Die Zukunft wird wie eine Katze durch den Türspalt schlüpfen und um Hana Marics Beine streichen, denkt Frau Kan. Frau Kan mag junge Frauen und die Vorstellung, dass eine Stimme, ein Blitz, eine Begegnung ihr Leben aus den vorgerichteten Bahnen hebt und Schutzengel sie in das verheissene Land begleiten. Mimi war so eine junge Frau gewesen. Mimi am Lac de Joux. In einer Zeit in Frau Kans Leben, in der Träume und Realität ein und derselbe Stoff in verschiedenen Aggregatzuständen gewesen waren. Ein kleiner geträumter See. Von dunklem Blau. Auf einem Hochtal. Mit gespiegelter Silhouette eines Tannenwaldes. In einem früheren Jahrhundert Sommerdestination für noble Gäste. Mit Hilfe des Internets von Frau Kan als Lac de Joux identifiziert. In Le Lieu. 20 Meter vom Ufer entfernt. An der Seestrasse. Hinter einer Thuja-Hecke versteckt. Das gemietete Ferienhaus. Zweistöckig. Ein Stück Rasen zwischen dem Haus und dem Sammelplatz mit den Abfallcontainern. Stück für Stück hatte sich Frau Kan die geträumte Gegend einverleibt. Aufgezeichnet. In den zwei Kisten als Hausrat mit sich herumtransportiert. Hausrat ist zollfrei. Frau Kan beginnt mit Aufräumen. Vorläufig alleine. Ohne Hana Maric.
Die lange Schönwetterperiode hatte das Ufer verbreitert. Trockene Blätter am Boden. Die Sonne vermischte die Farben. Die Wassertemperatur betrug nach Aussage des einzigen Berufsfischers 15 Grad. „ Mais bien sûr, Madame, vous pouvez nager, pas de problèmes, mais la température, Madame !“ Nach dem Schwimmen holte ich mir beim Fischer einen Fisch, wenn er welche gefangen hatte. Hans wollte kommen. Verschiedene Bekannte wollten kommen. Hans wusste nicht, wann er kommen würde. Die angemeldeten Gäste meldeten sich einer nach dem andern ab, bedauerten dass sie krankheitshalber nicht kommen konnten. Jeder wegen einer anderen Krankheit bis hin zu Lähmungserscheinungen, die eine Operation nötig machten. Die Situation hatte trotz sich anbietender Analogie nichts zu tun mit der biblischen Geschichte, in der ein reicher Mann, nachdem alle eingeladenen Freunde ihr Kommen wieder abgesagt hatten, Leute von der Strasse zu seinem Fest einlädt. Fünf Zimmer standen zur Verfügung. Das Wohnzimmer ging direkt auf die ebenerdige Terrasse. Im Grenzwald habe ich mich verlaufen. Hatte kein Essen und Trinken bei mir. Ohne Holzfäller wäre ich verloren gewesen.
Otto erscheint. Otto, der Grenzwächter. Es muss diese Grenze am lac gewesen sein, die Otto bewacht hatte, denkt Frau Kan. Die Wollsocken, die die Witwe an Ottos Sterbebett gestrickt hat, werden mich warmhalten. Ich werde mich nicht verlaufen, denkt Frau Kan. Otto hat die Grenze abgeschritten. Auch nachts. Nachts zu Zweit. Hellwach. Die Hand an der Pistole. Vielleicht war es auch ein Gewehr gewesen. Frau Kan erinnert sich nicht an Ottos Erzählung. Später war Otto zur Polizei gekommen. „Ihm sei es gut gegangen“, hat Otto gesagt. Für sich hat er nach der Wiedergutmachungsinitiative vom Staat keinen Solidaritätsbeitrag beantragt, aber für seine Schwester. Als Sportschütze in der Schweizer Nationalmannschaft sei er in der ganzen Welt herumgekommen: China, Russland, Südafrika, USA . Erst als er die Dokumente aufgetrieben habe für das Wiedergutmachungsgesuch für seine Schwester, habe er realisiert, was damals eigentlich gewesen sei. Die Mutter im Gefängnis. Dazwischen in der Psychiatrie. Der Vater Hausierer. Er sei im Glauben gewesen, die Mutter hätte ihn und die Schwester weggegeben, weil sie nicht imstande gewesen sei, für ihre Kinder zu sorgen. Erst als er die Dokumente aufgetrieben habe, habe er realisiert, was damals gewesen sei. Otto hat geweint. Frau Kan hat mit Otto geweint. Ottos Vater war Hausierer gewesen, wie der mit dem grossen Koffer, den die Mutter in die Stube gebeten hatte. Kurz nach dem die Jugendliche Kan die erste Menarche bekommen hatte. „Es sei Zeit den ersten Strumpfgürtel und Strümpfe zu kaufen“, hatte die Mutter gesagt. Die Katastrophe hatte das Kind unvorbereitet getroffen. Die Strapse lagen hart auf der Haut, der Gürtel umschnürte die Taille. Die Nacktheit unter dem Rock. Die Gefahr der Laufmaschen. Strümpfe waren teuer. Sie wurden geflickt. Werktags hatte Mutter Würmer an den Beinen. Die unversehrten Strümpfe waren für die Sonntage. Irgendeinmal ist der Miederwarenhausierer nicht mehr gekommen. Die dicken gemusterten orangenen Strumpfhosen haben die Strümpfe am Gürtel abgelöst. Die orangenen Beine und der Überzug über das Geschlecht bis zum Bauchnabel haben der heranwachsende Kan die Sicherheit gegeben nicht wie Mutter zu werden. Strumpfgürtel und Strümpfe haben sich bei Mutter bis zuletzt gehalten, auch wenn unterdessen die Hausierer zu Vertretern geworden waren für Bratensauce, Staubsauger, Putzmittel und zuletzt noch für Versicherungen. Gottliebs Zugriff unter den Rock haben die dicken gemusterten orangenen Strumpfhosen nicht abgehalten. „Es macht nichts, du musst nachher nur aufstehen“, hatte Gottlieb gesagt.
Das bin doch ich.
Du musst nur aufstehen,
die Lippen nachziehen,
aus dem Haus gehen.
Frau Kan weiss nicht, was Ottos Vater verkauft hatte. Hans Peters Vater ist auch zeitweise mit einem Koffer aus dem Haus gegangen und erst nach ein paar Tagen wieder zurückgekommen. Hans Peters Vater war Bildhauer gewesen. Wohin er mit dem Koffer ging und was er im Koffer gehabt hatte, interessierte niemanden im Dorf. Die Hans Peters haben im Dorf gewohnt, weil sie kein Geld gehabt hatten. Der Vater hatte aus dem nahe gelegenen Steinbruch Abfall holen können. Auf die Grabsteinmuster im Koffer ist Hans Peter erst bei der Beerdigung seines Vaters gestossen. Die Handelsreisenden hatten damals keinen guten Namen gehabt. Hans Peter ist seiner Mutter und seinem Vater nicht weggenommen worden. Vielleicht haben die Steine aus dem Dorf um das Haus der Hans Peters herum eine unsichtbare Todeszone abgegrenzt, die kein Dorfbewohner jemals betrat. Hans Peter ist später nach Berlin gegangen. Viele sind aus dem Dorf weggegangen. Auch Dionys. Dionys hat der heranwachsenden Kan gezeigt, wie sie sich anziehen und schminken muss und wie sich tanzen anfühlt. Hans Peter ist ein Robert Walser geworden.
Die Holzfäller haben mir den Weg aus dem Grenzwald gewiesen. Mimi war mir aufgefallen, weil sie alleine war. An jenem Tag als ich vom Grenzwald zurückgekommen bin. Den Fischer ausgenommen, war ich bis dahin nur Paaren – häufig gleichgeschlechtlichen – und Gruppen begegnet. Mimi schien nicht zu den jungen Leuten zu gehören, die ein paar hundert Meter weiter oben gegen das Ende des Sees campierten. Camping war verboten. Mit besonderer Bewilligung konnte man trotzdem campieren. Mimi war von einem Vakuum umschlossen. Vornübergebeugt befand sie sich im Sog ihrer Materialien, ihrer Vision des Schmuckes der daraus entstand. Die Linien des Ufers, die Bewegungen des Wassers waren von ihr abgerückt. Mimi faszinierte mich. Die Annäherung ging nur langsam voran. Eigentlich hatte ich nichts anderes im Sinn gehabt, als unverzüglich ins Chalet zurückzukehren, die Schuhe auszuziehen und etwas zu trinken und zu essen. Nur noch gemütlich hatte ich es haben wollen, wie die Grossmutter in der Bahnhofshalle bei meiner Abfahrt. Von den streikenden Bahnangestellten an die Wand gedrängt, ihre beiden Enkelkindern an sich gedrückt, hatte sie sich über sie gebeugt: „Schon wieder eine Demonstration. Wir wollen jetzt nach Hause. Wir haben einen Krampf gehabt und jetzt wollen wir es nur noch gemütlich haben, kommt Kinder, kommt!“ Das ältere Mädchen, erschreckt und fasziniert von der Masse der Schirmmützen, der Fahnen, dem vulkanisch blubbernden Stimmenbrei, hatte sich nur schleppend mitziehen lassen. Mimi am Lac de Joux sass versunken im Schneidersitz am Ufer. Ich stellte mich neben sie und blickte auf den See. Mimi würde Hans gefallen. Eine kaum wahrnehmbare Brise wellte das Wasser. Helle Falten plissierten die blaugrau grüne Fläche, als würde ein buddhistischer Mönch seinen Rechen über das Wasser ziehen. Mimi grüsste mich auf Schweizerdeutsch, ohne aufzublicken und ohne aufzuhören den Draht um den Kiesel zu wickeln, der auf ein bereits umwickeltes Hölzchen und ein zerknülltes himbeerfarbenes Glanzpapier folgte. „Benötigen sie eine Zange?“, fragte ich Mimi. Ich hatte im Raum mit dem Schild „Privé, Entrée interdite“ einen Werkzeugkasten gesehen. Mimi bejahte. Kein Abschätzen meiner Person, kein überrascht Sein, kein Zögern, kein Überlegen, sie sagte in einer Selbstverständlichkeit Ja, als hätte sie gewusst, dass jemand kommen und ihr eine Zange anbieten würde, weil sie eine Zange benötigte. „Dann kommen sie!“ Mimi sammelte ihre am Boden liegenden Schätze ein, legte sie wie Trüffeln in die rechte Handschale. Mit übereinander gekreuzten Beinen stand sie auf, die Drahtschnur mit den bereits umwickelten Fundstücken in der linken Hand. Sie bat mich ihre Freitags-Tasche zu tragen. Sie sei nicht schwer. Die Gegend behandelt zugelaufene Katzen gut. Der Hausverwalter hatte mir bei der Schlüsselübergabe zuallererst das Katzenfutter gezeigt. „Es würden Katzen vorbeikommen“, hatte er mich angewiesen. Das Futter war schon aufgebraucht. Ich hatte kein neues gekauft. Ich hatte auch nicht den Hausverwalter bitten wollen mir neues zu bringen. Ich hatte nicht die beste Meinung von ihm. Er hatte keine Bettwäsche für den erwarteten Besuch bereitgelegt. Hinter dem Vorhang im Badezimmer hatte ich Bettwäsche ausgemacht. Für die Einzelbetten. Das Zimmer mit dem Einzelbett konnte ich aber wegen dem Fleck auf dem Teppich nicht anbieten. „Un petit malheur du Monsieur“, hatte mir der Hausverwalter bei der Hausführung erklärt. Mimi ging neben mir. Sie hatte asiatische Gesichtszüge, war aber blond. Sie sah nicht weg und sie sah nicht hin. Sie ging neben mir, als gäbe es nur sie. Signale aus der Umwelt, um sich zu orientieren, schien sie nicht nötig zu haben. Das Chalet steht in einer Gegend, die von der Uhrmacherei hugenottischen Ursprungs lebt. Abgeschlossen, still und genügsam liegt sie zwischen dem Juragestein. Dunkelgrün von Nadelwald abgedichtet, schweigt sie vor sich hin. Mimi ist zu ephemer für diese Gegend. Wenn Männer in dunkelblauen Anzügen auf den Parkplätzen vor den usines aus glänzenden Autos steigen, afrikanische Tücher an den Leinen zwischen den Fensterrahmen hängen, ein Unbekannter ein Zimmer sucht, bei dessen Miete der Pass nicht hinterlegt werden muss, ahnt man die nahe Grenze. Die Bauern verkaufen hier ihre Milch jedem, der sie grüsst. Sauber war die Gegend, präzis, schlicht, zeitlos mit den zu gross gewordenen Kirchen in den kleinen Dörfern, die sorgfältig unterhalten wurden, weil man nie wusste, wie die Zeit sich zukünftig verhalten würde. Die Frauen waren ebenso sorgfältig gekleidet und frisiert. Ein dezentes Tüchlein, ein Schmuckstück, selten Lippenstift. Nur die Schuhe schienen der Aufmerksamkeit der Bewohnerinnen zu entgehen. Sie waren einfach da zum Gehen. Geputzt, nicht einmal geglänzt und ohne Accessoires. Die Männer waren auf den Strassen und Trottoirs schwer voneinander zu unterscheiden, glichen Olaf Enquists Bild auf dem Cover der Milchfrauenhände. Sie trugen beige oder blaue Stoffjacken. Mimi fiel auf wegen ihrem blonden Haar und den asiatischen Gesichtszügen. Die Freitag – Tasche, die Jeans, der rote, tief ausgeschnittene Pullover, die roten Turnschuhe passten in die junge Linie, die gerade den ganzen Erdball umzog. Junge Leute gab es in dieser Gegend nicht so viele. Ich schloss die Tür auf, liess Mimi den Vortritt. Mimi setzte sich an den Tisch und wartete. Die Freitag-Tasche stellte ich neben ihr ab. Mimi passte irgendwie doch an diesen Ort, der wie ein alter Star von der Erinnerung lebt, als die Leute ihn noch umringt hatten um ein Autogramm zu bekommen. Hier würde keiner eine getürmte Tochter einer gutbürgerlichen Familie erwarten. Ich kochte Tee und legte die petits plats auf einen Teller. Die petits plats waren kleine Pizzas, die aber petits plats waren, wie mich die Bäckersfrau, nicht ungeduldig, aber bestimmt, korrigiert hatte. Sie war sich ihrer Sache sicher, lenkte die Unentschlossenheiten, das Abschweifen, die fremden Ausdrücke höflich und bestimmt auf ihre Ware hin, die nach Hefe, Butter und Rahm roch. Dazwischen hatte sie die Schlange, respektive den queue aufgefordert doch bitte aufschliessen zu wollen. Das Stocken war durch mein Wiederholen des Pizzawunsches und durch das Hin und Her der zwei Herren entstanden, die sich im weiten Feld der Verführungen verloren hatten und sich gegenseitig immer wieder fragten, was sie denn gerne hätten. Sie haben das Spiel so gut beherrscht, bis der eine nach der Aufforderung der Bäckersfrau absichtlich einen Fehler gemacht und sich für die milles feuilles entschieden hatte. Ich entschuldigte mich bei Mimi, dass ich wegen dem unerwarteten Sonntag an einem Montag nur die petits plats zu bieten hätte, die ich in der Bäckerei gekauft hätte, die auch an Sonntagen geöffnet habe. Ob sie wisse, was der jeûne fédéral sei, fragte ich aus der Küche durch die Anrichte in die Stube. Mimi reagierte nicht. Der Alte, in einer gefütterten blauen Stoffjacke, mit meditativem Gang, den ich nach dem Einkauf in der Bäckerei nach der Bedeutung des Sonntags gefragt hatte, hatte auch nicht gewusst, warum am Montag Sonntag war. Sicher etwas, das zwei hundert Jahre zurück liegt, hatte er gemeint. Man denke sicher an Gott, hat er gesagt. In anderen Gebieten, da gebe es diesen Sonntag nicht, da sei man katholisch, in Genf zum Beispiel, hatte er gesagt. Ich erzählte Mimi lachend vom Weltbild des Alten, der wahrscheinlich von Hugenotten abstammte und Genf, die Calvinstadt, des Katholizismus bezichtigte hatte.
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