Der Felix, mit seiner großen Klappe, hält sich immer dicht hinter Annabell. Hannes zeigt sich von seiner mutigen Seite und geht voran. Das geht nicht lange gut, denn der Boden wechselt ständig, sodass man den Eindruck hat, einmal auf Eiern zu laufen oder auf Wackelbrettern oder gleich ganz den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein Stück geht es doch wirklich nur auf einem schmalen Vorsprung an der Wand lang. In dem Dämmerlicht kann man nicht erkennen, wie tief der Abgrund ist.
„Das war eine gute Idee von dir“, flüstert Annika. „Es ist schon lustig, wie dumm die sich anstellen und sich einer ängstlicher als der andere aneinander festhalten. Und der mit der sonst größten Klappe macht sich besonders klein. Da ist uns einiges erspart geblieben.“
„Hoffentlich bemerken die uns nicht. Die vermuten vielleicht, dass wir auferstandene Tote sind und erschrecken sich so sehr, dass sie einen Notarzt brauchen“, sagt Lydia warnend und ruft: „Hannes, Annabell, Felix, wartet. Wir gehen mit euch zusammen.“
Die Drei drehen sich um und sind sehr erleichtert. Sie sehen in Lydia wahrscheinlich ihren rettenden Engel.
„ Das habe ich nun davon. Fünf furchtsame Teenager dicht hinter mir, die ich sicher durch die Hölle bringen muss. Warum tue ich mir das nur freiwillig an? Und wo ist der Herr Schulze, wenn man den mal braucht? Keine Spur. Den könnte man hier gut als Schutzschild und Ramme benutzen“ , denkt Lydia.
Sie sagt sich, dass alles nur Illusion ist und eigentlich überhaupt nicht gefährlich. Vorsichtig öffnet sie eine Tür nach der anderen und hat bald, mit viel Geschick, die Kinder durch alle Räume gebracht. Sie steigen in die bereitstehenden Wagen und werden nach oben transportiert.
Irgendwann kommen auch die anderen mehr oder weniger blass wieder raus.
„ Das war ganz schön aufregend und sollte nicht den ganzen Tag so weitergehen“ , denkt Lydia. „Das macht mein Herz nicht mehr lange mit.“
Gemeinsam gehen sie weiter und kommen zu einer großen Bühne, die vor einem Felsen aufgebaut ist.
Auf dem Programm steht für den Nachmittag „Ronja Räubertochter“.
Frau Berger sagt: „Na, wenigstens noch etwas Kultur.“
Sie gibt allen Bescheid, dass sie sich zu der Vorstellung einzufinden haben. Es wird wieder gemault, denn für so eine Kindergeschichte fühlen sich die meisten Schüler viel zu alt.
Als alle ihre Plätze einnehmen, setzt sich Herr Schulze natürlich neben Lydia und will gerade Luft holen, um ihr etwas zuzuraunen. Frau Berger tippt ihn in diesem Moment von hinten auf die Schulter und sagt: „Bitte, Herr Schulze. Wir wollen uns doch verteilen, damit die Aufsicht gegeben ist.“
„Ja, ja. Ich gehe ja schon“, sagt er und springt auf.
Die Aufführung ist sehr schön. Nur Cindy und Annabell gähnen gelangweilt und stören mit ihrem Geschwätz.
Langanhaltender Applaus zum Schluss zeigt aber, dass alle begeistert sind.
Bis zur Rückfahrt ist noch etwas Zeit, sodass Frau Berger das Kommando gibt: „Ihr dürft noch Karussell fahren bis zum Abwinken.“
Eine Wildwasserfahrt bildet den endgültigen Abschluss für diejenigen, die nicht genug bekommen können.
Am Abend sitzen alle am Lagerfeuer und erzählen aufgeregt, was ihnen am Tag am besten gefallen hat. Sie scheinen wirklich zufrieden zu sein. Cindy und Annabell haben die jungen Männer eingeladen. Einer hat eine Gitarre dabei. Es gibt sogar ein paar Mädchen, die sich dazu hinreißen lassen, mitzusingen.
„Das hat mir gerade noch gefehlt“, sagt Frau Berger und sieht besorgt zu Cindy, die engumschlungen mit einem Jungen etwas abseits sitzt.
Als Lydia in der Nacht von einem Geräusch geweckt wird, steht sie auf, sieht nach draußen und nimmt einen Schatten wahr, der aus dem Fenster eines Mädchenzimmers springt. Schnell zieht sie ihren Jogginganzug an und läuft raus.
„Schlimmer als im Spukschloss heute Mittag wird es schon nicht werden“, spricht sie sich Mut zu.
Als sie um die Ecke biegt, stößt sie fast mit Frau Berger zusammen, die hier schon länger auf der Lauer zu liegen scheint. Beide können einen Aufschrei gerade noch unterdrücken.
„Da hätte ich ja gar nicht leise machen müssen, um Sie nicht aufzuwecken“, flüstert Lydia ihr zu.
„Gut, dass Sie da sind. Dann habe ich wenigstens einen Zeugen. Mit dem Herrn Schulze möchte ich nicht unbedingt mitten in der Nacht allein sein“, flüstert sie zurück.
Sie schleichen hinter der Ausreißerin her und warten. Sie erahnen mehr was sich vor ihren Augen abspielt, als dass sie im Mondlicht genau erkennen können, was wirklich vor sich geht. Cindy wirft sich wie wild auf den jungen Mann, mit dem sie schon den ganzen Abend wie festgeklebt verbracht hat und zerrt an dessen Sachen. Frau Berger sieht sich das eine Weile an und schreitet dann endlich ein.
„Cindy! Hör sofort damit auf und komm hierher!“
Cindy springt erschrocken hoch und funkelt Frau Berger wütend an: „Was wollen Sie denn hier? Kann ich nicht mal nachts vor Ihnen meine Ruhe haben?“
„Du kommst jetzt mit! Das hat ein sehr unangenehmes Nachspiel für dich“, sagt Frau Berger.
Cindy läuft wütend neben Lydia her, die es sich nicht verkneifen kann, ihre Meinung zu äußern.
„Du bist doch erst vierzehn Jahre alt. Willst du dir dein Leben versauen?“
„Was geht Sie das an? Sie waren wohl nie jung? Außerdem nehme ich die Pille, da kann gar nichts passieren. Zum Glück ist meine Mutter nicht so spießig wie Sie.“
Frau Berger weist in ihrem Zimmer Cindy ein freies Bett zu und schließt die Tür ab.
„Und wage es auf gar keinen Fall, hier aus dem Fenster zu klettern“, sagt sie streng zu ihr.
Cindy legt sich in das Bett und brubbelt ihre unwillige Meinung in das Kissen. Ab und zu schnaubt sie noch wie ein wütender Stier. Nach einiger Zeit wird sie ruhiger und ist eingeschlafen.
Lydia liegt noch lange wach. Ebenso Frau Berger, denn sie wälzt sich auch hin und her.
Sie flüstert: „Das habe ich mir gleich gedacht, dass so etwas passiert. Deshalb schlafe ich auf Klassenfahrten immer im Jogginganzug. Dann bin ich schneller draußen.“
„Da müssten Sie ja Nacht- und Gefahrenzuschlag bekommen, so wie sie auf alles Acht geben müssen. Bin ich froh, doch nicht Pädagoge geworden zu sein“, erwidert Lydia.
Der letzte Tag, den alle im Erlebnisbad verbringen wollen, ist angebrochen.
Unausgeschlafen stehen Frau Berger und Lydia früh auf. Cindy hat die nächtliche Aktion scheinbar nicht viel ausgemacht, denn sie sieht aus wie der Frühling, nur noch ungeschminkt.
„Kann ich jetzt endlich in mein Zimmer gehen?“, fragt sie unfreundlich.
„Ja. Und damit du dich gleich darauf einstellen kannst, du bleibst heute in meiner Nähe.“
„Ha! Das wollen wir erst mal sehen“, sagt Cindy und verschwindet.
Herr Schulze begrüßt Frau Berger zum Frühstück und will ausführlich von der nächtlichen Aktion informiert werden. Er hofft wohl auf pikante Einzelheiten.
„Da gibt es nicht viel zu berichten“, sagt Frau Berger zu ihm. „Zum Glück ist noch mal alles gut gegangen.“
Die Schüler beeilen sich sogar, denn sie können es gar nicht erwarten, in das Schwimmbad zu kommen.
„Was war denn eigentlich in der Nacht los?“, fragt Tilly Lydia, während sie ihre Decke ausbreitet.
Lydia berichtet ihr von Cindys Alleingang, und dass sie zum Glück noch gebremst werden konnte. Tilly erzählt, dass Cindy schon seit längerer Zeit so unverschämt ist. Sie gibt ja immer mit ihren Aktionen an, da wären alle gut informiert.
„Weißt du, Tilly“, sagt Lydia. „Du musst nicht alles glauben, was sie erzählt. Ich denke, dass bei ihr viel Fantasie im Spiel ist und sie sich mit ihren Berichten in den Vordergrund drängen will. Wahrscheinlich ist sie ziemlich einsam.“
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