Ratlos denkt Lydia über Annika nach und hofft, dass sie ihr gemeinsam mit Tilly und Christine helfen kann.
Am nächsten Tag steht der Besuch des Freizeitparkes auf dem Programm. Alle scheinen zufrieden zu sein, schwatzen in freudiger Erwartung durcheinander.
Auf dem weitläufigen Gelände sind die verschiedensten Karussells aufgebaut, die mit ihrer Kulisse ein tolles Ambiente bilden. Selbst die Losbude wurde in ihrer Gestaltung der Berggegend angepasst. Als Gewinne gibt es Murmeltiere, Steinböcke, sogar Vögel aus Plüsch und Zubehör für Trachten, vom Taschentuch bis zu den Schnürsenkeln, Hüte, Wanderstöcke, Edelweiß-Anstecknadeln bis hin zur Lederhose in mini-klein bis Herrn Schulze-groß.
Kaum hat Lydia an ihn gedacht, steht er auch schon dicht hinter ihr und flüstert: „In so einem feschen Dirndl möchte ich dich gern mal sehen. Da siehst du sicher umwerfend aus.“
Lydia ignoriert ihn einfach und geht weiter. Um ihm aus dem Weg zu gehen, fragt sie Tilly und Annika: „Was haltet ihr davon, wenn wir da vorn mit der Schleuder fahren? So ein tolles Karussell gab es in meiner Jugend nicht.“
Und denkt: „Was ich nicht alles auf mich nehme, um diesem Herrn zu entkommen. Hoffentlich behalte ich mein Frühstück drin.“
Die Mädchen sind begeistert und laufen schon mal vor, um sich anzustellen.
Die Schleuder ist ein riesiger runder Metallkäfig, der sich um seine eigene Achse dreht. Durch die Fliehkraft wird jeder Mitfahrer nach außen gedrückt. Lydia hätte nie gedacht, dass sich der Herr Schulze auch in die Schlange der Schleuder-Willigen einreiht. Er beobachtet sie und als sich ihre Blicke treffen, grinst er sie an.
Zurück kann sie nun nicht mehr, denn dann hätte sie an ihm vorbeigemusst. Ohne engen Körperkontakt wäre das nicht möglich gewesen, da die Breite des Zugangs nur für eine vorwärtsstrebende Person gedacht ist.
Tilly und Annika stellen sich beide links neben Lydia und wie sollte es anders sein, der Herr Schulze kommt unaufhaltsam auf sie zu und schiebt seine Massen an ihre rechte Seite.
„Da will ich mal schön auf dich aufpassen, damit du nicht abhebst und wegfliegst“, sagt er mit leuchtenden Augen zu ihr.
Sie sendet eine große Bitte nach ganz oben: „Oh Gott, bitte lass die Fahrt schnell vorbei sein. Oder besser noch – schicke einen Motorschaden in dieses Gefährt“, und hofft, dass die Schleuder durch das Gewicht des Herrn Schulze erst gar nicht in Fahrt kommt.
Leider sind nur wenig Mutige eingestiegen, sodass das Gewicht des Herrn Schulze nicht sehr ins Gewicht zu fallen scheint, denn die Fahrt geht einfach los, ohne Lydias Wünsche zu erfüllen.
Sie denkt entsetzt: „Wenn sich doch dieses Ding wenigstens in die andere Richtung drehen würde, aber nein – den Herrn Schulze drückt es unaufhaltsam zu mir. Womit habe ich das verdient? Oh Gott, du weißt wohl nicht wie viel der wiegt? Du musst ja hier nicht hängen. Das Gitter drückt sich in meinen Rücken. Noch ein bisschen und ich schnipse durch, wie eine Kartoffel durch den Pommesschneider. Hiiilllfffeee!“
Irgendwann lässt die Geschwindigkeit langsam nach.
Herr Schulze kann es sich nicht verkneifen, Lydia zuzuflüstern: „Wow. Das hat gut getan.“
Als Lydia die Augen öffnet, sieht sie, dass Tilly ganz blass geworden ist und Herrn Schulze böse anfunkelt.
Annika sieht so aus, als würde sie gleich ihr Frühstück verlieren. Lydia vergisst ihre eigene Übelkeit und Verzweiflung.
Sie sucht sich mit den Mädchen eine ruhige Ecke, in der sie erst mal verschnaufen können.
„Wie geht es dir?“, fragt Tilly. „Ich hatte so eine Angst, dass der dich zerquetscht.“
Nun muss Lydia lächeln, denn die ganze Situation ist ihr einfach zu blöd.
„Ich wollte doch nur mit diesem Ding fahren, weil ich dachte, dass Herr Schulze da ganz bestimmt nicht einsteigt. Damit ich ihn ein Weilchen los bin. Aber beruhige dich, es geht schon wieder. Mein Rücken sieht sicher aus, als hätte man mir ein Brandzeichen aufgedrückt. Morgen laufe ich im Schwimmbad wie ein Werbeplakat für Metallgitter rum.“
Tilly sieht Lydia zweifelnd an. Es bleibt ihr aber nichts anderes übrig, als ihrer Patentante zu glauben, dass es ihr wirklich ganz gut geht.
Frau Berger kommt zu ihnen und sagt mitleidig zu Lydia: „Das sah ja schlimm aus. Sind sie verletzt?“
„Nein. Es geht schon wieder. Der Schreck ist größer als es die ganze Sache wert ist.“ Damit beruhigt sie sich auch selbst und schlägt vor: „Vielleicht sollte ich nur noch auf einem Schwein des Kinderkarussells reiten.“
Nach einer kurzen Pause sind alle in der Lage, die nächste Attraktion in Angriff zu nehmen.
Eine Geisterbahn mit Gruselkabinett wurde in einen alten Bergwerkstollen eingebaut. Die Schautafeln am Kassenhäuschen lassen erkennen, dass drinnen schaurig schöne Aktionen zu erwarten sind. Man muss wirklich zwischendurch aus dem Wagen aussteigen und durch verschiedene Räume eines Spukschlosses gehen. Wenn man sich da durchgequält hat, wird man den Rest der Strecke wieder gefahren. Die Geräusche aus dem Lautsprecher tun ihr Übriges. Wer jetzt noch keine Gänsehaut bekommen hat, kauft sich ein Ticket und reiht sich in die Schlange der Wartenden ein. Von den Schülern will niemand als Feigling dastehen, also drängen alle nach vorn.
Leider ist am Eingang kein Extra-Warnschild angebracht: „Nur für ganz Mutige“, oder so, denn dann könnte man es sich noch einmal überlegen, überhaupt in den Berg reinzufahren.
Alle stürmen in die Wagen und wollen sich an der Angst der anderen erfreuen.
Tilly und Annika setzen sich zu Lydia.
„Ich weiß aber nicht, ob ich euch beschützen kann“, sagt Lydia vorsorglich.
„Gemeinsam sind wir stark“, meint Annika.
„Oder willst du lieber mit Herrn Schulze fahren?“, fragt Tilly schelmisch.
Zum Glück haben die Mädchen ihren Humor wiedergefunden.
„Das weiß ich zu verhindern. Den würde ich höchstens da drin aussetzen. Ohne Orientierungshilfe“, sagt Lydia.
Los geht die Fahrt und gleich abwärts in das unterirdische Gewölbe. Aus den vorderen Wagen sind Schreckensschreie zu hören. Lydia macht ihre Augen zu und hofft, wenigstens das erste Stück gut zu überstehen. Die Mädchen können ihr ja hinterher erzählen, was es zu sehen gab. Da beide ziemlich still sind und sich an sie klammern, öffnet sie ihre Augen und sieht in einem Moment, als grelle Blitze die Umgebung erleuchten, dass beide ebenfalls die Augen zugekniffen haben.
„Ihr Feiglinge“, schreit Lydia sie an, um die schrecklichen Geräusche zu übertönen. „Ihr sollt die Fahrt genießen und mir hinterher ganz genau berichten, was ich verpasst habe.“
Die Mädchen blinzeln durch ihre dünnen Lidschlitze. In diesem Moment schnellt ein Gerippe von oben vor ihren Wagen, sodass alle drei wie wild kreischen.
„Mensch, erschreckt mich doch nicht so“, schreit Lydia. „Das ist doch alles nur aus Gips und Farbe.“
Der Wagen wird immer schneller, saust um Kurven mal links, mal rechts. Einmal geht es steil nach oben und dann wieder nach unten. Sie werden ununterbrochen durchgerüttelt. Ständig kommen sie an unheimlichen Gestalten vorbei, die den Eindruck erwecken, sie angreifen zu wollen.
Sie sind sehr erleichtert, als der Wagen endlich stehenbleibt.
Jetzt müssen sie aussteigen und den weiteren Weg aus dieser Hölle zu Fuß zurücklegen.
„Uns bleibt nichts weiter übrig, als zusammenzubleiben und wenigstens einer sollte gucken, wo es lang geht“, sagt Lydia. „Wir könnten uns doch abwechseln.“
„Ich habe eine andere Idee“, sagt Tilly und macht einen Vorschlag. „Wir verstecken uns dort hinter der Mauer, warten auf die nächsten Mutigen und schleichen dann hinter denen her.“
In dem Wagen sitzen der vorlaute Felix, Hannes und Annabell. Sie steigen aus, sehen sich um und suchen vorsichtig nach dem richtigen Weg. Zum Glück bemerken sie nicht, dass sie verfolgt werden.
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