhand hinauszubefördern. Die Wahrheit konnte nicht weiter entfernt liegen. »Ich will vorläufig nicht gestört werden«, wies er den Mann an und kappte die Verbindung, bevor sein Assistent die Gelegenheit erhielt, etwas zu entgegnen.
Pendergast beugte sich vor. »Ich glaube, da fällt uns was ein, Cassie«, erwiderte er auf ihre vorige Frage, während seine Hand langsam den Oberschenkel der Frau hinaufrutschte.
Teil I
Gegen jede Vernunft
1 
5. April 2647
Dexter Blackburn hatte nie zuvor eine solche Grabesstimmung erlebt. Selbst eine Beerdigung hätte im Vergleich zu dieser Versammlung wie eine Freudenfeier gewirkt. Er musste aber zugeben, dass die neuesten Nachrichten kaum Veranlassung zur Euphorie boten.
Außer ihm selbst, Oscar Sorenson und Dimitri Sokolow befanden sich noch Melanie St. John sowie Clayton Redburn – Spitzname Red – im Besprechungsraum der Normandy. Außerdem war auch Angel im Raum. Sie stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen hinter Dexters Stuhl. Der Griff ihres Katana ragte über die rechte, der Kolben ihres Sturmgewehrs über die linke Schulter. Obwohl die Attentäterin ihre Maske nicht trug, verbreitete sie eine ernste Aura.
Sorenson hätte beinahe versucht, sie des Raumes zu verweisen, da sie keine offizielle Funktion im Widerstand gegen die solare Aggression innehatte. Nur das Wissen, dass in einem solchen Fall Blut geflossen wäre – allen voran sein eigenes –, hatte ihn davon Abstand nehmen lassen.
Dexters Vater hatte Angel mit seinen letzten Worten angewiesen, seinen Sohn zu beschützen. Und die treue Kämpferin nahm diesen Befehl aus dem Mund ihres ehemaligen Geliebten äußerst ernst. Dexter beneidete niemanden, der versuchte, an ihrem Schwert vorbeizukommen, um ihm Schaden zuzufügen.
Das gewaltige Schlachtschiff der Medusa-Klasse schwebte majestätisch über der versteckten Basis auf Bantor und überwachte mit ihrem umfangreichen Waffenarsenal die Evakuierung. Nun, nachdem die solare Republik fast das ganze Königreich überrannt hatte, war unter Umständen auch Bantor kompromittiert. Sie mussten sich genau überlegen, wohin sie sich wandten. Jede Flugrichtung konnte sie ins Verderben führen.
Sokolows Piratenflottille sicherte das äußere System, während der klägliche Rest, der von den Skull -Raumverbänden übrig war, den Planeten schützte. Es waren wenig genug.
Niemand im Raum sagte ein Wort. Sie alle starrten lediglich mit verdrießlicher Miene auf die Holoaufzeichnung, die dreißig Zentimeter über den Tisch projiziert wurde. Sie zeigte eine Gruppe von etwas mehr als dreißig königlichen Schiffen, die eine einzelne, verblüffend schwer bewaffnete und gut ausgerüstete Jacht in ihrer Mitte schützte. Der Verband trachtete danach, die sprungfähigen Lagrange-Punkte in einem der äußeren Systeme zu erreichen.
Aber es gelang ihnen nicht. Die verfolgenden Konsortiums -Schiffe holten sie ein und es entbrannte eine hitzige Schlacht. Sobald dem Verbandskommandanten klar wurde, dass ein Entkommen unmöglich wurde, ließ er seine Schiffe beidrehen und sich dem Gegner stellen. Die Jacht hingegen hielt weiterhin auf die Lagrange-Punkte zu.
Die Absicht der royalen Besatzungen war klar. Sie opferten sich für ihren Schützling. Der VIP an Bord der Jacht war den Offizieren und Mannschaften dieser Schiffe derart wichtig, dass sie ohne Zögern und ohne Bedenken ihr eigenes Leben in die Waagschale warfen, um der Jacht kostbare Augenblicke zu schenken.
Der Kampf dauerte nicht lange. Das Konsortium war gut drei zu eins in der Überzahl. Die königlichen Besatzungen wehrten sich tapfer und schossen fast die Hälfte der feindlichen Schiffe zusammen, im Gegenzug wurden sie jedoch gnadenlos überwältigt. Keines der royalen Schiffe ergab sich. Und das Konsortium schien nicht bereit, eine Kapitulation auch nur in Erwägung zu ziehen.
Nach der Zerstörung des letzten Schiffes der Colonial Royal Navy, zogen die überlebenden Konsortiums -Schiffe weiter, ihrer Beute hinterher.
Die Jacht war schnell, für ein Schiff dieser Größe und Klasse sogar außergewöhnlich schnell. Die Verfolger entsandten jedoch ihre Fregatten, die die Jacht in Rekordzeit einholten und ihr den Weg abschnitten. Das kleine Schiff musste notgedrungen die Geschwindigkeit verringern. Die Besatzung des fliehenden Schiffes verhielt sich überaus furchtlos. Sie zerstörte vier feindliche Fregatten. Der Plan des Gegners ging allerdings auf. Dem Konsortium gelang es, die Jacht lange genug aufzuhalten, damit die schweren Schiffe aufholen konnten.
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