Doch der Blick, dem ich gerade ausgewichen bin, gehört zu Hündchen. Sein Kopffell ist anders als sonst. Hündchen schwingt seinen Arm um meine Schultern. Dabei zieht es mich eng zu sich heran. Eigentlich würde ich mich wehren, aber es ist so schön, wenn es mich festhält, weil ich dann einen Teil meiner vor Überanstrengung schmerzenden Muskeln entspannen kann. Vielleicht nehme ich das nächste mal doch lieber den Rollstuhl, aber dann gibt es für Hündchen keinen Grund mehr, mir so schön nahe zu kommen. Es sind wohl nicht nur meine Muskeln, die Hündchen ganz nah bei sich haben wollen.
Hündchen flüstert mir plötzlich etwas ins Ohr: »Sie ist frei.«
Mein Herz beginnt zu rasen. Das Klopfen fühlt sich an, als würde ein Profiboxer mit der Frequenz eines startenden Helikopterrotors auf meine Brust eindreschen. »WAS?« Andere Leute um mich herum zucken zusammen. Wären Herzkranke dabei, würden sie umfallen. Ich will schreien, noch lauter schreien.
»Bsss... sei still. Sie ist frei. Deine Angreiferin wurde freigesprochen.«
»SIE IST…?« Ich bemerke Hündchens mahnenden Blick und versuche meine Stimme zu dämpfen. »Sie ist frei? Wie ist das möglich? Sie hat mich fast ermordet«, flüstere ich scharf, bleibe stehen und lasse mich immer mehr in Hündchens Arm sinken.
Hündchen murmelt weiter: »Sie ist frei.« Hündchen holt tief Luft: »Deine Angreiferin hat mächtige Unterstützung bekommen. Fundamentalisten, die Soziophobie für ein Werk des Teufels halten, haben ihre Beziehungen spielen lassen. Sie hätte vor den Augen der Richterin ein Baby erwürgen können, selbst wenn es das Baby der Richterin gewesen wäre, wäre die Irre trotzdem freigesprochen worden.«
Mein Mund steht offen. Hündchen will mich daraufhin küssen. Ich kann ausweichen. Meine Reflexe funktionieren wieder. Trotzdem, was soll das? Ich gucke Hündchen böse an, aber nur kurz: »Ist das Gerechtigkeit? Ich dachte es gibt eine unabhängige Justiz?«
»Du glaubst an eine unabhängige Justiz?« Hündchen lacht. »Es geht wie überall auch dort um Macht und Geld. Ein Armer wird bestraft, ein Reicher nicht und jemand der von Reichen und Mächtigen unterstützt wird auch nicht.«
Ich gucke Hündchen irritiert an. »Verschwörungstheorien sind doch nur für Spinner, die sonst nichts Sinnvolles im Leben zu tun haben.«
Hündchen sieht oberlehrerhaft auf mich: »Das gilt für den Glauben an Verschwörungstheorien, nicht für das Wissen um die Wahrheit.«
Ich zittere, lasse mich so sehr fallen, dass Hündchen mich nicht mehr halten kann. Ich rutsche auf den Boden. Von der unsanften Landung sofort wieder wachgerüttelt, blicke ich mich panisch um, denn sie könnte bereits wieder völlig legal hier sein, um ihre Tat zu vollenden.
Hündchen kniet sich zu mir. »Es ist alles wieder gut. Es ist vorbei. Sie ist frei.«
Ich versuche Hündchens Gesicht zu lesen. Es fällt mir schwer, aber ein unerwarteter Geistesblitz durchfährt mich. »Ist sie tot? Meinst du das damit?«
»Sie ist frei.«
Hündchens Echo macht mir Angst.
Ich weiß ganz genau, was seine Worte bedeuten. Meine Lippen zittern vor Angst oder vor Erleichterung. Ich kann es nicht sagen. Niemand wird dieses Gefühl beschreiben können, das so stark, so vielfältig, so falsch und so richtig zugleich ist. »Du hast sie getötet.«
»Sie hat Selbstmord begangen.« Es klingt nicht so, als hätte mich Hündchen gerade korrigiert. »Das Buch. Es hat funktioniert? Wieder! Funktioniert? Das war doch Spinnerei von mir oder? Das kann doch nicht sein.«
»Es hat wie im Buch funktioniert. Sie ist gesprungen. Sie ist frei. Sie hat sich selbst von ihrer Krankheit erlöst.« Hündchen klingt unheimlich pastoral, so als würde es zu seinen Schäfchen von der Kanzel sprechen.
»Bringen mich denn nicht jetzt ihre religiösen Unterstützer um?«
»Nein machen sie nicht, weil sie Selbstmord begangen hat. Selbstmord ist die größere Sünde, die entweiht alles, was sie vorher getan hat.« Hündchen verdreht bei »entweiht« die Augen. »Sie haben ihre Meinung geändert.«
Ich stehe auf und falle in Hündchens Arme. Ich spüre Hündchens warmen Atem ganz nah an meinem Ohr. Es ist ein schönes Gefühl. Mein Ohr vibriert ganz sanft und angenehm, als die Luft darum einen kurzen Moment in Schwingung gerät: »Es ist vorbei. Sie ist frei.«
»Die Verhandlung war öffentlich«, erzählt mir Hündchen. »Ich musste einfach dabei sein. Stell dir vor: Auf der Anklagebank saß eine junge Frau im eleganten Kostüm. Sie machte ein aufmerksames Gesicht und erweckte mühelos den Eindruck, dem Gericht in der Angelegenheit helfen zu wollen. Ohne Aufregung erteilte sie Auskunft. Sie und ihr Anwalt sagten, es wäre ein Unfall gewesen, das Messer hätte die Mandantin vorher nie gesehen. Sie hatte sich gewundert, warum eine erwachsene Person im Zickzack und womöglich betrunken mit einem Messer herumrennt. Fingerabdrücke hatte es nicht gegeben. Sowohl du als auch sie hatten Handschuhe getragen, weil es am besagten Tag sehr kalt gewesen war. Keiner stellte Fragen zu ihrem Bruder. Weder Richter noch Staatsanwalt versuchten eine Verbindung zu dir, zum Opfer herzustellen. Trotz meiner Aussage bei der Polizei war ich nicht als Zeuge geladen. Auch der Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung war schnell vom Tisch. Die elegante Studentin spielte ihre Rolle perfekt. Sie bedauerte, dass sie nicht helfen konnte, weil sie kein Blut sehen könne und unter Schock gestanden hätte. Der Arzt der Mandantin, ein reicher Schönheitschirurg im Armanianzug mit Rolexuhr, bestätigte, dass seine Patientin beim Anblick von Wunden Angst bzw. Schockzustände bekäme. Warum es zu einer Anklage gekommen war, schien sich keiner mehr erklären zu können.
Der stets lächelnde Anwalt fragte schließlich »Was machen wir eigentlich hier?«
»Es gibt keine Beweise dafür, dass die Angeklagte mit der lebensgefährlichen Stichwunde nur im Entferntesten zu tun hat«, meinte die Richterin. »Die Beweise, die ich hier habe, deuten auf einen selbstverschuldeten Unfall hin.«
Daraufhin nickte der Staatsanwalt zustimmend. »Das angebliche Opfer spricht mit niemandem und hat sich auch schriftlich nicht geäußert. Die Person, die den Vorfall angezeigt hat, war nicht dabei als er passierte. Außerdem hätte die Aussage des Zeugen so hochemotional und befangen gewirkt, dass eine Anhörung nichts bringen würde.«
Ich erkannte, dass hier etwas im Busch ist und dachte: Das kann doch nicht wahr sein. Die werden doch nicht...?! Die Beweise wirkten merkwürdig dünn. Das Opfer wurde auch nicht befragt. Und dann: Alle nickten und der Richter sprach das unfassbare aber folgerichtige Urteil aus: »Freispruch!« Die mutmaßliche Täterin, die jetzt nicht mal mehr eine mutmaßliche Täterin war, wirkte gelassen und überhaupt nicht überrascht.
»Da stimmt was nicht! Das kann unmöglich sein!«, schrie ich in mich hinein. Das Gericht muss bestochen oder auf andere Art manipuliert worden sein. Ich brauchte einen Plan, deinen Plan! Gut, dass ich nicht laut geschrien habe. Gut, dass mich keiner erkannt hat.«
Unbarmherzig machen sich dunkle Gedanken in meinem Kopf breit. Du betreibst Selbstbetrug, genau wie all die anderen Menschen auch. Du bist nichts Besonderes, du bist genau so erbärmlich wie die Anderen. Der Arzt hat bestimmt ein Instrument in dir vergessen. So etwas passiert schließlich immer wieder. Das entzündet sich jetzt und du wirst elendig daran krepieren. Selbst wenn das nicht passiert, dann stirbst du halt bei der nächsten Gelegenheit. Eine Weile ging das mit den positiven Gedanken gut, doch dafür kommen die schlechten nun umso schlimmer und das kurz bevor ich entlassen werde. Vielleicht liegt es daran, dass mich lange niemand besucht hat, ich zu lange allein war mit meinen Gedanken und zu viel denken auf Dauer nicht gut ist. Hündchen besitzt eben auch noch ein eigenes Leben und hat nicht immer Zeit herzukommen. Obwohl Hündchen heute wieder einmal da ist, kann ich mich nicht besonders freuen. Die schlechte Stimmung beherrscht meine Gedanken, meinen Körper, meinen Geist.
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