Sie hören im Haus Gepolter und dann Olli rufen: „Sybille? Unser Lafsimmer is weg. Sybihille?“
Christine stürmt ihm entgegen und zieht ihn nach draußen. „Jetzt ist aber Schluss. Ab in die Haia, du großer Junge.“
„Das is ja wieder das Waggelbedd“, stellt er fest, legt sich aber ohne Widerstand hin und schläft auch sofort ein. Christine wickelt ihn in die Decke und schiebt das Kissen unter seinen Kopf.
„Meinst du, dass wir dich mit ihm alleinlassen können?“, fragt Jutta besorgt.
„Viel Schaden kann er hier draußen nicht anrichten. Und mit Sybille und seinem Kater muss er morgen selbst fertig werden“, antwortet Christine. „Ich kann es nicht fassen. Schenkt Sybille ihm eine Vogelspinne. Viel schlimmer geht nimmer.“
„Sie wird sich dabei schon etwas gedacht haben“, sagt Jutta. „Zu diesem Tier kann man nämlich die wenigsten Beziehungen aufbauen. Deshalb muss sie nicht eifersüchtig sein. Rüdiger hätte von mir eine Patenschaft zumindest für eine Kegelrobbe oder einen Pinguin bekommen, aber eine Vogelspinne ..... igitt.“
„Machen wir lieber Schluss für heute. Damit Olli in Ruhe schlafen kann und nicht noch die gesamte Nachbarschaft stört“, schlägt Lydia vor.
„Ich hole Jenny morgen gegen Mittag ab. Die nächste Party steigt bei mir zum Einzug“, sagt Jutta.
„Dann fahren wir jetzt. Tut mir leid, Christine, dass nun wieder alles an dir hängenbleibt“, sagt Lydia und umarmt ihre Freundin.
„Macht nichts. Kommt gut nach Hause.“
Als Jutta am nächsten Morgen erwacht, ist es fast zehn Uhr. „So lange habe ich eigentlich noch nie geschlafen. Das ist ein gutes Gefühl. Daran könnte ich mich gewöhnen“, denkt sie.
Als Kind musste sie immer zeitig aus dem Bett, egal wie müde sie noch war. Mit Sprüchen wie: `Der frühe Vogel fängt den Wurm´, wurde sie von ihren Eltern auch an den Wochenenden aufgefordert aufzustehen. Pünktlich sieben Uhr wurde sonntags gefrühstückt – ob die Geschmacksnerven noch im Tiefschlaf waren oder nicht.
Später sorgte dann Jenny dafür, dass sie nicht lange im Bett bleiben konnte.
Irgendwie hatte sie immer ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht mit den Hühnern aufstand.
„ Warum eigentlich?“ , fragt sie sich. „Es hat niemanden mehr zu interessieren, wann ich aus den Federn komme. Endlich kann ich tun und lassen was ich will.“
Als das Telefon klingelt, bekommt sie einen Schreck.
„Hoffentlich ist Jenny nichts passiert“, murmelt sie vor sich hin, und das schlechte Gewissen packt sie.
„Jutta Seidel“, meldet sie sich.
„Wo bleibst du denn so lange?“, vernimmt sie die ungehaltene Stimme ihrer Mutter. Sag nicht, dass du noch im Bett warst. Eine Unart ist das. Das haben wir dir früher schon gesagt.“
„Guten Morgen, Mutti. Ich wünsche dir auch einen schönen Sonntag“, sagt Jutta übertrieben freundlich.
Sie reckt sich, um die müden Knochen in Schwung zu bringen. Ein herzhaftes Gähnen kann sie gerade noch unterdrücken.
„ Nur gut, dass ich kein Bildtelefon habe“ , denkt sie erleichtert und grinst.
„Weswegen ich eigentlich anrufe ..... Du bringst mich ganz aus dem Konzept. Ach ja. Ich wollte fragen, ob du denn nun schon einen Job gefunden hast?“
„Ich arbeite mich gerade in einer Agentur ein und wie es aussieht, steht einem Vertrag nicht mehr viel im Weg“, antwortet Jutta und ist froh, wenigstens eine gute Nachricht in Aussicht stellen zu können.
„So lange du keinen Vertrag unterschrieben hast, kannst du nicht davon sprechen, einen sicheren Job zu haben“, wird sie von ihrer Mutter belehrt. „Ich glaube, du träumst dich immer noch durchs Leben. Jutta! Du solltest endlich erwachsen werden und deiner Tochter ein Vorbild sein.“
„Das weiß ich selbst. Was hältst du davon, wenn wir uns zum Kaffee treffen? Jenny ist am Nachmittag auch zurück.“
„Wieso ist sie nicht zu Hause?“
„Wir waren gestern zum Gartenfest bei Christine. Weil es ziemlich spät geworden ist, hat Jenny dort übernachtet.“
„Wie willst du deine Tochter in den Griff bekommen, wenn du sie nicht ständig unter Kontrolle hältst? Dass du aber auch keine Lehre annehmen willst.“
„Jenny hat es gestern so gut gefallen. Sie war auf dem Reiterhof und .....“
„Das kannst du mir ein anderes Mal erzählen. Ich muss jetzt zum Friedhof.“
„Und was ist mit einem gemütlichen Kaffeenachmittag?“, fragt Jutta mit sehr gemischten Gefühlen.
„Vielleicht ein anderes Mal“, bekommt sie zur Antwort.
Einerseits erleichtert, andererseits aufgetankt mit noch mehr schlechtem Gewissen, legt Jutta den Hörer auf und geht ins Bad.
Zu ihrem Spiegelbild sagt sie: „Guck mich nicht auch noch so vorwurfsvoll an. Du siehst ja aus wie Klagens Klara. Ich mach jetzt Frühstück und fahre dann in den Wald. Wage es nicht, mir den Sonntag zu verderben.“
Sie muss schmunzeln und sagt zu sich: „Siehst du, es geht doch“, worauf sich ihr Gesicht weiter erheitert.
Aufgemuntert geht sie in die Küche.
Nach dem Frühstück nimmt Jutta die Fahrzeugpapiere und geht zum Parkplatz. Während sie den Schlüssel in das Schloss steckt, murmelt sie vor sich hin: „Der Wagen hat nicht einmal zehntausend Kilometer runter. Wie Rüdiger das wohl vor seinen Eltern gerechtfertigt hat? Aber auch das ist mir egal. Verdient habe ich eine satte Abfindung für die jahrelange moralische Folter.“
Jedes Mal, wenn sie an Rüdiger und seine Familie erinnert wird, läuft ihr eine unangenehme Kälte über den Rücken. Sie ist jedoch zuversichtlich, dass ab jetzt alles nur noch besser werden kann, und ist davon überzeugt, dass die neuen Herausforderungen in der Agentur sogar Spaß machen werden. Sie denkt an die freundlichen Kollegen und sieht auch Markus vor sich. Sofort zieht ein Kribbeln durch ihren Körper. Die Gedanken an diesen gutaussehenden Mann mit den strahlend blauen Augen lassen sie verträumt lächeln. Sie seufzt.
„ Leider ist er für mich tabu“ , ruft sie sich schnell in Erinnerung. Sie ist der Überzeugung, dass man einem Techtelmechtel mit einem Kollegen von Anfang an einen Riegel vorschieben sollte.
Zum Glück ist sie fast in der Waldsiedlung angekommen. Sie fährt auf dem schmalen Weg langsam und muss sich konzentrieren, denn hier ist schon Leben eingekehrt. Ihr kommen Jogger entgegen. Einige Familien sind bereits mit Rädern und Hundebesitzer mit ihren Vierbeinern unterwegs.
Vor Christines Haus stellt sie ihr Auto ab und steigt aus. Kaum ist sie ein paar Schritte gegangen, hört sie eine lautstarke Diskussion.
„ Hoffentlich hat Jenny keinen Ärger gemacht?“ , denkt sie erschrocken und beschleunigt ihre Schritte.
Auf der Terrasse sieht sie Olli ganz verdattert auf der Hollywoodschaukel sitzen. Vor ihm hat sich die wütende Sybille aufgebaut.
„Guten Tag“, sagt sie. Wird aber von beiden nicht weiter beachtet, sodass sie schnell im Haus verschwindet.
„Christine?“, ruft sie.
„Hier oben sind wir, in Daniels Zimmer“, hört Jutta die Stimme ihrer Freundin.
„Ich wollte Jenny abholen.“
„Die Mädchen müssten bald zurück sein. Ich beschäftige die Kleinen, damit sie von dem Theater da unten nichts mitbekommen“, flüstert sie Jutta zu und sagt zu den Jungs, „Baut mal schön an der Burg weiter. Ich bin gleich zurück und schaue mir an, was ihr geschafft habt.“
Richard guckt traurig vor sich hin. Es ist ihm anzumerken, dass er ahnt, was im Garten zwischen seinen Eltern vor sich geht. Sicher ist das nicht das erste Mal, dass die beiden streiten.
„Sybille hat acht Uhr schon angerufen und damit hier alle aus den Betten geholt – außer Olli natürlich“, sagt Christine. „Die hat mir bereits am Telefon die Hölle heiß gemacht und ist dann sofort hergekommen. Eigentlich nur, um die Jungs abzuholen, sagte sie. Sie steht aber seit einer reichlichen Stunde auf der Terrasse und diskutiert mit Olli – besser gesagt, sie schimpft nur auf ihn ein. Ich glaube, er ist noch gar nicht richtig bei Bewusstsein. Komm mit in die Küche. Ich mache uns Kaffee. Du hast doch noch etwas Zeit?“
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