Schreiben sie etwas zur Geschichte ihrer Familie 3
Frau Kan war nicht mit der Mutter von Indien zurückgekommen. Auch nicht von Uruguay. Sie war von Vater und Mutter bei der Firma Storch bestellt worden. Ein kleines Missgeschick. Nicht schlimm. Es war nochmals gut gegangen. Der junge übermütige Mitarbeiter hatte die Bestellung nur flüchtig gelesen und begonnen das Bestellte schwarz anzumalen. Der Aufseher hatte ihn rechtzeitig erwischt. Ein schwarzes Muttermal war geblieben. Das schwarze Hautstück ist später herausgeschnitten worden. Es hätte bösartig werden können. Frau Kan kommt aus einer Familie, die nicht viele Spuren hinterlassen hat. Frau Kan wird die Hinterlassenschaft der Familie um eine Teekanne vermehren und ihre Spuren verwischen. Frau kann räumt auf. Die zwei Plastikkisten mit den schwarzen Deckeln müssen weg. Nichts mehr aufschreiben. Den ersten farbigen Menschen aus der Männersammlung in der Wolke mitnehmen. Er ist nicht schwer. Der Elefantenwärter beim Zirkus in Genf. „Komm mir ja nie mit einem Schwarzen nach Hause.“ Die Mutter klopft die rückwärtige Seite des über die Stange gehängten Teppichs. „Komm mir ja nie mit einem Schwarzen nach Hause.“ Frau Kan hat den Zirkusbesuch nicht aufgeschrieben. Die Fressgeräusche der Tiere. Der ätzende Geruch, das Sägemehl, die laute Musik, der watschelnde Clown. Der Zirkus hatte die junge Frau Kan erschreckt. Der fremde Geruch. Die junge Frau Kan kannte den Geruch der Kühe, der Kaninchen, der Schweine und der Pferde auf der Weide. Den Geruch der Morgenfeuchte bei der Suche nach Weinbergschnecken an den feuchten Grasborden. Sie kannte die Berührung der nassen Grasrispen, die über die freie Hautstelle zwischen dem Schaft der Gummistiefel und dem Rocksaum strichen. Den Geruch des Mannes mit dem breitkrempigen schwarzen Hut, der auf dem Lieferwagen gestanden und den Kindern die Kessel mit den Schnecken aus den hochgestreckten Händen abgenommen hat. Den Eimer mit den Schnecken an die Handzugwaage hängte, den Kessel über einer Tonne ausleerte, den leeren Kessel nochmals an die Waage hängte und ihn den Kindern nach unten reichte. Frau Kan weiss, wie sich die Hand anfühlt, die dem auf dem Wagenrad stehenden Kind die Münzen in die hohle Hand legt und die Finger über die Münzen faltet. Frau Kan erinnert sich an den Geruch des Geldes in ihrer verschleimten Hand, an die Erregung, die sich an den folgenden Tagen an den Gedanken des Kaufhausbesuches heftete. Die Schnecken hatten es gut gehabt im Dorf. Die Kinder hatten sie auf einem kleinem Rechteck Gras unter einem Gitter gehalten. Die Schnecken umschlangen sich. Krochen übereinander weg. Das Gitter hatten die Kinder jeden Tag auf ein frisches Eckchen Gras geschoben. Das zurückbleibende Geflecht aus schwarz gefärbten Schleimfäden hatten die Kinder mit der Spritzkanne weggespült und den Rest des Wassers über die Schnecken rieseln lassen. Der Schneckenmann war jede Woche am Mittwoch um 13.00 Uhr mit dem Lieferwagen vor Grossmutters Haus gefahren. Grossmutter hatte auch nichts dagegen, wenn an ihrem Brunnen die Schneckenkessel gewachsen wurden. Im Dorf hat niemand Schnecken gegessen. Ausser Dilwa, die Italienerin. Niemand im Dorf interessierte sich dafür, wo die Schnecken hinkamen. Zu Dilwa ist niemand zum Essen gegangen, weil sie Schnecken gegessen hat und jeden im Dorf mit den Schnecken hätte hereinlegen können. Dilwa hatte den ersten Fernseher im Dorf. In einem Hinterzimmer mit Betonboden. Neben dem Regal mit den Einmachgläsern. Die gezogenen rotpurpurnen Vorhänge vor dem vergitterten Fenster verströmten eine narkotisierende Schwere. Bei Dilwa hat das Kind Kan den ersten Film gesehen. Peter Pan. Peter Pan umweht von einem säuerlichen Geruch aus dem offenen Glas mit den eingemachten Eierschwämmen. „Iss!“, hatte Dilwa zum Kind gesagt. Dilwas Fernsehraum und Grossmutters Stube, beherrscht von rotpurpurnem Samt waren nur in Ausnahmefällen als Aufenthaltsraum für Kinder erlaubt. Grossmutters Stube musste durchquert werden um in das kleine Kolonialwarenladenzimmerchen zu gelangen. Grossmutters Kolonialwarenladen hatte keine fixen Öffnungszeiten. Wer etwas kaufen wollte, kam vorbei, kaufte etwas und setzte sich mit Grossmutter an den Tisch mit dem rotpurpurnen Samttischtuch. Kam noch jemand von aussen herein, wurde stehend weitergeredet bis die Person, die bereits eingekauft hatte, sich zum Gehen wandte.
Das bin doch ich!
Die Frau auf dem Schimmel
Hop on Hop off
Dirty little bride.
Eine Andere unter anderen.
Das erste Fremdheitserlebnis
Dein erstes Fremdheitserlebnis? Alle haben bereitwillig Auskunft gegeben. Niemand hat vor dem Antworten zuerst nachdenken müssen. Niemand hat die junge Kunstschaffende Kan seltsam angeguckt. Niemand hat gesagt, er verstehe die Frage nicht. Eine Partitur für Sprechgesang im trauten Kreis mit sich abwechselnden Stimmen. Aufbewahrt. Bei jedem Umzug verpackt und mitgenommen. In den Kisten mit den schwarzen Deckeln.
Elke
Ich glaube es war 1945 gleich nach dem Krieg. Wir haben die Verwandten in Freiburg im Breisgau besucht. Wir hatten die Gewohnheit gehabt bei unseren Besuchen im Bahnhofbuffet einzukehren. Das Bahnhofbuffet ist zerstört gewesen, hat ausgesehen wie eine Geisterburg. Es hat trotzdem etwas Gutes zum Essen gegeben und ich habe gegessen und gegessen. Da hat der Kellner zu mir gesagt: Nicht mehr in den Mund stopfen, als Platz hat, Kind.
Jan
Ich hatte eine Tante, die hat einen religiösen Wahn gehabt. In ihrer Wohnung waren die Wände mit Pelzen verhangen. Als Geschenk hat sie nur weisse Lilien akzeptiert. Einmal habe ich den Mut aufgebracht und habe einen Strauss roter Nelken gekauft. Bei der Verpackung habe ich darauf geachtet, dass kein roter Schimmer zu sehen war. Innerlich habe ich gezittert. Die Tante hat die Nelken ausgepackt, hat sie in eine Vase gestellt und danke gesagt.
Godi
Während dem Krieg wurden wir Kinder von Schaffhausen zu unseren Verwandten ins Berner Oberland gebracht. Da gingen wir auch zur Schule. Da waren Polen und die waren so freundlich zu uns.
Helen
Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Meine Mutter hatte nicht den Mut sesshaft zu werden. Wir sind über die Grenze hin und her gereist. Ich erinnere mich an den Peugeot 204, an die Autobahnen, die Autostrassen. Die Situation war etwas unklar. Ich musste ins Spital zur Abklärung. Da hatte es Gitterbetten, wie damals üblich. Die Schwester fragte meine Mutter, was ich denn am liebsten mochte. Meine Mutter sagte: „Kaffee“. Ich hielt mich an diesem Kaffee fest. Am Morgen hat mir eine Schwester Kaffee gebracht und ich bin in Tränen ausgebrochen. Das war nicht der Kaffee, den wir zu Hause tranken. Das war Kinderkaffee. Scheusslicher Kinderkaffee.
Adrian
Ich habe den Buchstaben RRRR nicht richtig aussprechen können. Im Badezimmer hatten wir so eine Frotteetuch Stange. Da hängte ich mich dran und konnte plötzlich den R richtig aussprechen.
Susanne
Mutter und Vater waren zerstritten. Sie wollten sich scheiden. Sie stellten den Bruder und mich auf die Kommode und sagten: Springt demjenigen an den Hals, den ihr lieber habt. Mein Bruder sprang dem Vater um den Hals. Ich sprang dazwischen. Die Mutter weinte. Ich stand bockstill. Der Vater sagte, ich hätte die Mutter beim Springen mit dem Fuss am Bein getroffen.
Fritz
Ich bin auf einer Anhöhe im Emmental aufgewachsen. Neben dem Bauernhaus stand ein kleineres Stöckli mit Rauchküche. In diesem hat eine ärmere Familie gewohnt. Später ist die Familie ausgezogen. Wir haben das Stöckli umgebaut und an Feriengäste vermietet. Reiche Familien aus Zürich und Basel sind gekommen und haben zwei drei Wochen darin gewohnt. Das war eine andere Sorte Leute. Und einmal, da ist eine Familie aus Wallisellen gekommen. Es war der eine Sohn der Familie, die vor dem Umbau im Stöckli gewohnt hatten. Er ist mit seiner Familie ins umgebaute Stöckli zurückgekommen. In die Ferien. Meine Schwester und ich sind daraufhin von der Familie nach Wallisellen zu ihnen in die Ferien eingeladen worden. Ich erinnere mich, wie die Leute in Wallisellen zu der Familie gekommen sind, weil sie uns sehen wollten. Die Kinder aus den Bergen. Meine Schwester und ich sind früher als geplant wieder nach Hause gefahren.
Читать дальше