Aber zurück zu den niedlichen Skorpion-Jungen, dem Nachwuchs. Hier darf man nicht die Kontrolle verlieren, denn die Kleinen flüchten gerne. Kein Wunder bei dieser Mutter! Aber das Drama beginnt ja schon vor der Paarung, wenn nämlich das Männchen sich dem Weibchen zu eben diesem Zwecke nähert, dann entscheiden die ersten Sekunden über Leben und Tod. Es kann nämlich passieren, dass das Weibchen ihren Freier zwar nicht verspeist, sondern nur tötet. Nach der Paarung geht es ganz schnell wieder zur Tagesordnung über, man trennt sich, d.h. das Männchen rettet sich durch Flucht.
Wie es sich für einen richtigen Skorpion gehört, sind sporadische Wandlungsprozesse unumgänglich. Bei unseren Tierchen wächst der Chitinpanzer nicht mit, deshalb müssen sie sich von der alten Hülle befreien: Stirb und Werde! Dieser Häutungsprozess findet ungefähr zwischen fünf und sieben Mal statt.
Doch zurück zur astrologischen Wirklichkeit! Man stelle sich vor, wir geraten an einen echten Plutonier, haben zwar schon so einige Vorbehalte, aber es gibt ja solche und solche…Nun zieht er bei uns ein und bringt noch seine Haustiere mit: Skorpion-Mama mit einigen überlebenden Jungen. Wenn wir nicht Jupiter in Konjunktion zu Pluto im sechsten Haus haben, wird das nichts, nie und nimmer.
Sind wir hingegen von einem Plutonier verlassen worden oder aber lieben wir den Abtrünnigen, Unausstehlichen immer noch, dann können wir ihn auf uns aufmerksam machen, indem wir ihm einen Skorpion als Geschenk schicken. Bei dem Versand muss man folgendes beachten: Es eignen sich besonders gut
kleine oder größere Dosen, die mit Küchenkrepp ausgelegt werden, damit das Tierchen sich auch festhalten kann und beim Transport nicht hin und her schleudert.
Bei unverminderter Zuneigung und um unser fürsorgliches Herz zu zeigen (das er so verschmäht hat), können wir dem Skorpionchen die Reise auch etwas angenehmer machen, indem man ihm Grillenproviant mitgibt oder das Papier etwas anfeuchtet. Dann hat er’s nicht so trocken. Der Vorstellungskraft, wie er, unser Plutonier, wohl auf das originelle Geschenk reagieren wird, sind keine Grenzen gesetzt…
Vorläufig ist Merkur rückläufig
Meine Nachbarin aus dem achten Stock steigt zu mir in den Fahrstuhl und redet sofort auf mich ein. Das macht sie mit großem Vergnügen, seitdem sie einmal an den Briefkästen eine Ausgabe von „Astrologie Heute“ in meiner Hand sah und mir sogleich ausführlich erzählte, wie interessant die Astrologie sei, sie verstünde ja nicht viel, aber trotzdem: Sie habe ein paar Bücher und lese auch immer die Horoskope in den Zeitungen.
Nun ist sie ganz außer sich, denn ihre Waschmaschine ist kaputt, und sie kann sich jetzt auf keinen Fall eine neue kaufen. Ich denke, vielleicht ist sie nun kurz vor Weihnachten mit dem Geld knapp, aber sie schaut mir mit wissendem Blick in die Augen und seufzt: „…Sie wissen es ja sicherlich, Merkur geht rückwärts, und so muss ich warten.“ Um ehrlich zu sein, hatte ich das in der Vorweihnachtshektik gar nicht realisiert, und wenn - unter einem rückläufigen Merkur ist mir noch nie was Schlimmes passiert. „Ja“, frage ich „und nun? Wie lange können Sie denn schon nicht mehr waschen?“ „Seit einer Woche, und Merkur wird erst am 08. Januar wieder geradlinig, ich meine, geht er wieder geradeaus.“ Direktläufig, rückwärts oder geradlinig, ich bin ja nicht kleinlich...“Mmh“, brumme ich, und der Fahrstuhl ist zum Glück im EG angekommen.
Susi und Klaus kommen zu Besuch, und ich erzähle die Geschichte mit der rück- und geradläufigen Merkur-Nachbarin. Susi horcht auf und findet, dass da was dran ist, denn sie habe seit ein paar Tagen das Gefühl, sie könne nicht richtig denken. „Na ja, Susi, das habe ich jeden Morgen und manchmal auch tagsüber, ohne dass Merkur rückläufig ist…“.
Klaus fragt neugierig: „Habe ich auch einen rückläufigen Merkur?“ „Wenn Du jetzt geboren würdest, dann ja, aber in Deinem Geburtshoroskop nicht.“ Mein Mann verkündet, dass er Merkur/Neptun habe. Susi lacht: „Das ist doch was ganz anderes?“ „Was denn?“, fragt der astrologieunkundige Klaus. Ich sage zu Susi: „Komm’, wir gehen in die Küche und lassen Gert die Geschichte erzählen, wie er seinen alten Freund wieder traf. Wenn wir dann das Essen fertig haben und Klaus immer noch nicht weiß, was wann und wie passiert ist, dann weiß er wenigstens, was Merkur/Neptun bedeutet.“
„Moment mal!“, ruft Susi: „Daya hat doch auch Merkur/Neptun!“ „Wie“, fragt Klausi, „was soll denn unser Hund mit Merkur/Neptun?“ „Barbara hat gesagt, wir müssen aufpassen, dass er nicht lügt!“ „Ihr seid vielleicht komisch“, finden die beiden Männer, aber dann meint Klaus zu Gert: „Du lügst also?“. „Was“, empört sich mein Mann, „ich bin eine ehrliche Haut“, was ich nur bestätigen kann - aber das hat man davon, wenn man mit (Halb-) Laien solche Themen erörtert.
Um von Merkur/Neptun abzulenken, sagt Gert bedeutungsvoll: „Übrigens ist Merkur nur scheinbar rückläufig.“ „Waas“, stöhnt Klaus, „er tut also nur so?“ „Lass mal“, antworte ich „das ist höhere Astrologie bzw. Astronomie, und zu der habe ich jetzt keine Lust.“ Susi lässt nicht locker und meint: “Merkur hat doch auch was mit Reisen zu tun. Vielleicht sollte man jetzt lieber nicht verreisen, bei einem rückläufigen Merkur kommt man da wahrscheinlich nie an, wo man hin will.“
Eigentlich eine ganz schlüssige Folgerung, aber die stimmt so natürlich auch nicht, dann dürfte ja kein Mensch in der Zeit verreisen. Eine seltsame Vorstellung, auch die, dass man unter einem rückläufigen Merkur keine Verträge abschließen sollte. Bloß gut, dass nur ein minimaler Bruchteil unserer Gesellschaft über dieses rückläufige Geschehen und dessen Folgen informiert ist, sonst läge die ganze Wirtschaft brach, Ehen würden nicht geschlossen, keine technischen Geräte mehr gekauft... Aber vielleicht läuft ja auch so viel schief, weil sich kaum einer an dem rückläufigen Merkur orientiert...?
Besinnliche Weihnachtszeit - gerade richtig für einen rückläufigen Merkur. Ich möchte lesen und schreiben und bin sicher, Merkur hat nichts dagegen. Meine Brüder rufen an, ich habe die Weihnachtspäckchen vertauscht - kein Problem, sie überreichen sich gegenseitig das richtige Geschenk (ob das nicht doch…?).
Am zweiten Weihnachtsmorgen wache ich mit einem dick geschwollenen, scharlachroten und tränenden Auge auf. Kein Gedanke an Lesen und Schreiben. „Volltreffer“, feixt Susi: „Merkur lässt grüßen.“ Ich werkele einäugig in der Wohnung herum, haue mir ein Messer mit voller Wucht in die Hand und schließlich bücke ich mich, um nicht wieder hochzukommen. Hexenschuss! Bevor mein Mann etwas sagen kann, murmele ich: „Sag bloß nicht, das sei Merkur.“ Ich schnappe mir die Ephemeriden: Aha, der Transit-Uranus läuft just im Anderthalbquadrat über meinen Mars - ich möchte Hurra schreien.
Egal, was mir bis zum 07. Januar noch passiert, es ist jedenfalls nicht der rückläufige Merkur, der hat mir nämlich noch nie was getan - und dabei bleibt es!!
Die Endsilbe -itis kommt im Allgemeinen bei entzündlichen Erkrankungen vor, damit werden aber auch Verhaltensweisen bezeichnet, die viele als fast krankhaft empfinden. Nicht jedoch der -itis-Mensch, denn Telefonitis und Rederitis zum Beispiel sind ja dessen Lebenselexier, auch wenn derjenige, der zum Zuhören verdonnert wurde, sich an seinen rauchenden Kopf fasst, und der Redefluss ihm die letzten Kräfte raubt.
Sehr höflich kann man einen Rederitis-Menschen auch so beschreiben: „Er redet mit nur wenigen Pausen.“ Die Kunst besteht darin, die Pausen, die ja zum Luftholen unerlässlich sind, blitzschnell zu nutzen und so intelligent einzuhaken, dass es sogar dem Redseligen vielleicht die Sprache verschlägt.
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