»Guck, wie erbärmlich ich bin. Was bin ich schon? Was bilde ich mir eigentlich ein? Die Ärzte, Schwestern und Pfleger retten hier täglich Menschenleben. Was nützt mir mein Verstand, wenn ich nichts tue? Hätte mich doch diese irre Schlampe getötet, stattdessen ist sie selbst tot.«
Hündchen fährt mich böse an, ehe ich weiter sprechen kann. Eins kann es gar nicht leiden: Schlechte Stimmung. »Na du bist aber schlecht gelaunt. Ich glaube, ich gehe besser wieder.«
Als Hündchen kehrt macht, die Tür öffnet, fange ich an zu jammern. »Nein, bitte geh nicht, bleib da. Bitte muntere mich auf.«
Hündchen schließt die Tür wieder und ich bin erleichtert. Die Rotze läuft mir über's Gesicht. Hündchen reicht mir ein Taschentuch. Während ich mich schnäuze und abputze, versucht mich Hündchen zu trösten. »Du bist was Besonderes. Wer, wenn nicht du, hat die Wahrheit über den Irrsinn der Sozialsüchtigen erkannt? Wer, wenn nicht du, soll die Menschheit vom Irrsinn erlösen? Überlege dir mal, wie viel Leid verhindert würde und wie wenig die Mediziner zu tun hätten, wenn die Menschen alle soziophob wären. Du könntest den Menschen das Leben retten, bevor sie ins Krankenhaus kommen. Wer heutzutage ins Krankenhaus eingeliefert wird, führt meistens ein ziemlich armseliges Leben, ein Leben dessen Verlängerung sich kaum lohnt. Aber wieso muss ich deine Worte sprechen? Wieso muss ich dich daran erinnern?«
Hündchen holt Luft. Ich nutze dies, um kurz zu intervenieren. »Aber...« Vergeblich.
»Nichts aber! Was für ein scheußliches Wort aus deinem Mund. Du bist was Besonderes. Du bist der Mensch, den sich jeder zum Vorbild nehmen sollte. Ich habe dein Buch gelesen. Du hast mich überzeugt, und zwar nicht nur als Freund, sondern auch als Psychologe. Du wirst die Menschen heilen und ich werde dir dabei helfen. Ich stehe dir bei, auch wenn du dich noch eine Weile auf deine Genesung konzentrieren musst.«
Plötzlich fällt mir auf, wie wenig meine Wunde schmerzt, wie Wärme in mein Gesicht zurück kehrt. Ich schäme mich etwas, denn ich konnte mich nicht alleine aus diesem Tief befreien.
Hündchen steht auf. Es hat dabei einen unheimlichen, entschlossenen Blick. Plötzlich packt es mich bei den Schultern und schüttelt mich. »Hör auf mit dem Scheiß! Du bist stark! Du schaffst das, aber du darfst vorher gesund werden. Du musst die Welt nicht vom Krankenhaus aus retten, doch deine Zeit wird kommen. HÖR AUF …« Hündchen hält inne, beendet die heftige Schüttelprozedur und wiederholt seinen angefangenen Befehl leise: »…traurig zu sein.«
Ich muss mich kurz sammeln. Als Hündchen nun darauf wartet, dass ich etwas sage, sieht sein Blick ausgesprochen sanft und hilfsbereit aus. Ich antworte schließlich: »Versprochen, dass du mir hilfst? Versprochen, dass ich es schaffe?«
»Ja, versprochen und versprochen.«
Ich bin zu Hause und laufe mit freiem Oberkörper herum. Heute vor genau drei Monaten wurde ich niedergestochen. Ja, ich sage es gerne: Ich wurde niedergestochen. Jemand hat einen spitzen Gegenstand genommen und ihn mir in den Bauch gerammt. Fast wäre ich daran gestorben. Wer kann so etwas schon von sich behaupten? Ihr etwa? Natürlich ist mir kalt, aber ich will mich spüren und ich will sie sehen. Ihr fragt euch, was ich sehen will? Meine Narbe natürlich. Glaubt ihr wirklich, es ist jetzt alles wieder wie vor meinem Martyrium.
Das letzte mal war ich außerhalb geschlossener Räume, als ich vom Krankenhaus nach Hause gefahren wurde. Meine Fenster sind die meiste Zeit blickdicht verhangen, sodass ich niemanden da draußen und mich niemand hier drinnen sehen kann. Ärzte müssen zu mir kommen, um mich zu untersuchen. Jedes Geräusch draußen verursacht bei mir Herzrasen und Schweißausbrüche, denn es könnte ja durch einen Menschen verursacht worden sein. Von denen habe ich seit dem Krankenhausaufenthalt endgültig genug. Ich habe dort einfach zu viele Menschen gesehen, und ich habe sie satt. Ich brauche eine menschenleere Aussicht.
Dass ich verloren habe, sehe ich im Spiegel. Mit Wut im Bauch sehe ich mir meine Narbe an. Schaut her! Ihr habt mich markiert! Ihr könnt es nicht ertragen, dass ein schlaues Individuum euer Weltbild durcheinanderbringt oder sagen wir besser es zerstört. Deswegen zerstört ihr lieber mich. Jedes mal, wenn ich die Narbe ansehe, tut sie weh, obwohl mein Arzt sagt, dass sie nicht mehr wehtun kann. Ich starre sie an und nehme den Zeigefinger, um damit über die Konturen der Narbe zu streichen. Suhle ich mich gerade in meinem Schmerz, im Selbstmitleid? Ja, wahrscheinlich tue ich das. Ich tauge halt nicht als Held, als Kämpfer für die Freiheit. Was kann ich denn dafür, wenn das nicht in meinen Genen liegt? Soll ich euch anlügen, weil ihr lieber was von einem Helden lesen wollt, der noch mit ramponierten oder gar komplett ausgerissenen Gliedern kämpfend die Welt verändert? Schämt euch! Ich wende mich angewidert von euch ab. Ihr bekommt mich nicht mehr zu sehen. Ich bleibe hier drin.
Meine Lebensmittel bestelle ich jetzt ausschließlich im Internet. Hündchen bringt mir zudem hin und wieder Sachen vorbei, falls ich etwas sehr schnell brauche, ich etwas vergessen habe oder einfach nur so. Während ich einen schwarzen Filzstift suche, um die Narbe nachzuzeichnen, weil die Narbe zu verblassen beginnt, klingelt es an der Tür. Hündchen hat erntefrisches Tiefkühlgemüse und Milch dabei. Ich bin dankbar, denn ich hasse die quietschende Styroporverpackung, in der die gekühlte Ware vom Lieferdienst ankommt.
Hündchen glotzt mich ziemlich bescheuert an, bis sich seine Lippen endlich bewegen: »Wieso bist du nackt?« Ich bin schon so daran gewöhnt, Oberkörper frei rumzulaufen, dass ich meine teilweise Nacktheit nicht bemerkt habe. Oh, da fällt mir ein, dass ich vielleicht auch dem Postboten so die Tür geöffnet habe, aber der hat natürlich nichts dazu gesagt.
»Komm rein... komm rein... die Tür muss zu! Schnell!« Normalerweise achtet Hündchen darauf. Ich zieh mir lieber schnell was an.
»Wow, ich sollte mir auch so ein Messer in den Bauch rammen lassen. Sieht gut aus.«
Ich laufe schnell zu meinem Sofa, wo sich ein weißes T-Shirt befindet. Ich ziehe es an. »Findest du? Eigentlich konnte ich ewig nicht trainieren.« Da fällt mir ein, dass Hündchen bisher außer auf meinen Armen und mein Gesicht noch nichts von mir nackt gesehen hatte. Dass Hündchen meinen freien Oberkörper sieht, wäre normalerweise eine Katastrophe, aber es stellt sich gerade ein erstaunliches Gefühl von »Es ist mir scheißegal« ein. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Ich bin ein Anderer.
»Darf ich nochmal sehen?« Da habt ihr es. Hündchen will es natürlich nochmal sehen. Was sonst? Hündchen kann seine Erregung nicht verbergen.
»Besser nicht!«
»Doch zeig nochmal, dann erfährst du auch eine Überraschung. Ich habe etwas geheim gehalten vor dir. Ich arbeite schon seit dem ersten Tag deines Unfalls daran.«
»Das mit dem Buch war Überraschung genug und ich war really not amused.« Dabei mache ich eine affektierte Geste. Ich habe Hündchen schon längst verziehen. Schließlich apportiert Hündchen Lebensmittel für mich, die ich zudem nur selten bezahlen muss. Mag ich vielleicht doch Überraschungen? Oder hängt es vielleicht nur von der Art der Überraschung ab? Ich bin unschlüssig. Trotzdem hebe ich kurz mein weißes T-Shirt hoch und nach wenigen Sekunden beziehungsweise nach dem Versuch Hündchens an meiner Narbe zu schnuppern, senke ich mein Shirt wieder. »Dann sag, was du mir mitteilen willst!«
Hündchens Konzentration ist im erregten Zustand eine Katastrophe oder spielt Hündchen das nur? Jedenfalls spricht es ziemlich hastig, aber mit Pausen an den unmöglichsten Stellen. »Oh, sorry... An der Uni... wird jetzt... in deinem Sinne über Sozionormalität... geforscht, es läuft demnächst... eine Reportage über... Sozionormalität im öffentlich rechtlichen Fernsehen. Nur über das... Fernsehen erreicht man die Massen, alle... Generationen. Die Reportage wird... ausschließlich positiv sein. Dafür sorge ich. Und es wird bei einem... großem Sender ein TV-Experiment zu Sozionormalität geben.«
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