Johannes half bei den Vorbereitungen. Es schmeckte allen.
Am folgenden Montag wurde in der Zeitung groß über den Raub berichtet. Der Autor des Artikels ergriff unverblümt Partei für die Diebe. Das erschütterte Schmitz zusätzlich, den ich am Abend anrief, um ihm mein Mitgefühl auszusprechen. Er war überzeugt, dass man ihn mit dem Diebstahl persönlich habe treffen wolle. Er fragte sich, wer ihm nur so etwas habe antun können. Ich fragte ihn, ob er das Gestohlene nicht einfach ersetzen könne. Er sagte empört, es habe sich um eine ganz bestimmte Komposition gehandelt, außerdem würde der vorgesehene Vermoderungsprozess bei frischem Obst und Gemüse in der verbliebenen Zeit womöglich nicht weit genug fortschreiten können. Ich schlug ihm vor, bei der Markthalle schon halb vermoderte Abfälle zu besorgen. Das war ihm zu eklig, aber er sagte, er würde noch einmal darüber nachdenken. Ich wollte ihn aufmuntern und sagte zu ihm: »Dass Dein Gemüse gestohlen wurde ist gut, es provoziert Gedanken, die Leute reden darüber«. Er bemerkte nicht, dass ich ihn damit zitierte. Und das Zitat bewirkte Wunder – er begann, in dem ganzen Vorteile zu sehen und ich unterstützte ihn dabei verbal. Schließlich hatte ich ihn fast soweit, nicht nur die gedankliche Provokation durch den Diebstahl gut zu heißen, sondern fast sogar den Diebstahl selbst als Teil des Kunstwerks zu begreifen. Aber nur fast. Ganz wollte er mir darin dann doch nicht zustimmen. Eigentlich mochte ich ihn sogar – abgesehen jedenfalls von seiner Gestelztheit, seiner elitären Verstiegenheit und seiner Vorliebe für zickige Museumswärterinnen.
Ein paar Tage später hörte ich von Johannes, dass der Tisch tatsächlich mit Abfällen eines Gemüsehändlers neu bedeckt worden war. Schmitz habe ein wenig gejammert und gesagt, es sei nun nicht mehr dasselbe. Die Wärterin sei nur auf den persönlichen Einsatz des Künstlers hin nicht gefeuert worden.
Ich sah mir das neue Arrangement an und fand, dass es wirklich nicht mehr dasselbe war. Aus diesem moderigen Zeug konnte man beim besten Willen keinen Eintopf mehr kochen.
Schmitz konnte dennoch zufrieden sein: die Aufmerksamkeit, die ihm der Diebstahl beschert hatte, wirkte sich sehr positiv auf seinen Bekanntheitsgrad aus. Er war schon zuvor recht gefragt gewesen, nun aber nahm die Zahl der Anfragen nochmals zu. Ein paar Jahre später las ich ein Interview mit ihm, in dem er tatsächlich den Diebstahl zu einem – freilich von ihm nicht geplanten – Teil des Kunstwerks erklärte. Im selben Interview berichtete er von neuen, den halben Globus überspannenden Plänen für Vermoderungskunstwerke. Eines davon sollte in Tokio ausgestellt werden und aus Sushi bestehen. Wir hatten das Gegenteil von dem bewirkt, was wir bewirken wollten. Ich legte die Zeitschrift weg.
Höhlen-Kritzelei von Nobi Umsonst
Sabine Frambach
− Willkommen in Art World!
»Zwei Erwachsene, bitte.«
Die Verkäuferin musterte sie durch die Glasscheibe, tastete nach den Eintrittskarten und lächelte. »Willkommen in Art World! Möchten Sie auch den Survival Guide kaufen?«
»Nein, danke. Wir finden uns so zurecht.«
Das Lächeln verschwand. Mit zitternden Händen hielt die Verkäuferin das Heftchen hoch und starrte sie an. Eindringlich flüsterte sie: »Schauen Sie, Hochglanzaufnahmen jeder Attraktion, ein Übersichtsplan, Hinweise und Verhaltensregeln. Ich empfehle Ihnen dringend, den Survival Guide zu kaufen! Erst gestern ist ein unvorsichtiger Besucher in Monets Seerosenteich ertrunken. Unsere Art World läuft außerdem derzeit noch im Test-Modus.«
Das Paar lachte. »Was kostet das Heftchen denn?«
»Dreißig Euro.«
»Dreißig? Nein, wirklich nicht. Wir nehmen nur die Eintrittskarten.«
Die Verkäuferin schob ihnen zwei Karten durch den Schlitz im Fenster.
»Das macht dann zwanzig Euro. Viel Vergnügen in der Art World, Europas erstem Freizeitpark der Kunst. Der Ort, an dem Bilder Wirklichkeit werden!«
Das Paar steckte die Karten ein und ging den staubigen Weg entlang. Die Hinweisschilder wiesen in verschiedene Kunstrichtungen: Impressionisten, Kubisten, Moderne, Expressionisten. Er starrte auf die Begriffe und kratzte sich am Bauch. »Es war deine Idee«, murmelte er. »Wohin möchtest du?«
Sie knuffte ihn sanft in die Seite. »Ein wenig Begeisterung, bitte! Ich brauche das für mein Referat über die Renaissance. Hiermit bekomme ich bestimmt den Schein! Ich will erst in den Hieronymus-Bosch-Garten. Die Figuren sollen so beeindruckend sein!«
»Den Garten der Lüste!« Seine Stimme bekam den Klang nach Zweisamkeit und Federbett. »Wir sind die einzigen Besucher, soweit ich sehe.« Seine Hand tastete unter ihr Oberteil.
Sie kicherte und schob ihn weg. »Lass das, du Flegel!«
Kurz darauf traten sie vor eine Kugel, die sich wie von Zauberhand vor ihnen öffnete und den Blick freigab auf einen Bogen, über dem mit verschnörkelten Buchstaben stand: Garten der Lüste.
Eine riesige Landschaft lag ihnen zu Füßen; in der Ferne sahen sie blaue Berge. Vögel rauschten über ihnen, krächzend flatterten sie durch eine entfernte Skulptur.
Sie trat weiter hinein, als er sie ruckartig zur Seite riss. »Vorsicht!«
Neben ihnen ringelte sich eine Schlange an einem Baumstamm entlang. Sie trat einen Schritt zur Seite und starrte hinauf. »War die echt? Sie sah echt aus.«
Er lachte schallend. »Und das Einhorn da vorne ist auch echt?«
Sie griff nach seinem Arm und folgte ihm in Richtung des plätschernden Wassers. »Das ist fantastisch animiert! Man glaubt, mitten im Bild zu stehen!«
Im selben Moment begann ihr Begleiter, nach etwas zu treten.
»Was hast du?«
Er klopfte seine Beine ab und schaute hektisch um sich. »Da war etwas, es ist an mir hochgekrochen. Schwarz und klein.«
Sie kicherte. »Die gibt es im Bild auch; sie kriechen aus dem Wasser, glaube ich. Offenbar funktioniert diese Animation nicht nur visuell. Ich habe gelesen, dass die Landschaften so authentisch nachgebildet sind, dass unsere Sinne die fehlenden Elemente hinzufügen; wir nehmen auch den Geruch wahr. Ich rieche die …«
»Etwas ist an meinem Bein hochgekrabbelt!«, beharrte er.
»Es ist, als ob du an Läuse denkst und dein Körper den Juckreiz erzeugt. Dein Gehirn vervollständigt das Bild.« Unwillkürlich schrie sie auf. »Ein Elefant!«
Er stürzte, sie fiel auf ihn; der gigantische Fuß strich knapp an ihrem Kopf vorbei, sie spürte den Luftzug und zitterte. Als sie es wagte, die Augen zu öffnen, stand der Elefant friedlich am Wasser und trank.
»Wahnsinn! Täuschend echt!« Sie erhob sich und klopfte die Erde von den Beinen.
Reglos lag er da, die Arme über den Kopf gelegt.
Sie fasste ihn an der Schulter. »Komm, wir gehen weiter!«
Als er sie ansah, ließ sie die Hand sinken. »Hilf mir!«, flüsterte er, und der Klang erinnerte an verwelkte Blumen. Seine Haut färbte sich gräulich; darunter huschten Schatten entlang, ringelten sich über sein Gesicht und verdunkelten seine Augen, füllten sie aus mit sattem Schwarz. Sein Mund war ein endloser Schrei. »Hilf mir!«
Sie taumelte zurück, rannte los, wich der herabbaumelnden Schlange aus und erreichte das Tor. Zunächst prallte sie gegen das Innere der Kugel, doch als sie mit prasselnden Fäusten dagegen schlug, öffnete sie sich und gab den Weg frei. Hektisch zerrten ihre Finger das Handy hervor. Kein Empfang. Sie keuchte, rannte weiter, den Weg zurück bis zum Eingang, dort, wo die Verkäuferin hinter ihrem Schalters saß. »Schnell! Mein Freund, er ist verunglückt!
Wir brauchen einen Notarzt!«
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