Er stutzt kurz, überlegt und sagt dann: „Du kannst doch froh sein, so einen Kerl wie mich mal zu haben, wenn du sonst nicht so ein Glück hast.“
„Herr Schulze“, sagt Lydia nun ganz laut und deutlich, „mein Liebesleben geht Sie doch gar nichts an. Bei mir haben Sie keine Chance, denn ich stehe weder auf verheiratete, noch auf wenig intelligente Männer.“
Zum Glück sieht sie Frau Berger kommen und geht ihr entgegen.
Sein Kopf wird rot und die Halsschlagadern treten hervor.
„Dann eben nicht, du frigide Kuh. Weißt ja gar nicht, was dir entgeht“, ruft er ihr wütend hinterher.
Lydia dreht sich um und sagt: „Nee. Aber was mir erspart geblieben ist, kann ich mir ganz gut vorstellen.“
Die letzte Nacht bleibt ruhig. Cindy traut sich nicht noch einmal raus.
Am nächsten Morgen wartet der Bus bereits, als sie noch beim Frühstück sind. Somit geht die Abfahrt ganz zügig vonstatten.
Als sie kurz vor München sind, ruft Cindy: „Frau Berger, können wir in der Innenstadt nicht Halt machen und shoppen gehen? Mein Vater hat mir extra dreihundertfünfzig Euro mitgegeben.“
„Nein. Das wäre den anderen Schülern gegenüber ungerecht.“
„Ich kann doch nichts dafür, dass die sich das nicht leisten können und es ist mir auch egal. Da ist man schon mal in München und darf nicht in die Stadt. Blöde Klassenfahrt“, mault sie.
Nachdem Lydia ihre Sprache wiedergefunden hat, fragt sie: „Woher bekommt man so einen großzügigen Vater?“
Frau Berger sieht Lydia nachdenklich an und sagt leise: „Eigentlich ist die Cindy ein armes Mädchen. Sie hängt seit Jahren im Rosenkrieg ihrer Eltern. Ich glaube nicht, dass Sie mit ihr tauschen möchten.“
„Nein. Das will ich dann doch lieber nicht“, antwortet Lydia, und es ist ihr peinlich, etwas gesagt zu haben.
Irgendwann ist die Fahrt zu Ende und der Bus hält vor der Schule. Einige Eltern sind gekommen, um ihre Kinder abzuholen.
„Mama ist noch nicht da“, stellt Tilly enttäuscht fest.
Als Lydia aus dem Bus steigt, hört sie eine schrille Stimme: „Hansiiii .....“ rufen.
Der Schrei kommt von einer kleinen stämmigen Frau, die energisch auf Herrn Schulze zumarschiert und mit den Worten: „Da seid ihr ja endlich!“, ihren Mann und Sohn in Empfang nimmt.
Sie streichelt ihrem Sohn unsanft über die Wange und reißt ihren Mann herrisch an sich. Sein Kinn sinkt voller Demut auf die Brust.
Lydia kann sich ihren Kommentar nicht verkneifen und sagt zu Frau Schulze: „Ihr Mann hat Sie sehr vermisst.“
Frau Schulze guckt etwas irritiert und meint: „Dazu hat er auch allen Grund.“
Herr Schulze blitzt Lydia über den Kopf seiner Frau hinweg wütend an, und Hannes winkt ihr lächelnd zu.
Olli kommt auf Lydia zu. „Wer ist das denn?“
„Das ist der unwiderstehliche Hansi. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass ich ohne ihn nicht weiterleben kann“, antwortet sie lächelnd und fragt: „Was machst du hier?“
„Christine hat mich gebeten, euch abzuholen.“
Lydia lässt sich auf den Beifahrersitz fallen und sagt erleichtert: „Das war´s, aus, vorbei. Für mindestens drei Tage stelle ich mein Telefon ab. Bis dahin haben sich meine Ohren hoffentlich wieder auf normalen Lärm umgestellt.“
Jutta ist gemeinsam mit Jenny zur Realschule gefahren, um sie anzumelden. So hatten beide schon mal die Möglichkeit, sich umzuschauen.
Als sie zurückkommen, hören sie bereits im Treppenhaus, dass ihr Telefon klingelt. Schnell öffnet Jutta die Wohnungstür und nimmt den Hörer ab.
„Jutta Seidel“, meldet sie sich.
„Hallo, Frau Seidel. Gut, dass ich Sie erreiche. Hier ist das Steuerbüro Melzer. Sie haben sich bei uns beworben. Herr Melzer hat mich gebeten, bei Ihnen anzufragen, ob Sie morgen gegen zehn Uhr zum Vorstellungsgespräch kommen könnten.“
„Natürlich. Das kann ich einrichten.“
„Dann werde ich Herrn Melzer Ihre Zusage übermitteln“, sagt die Sekretärin förmlich.
„Ja. Vielen Dank.“
„Jenny“, sagt Jutta überglücklich. „Ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch. Wenn das klappt, habe ich endlich einen Job.
Jenny sieht ihre Mutter mit gemischten Gefühlen an.
„Vielleicht hast du mehr Glück als ich“, sagt sie. „Muss ich wirklich morgen in diese Schule? Mir geht es heute schon nicht gut. Bitte schreib mir ausnahmsweise eine Entschuldigung.“
„Das kann ich nicht ohne richtigen Grund. Was sollen die neuen Lehrer von uns denken? Das wäre kein guter Anfang. Pass auf, morgen ist bestimmt unser Glückstag. Ich gebe mein Bestes im Steuerbüro, und du gehst in die Schule und zeigst wenigsten etwas deinen guten Willen. Ein bisschen Entgegenkommen kann ich von dir erwarten. Die Direktorin habe ich fast schon angefleht, dass sie dich nimmt, damit du nicht die restliche Zeit noch auf Omas Gymnasium musst, um dann in der Realschule wieder in eine neue Klasse zu kommen. Drücke die Daumen, dass es so vom Schulamt genehmigt wird“, sagt Jutta.
„Ich dachte, dir gehen zwischendurch die Argumente aus. Dann fiel dir doch immer noch etwas ein. Das hast du wirklich ganz gut gemacht. Aber die Daumen drücke ich mehr für deinen Job.“
„Ich sehe mir gleich die Bewerbung für Herrn Melzer an, damit ich morgen nicht zur falschen Firma fahre.“
„Das wäre lustig. Du kannst ja dann sagen: `Na, wenn ich einmal da bin, fange ich gleich an´“, sagt Jenny scherzhaft.
„Wenn es so einfach wäre“, seufzt Jutta. „Komm, wir räumen noch die Reste aus, damit die Umzugskisten endlich alle wegkommen. Ich kann sie schon nicht mehr sehen. Mit etwas Glück haben wir ab morgen nur noch wenig Zeit für solche Dinge.“
Bis zum Nachmittag ist alles geschafft. Erschöpft lassen sie sich auf die Couch fallen und sehen sich zufrieden um.
„Weißt du, Mama? Ich dachte immer, dass ich dir gleichgültig bin. So viel Zeit wie jetzt hast du dir noch nie für mich genommen. Endlich hast du mir mal zugehört und mit mir geredet“, sagt Jenny.
„Das hat mir auch nicht gefallen. Aber ich hatte mit mir selbst genug zu tun. Das Leben mit Papa und seinen Eltern war für mich nicht leicht. Manchmal dachte ich, dass ich keine Luft mehr bekomme. Und dann musste ich immer so tun, als wäre alles in bester Ordnung, denn die Vorträge wollte ich mir ersparen“, antwortet Jutta wehmütig. „Aber ab jetzt wird alles besser. Wir lassen uns von niemandem mehr reinreden und machen alles so, wie es uns gefällt.“
„Mir gefällt es aber gar nicht, dass ich morgen in die Schule soll“, startet Jenny einen erneuten Versuch.
„Du musst. Sonst gibt es Ärger. Wir wollen doch Papa keinen Grund liefern, dich hier abzuholen, weil ich mit dir überfordert bin, oder?“
„Das ist aber nur ein Mini-Argument“, sagt Jenny enttäuscht. „Ich bringe jetzt mein altes Spielzeug in den Keller, und dann hätte ich Appetit auf Kuchen mit Kakao.“
„Und ich telefoniere noch kurz mit Oma und bereite dann den Kaffee vor“, sagt Jutta.
„Wäre es nicht schön, wenn das heute nur unser Tag bleibt?“, fragt Jenny und hofft, dass ihre Mutter dann gar nicht erst auf die Idee kommt, wieder spontan die Oma einzuladen.
„Okay. Versprochen. Nur unser Tag.“
Als die Wohnungstür hinter Jenny ins Schloss fällt, greift Jutta zum Hörer.
„Schubert“, meldet sich ihre Mutter.
„Hallo, Mutti. Ich habe ein Problem. Würdest du mir morgen bitte dein Auto leihen? Ich habe ein Vorstellungsgespräch in Kirchbach. Dort fahren zu dieser Zeit weder Bahn noch Bus hin.“
„Das passt mir gar nicht. Du weißt doch, dass ich jeden Tag zum Vati fahre. Da brauche ich das Auto schon selbst. Ein Fahrrad kann ich dir geben. Das steht sowieso nur im Keller“, sagt ihre Mutter.
Jutta überlegt kurz.
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