Da hakte Oie ein: »Alte Freunde hatten wir offensichtlich auch gemeinsam, wenigstens einen – Igor Antonow.«
»Tot. – Der ist leider tot«, seufzte Nussbaum – und Oie wusste, er muss jetzt die Karten auf den Tisch legen.
Umständlich, noch zögernd, kramte er den Brief Antonows hervor und schob ihn über den Tisch: »Hier lesen Sie – der ist zwar an mich, aber Igor meint wohl nicht nur mich. Ich bin auf Verbündete und Hilfe angewiesen. Wie die aussehen kann, weiß ich allerdings noch nicht.«
Nussbaum zögerte einen Augenblick misstrauisch, nahm ihn dann langsam und las umsichtig, blätterte ein paar Mal zurück, als ob er seinen Augen nicht traute, während Oie vom hinreißenden Kaffee trank, dessen Aroma sich im Abkühlen – wie der Garten im Licht – fein veränderte.
Nach langen Minuten schaute Nussbaum zu ihm herüber, das Zucken seiner Augen sichtlich unterdrückend.
»Und?«, fragte Oie.
»Bruder. – Das mit ihrem Bruder tut mir leid – so einen persönlichen Aspekt habe ich in der ganzen Operation damals nicht gesehen.
Ei. – Ansonsten ein starkes Stück oder ein dickes Ei, das uns unser Freund Igor da ins Nest gelegt hat. Haben Sie schon einen Plan, – und haben Sie sich abgesichert?«
Oies schaute sichtlich verstört, was Nussbaum nachfragen ließ.
Nachdem Oie in groben Zügen geschildert hatte, was sich auf Franzfelde und mit der Berliner Wohnung zugetragen hatte, wurde Nussbaum unruhig:
»Informationen. – Das war zu erwarten, die mögen das gar nicht, wenn irgendwelche nicht autorisierten Informationen nach außen entweichen – das rüttelt an den Grundfesten aller Dienste.«
Oie war sich sicher: »Das ist doch aber autorisiert, wie es deutlicher nicht sein könnte.«
»Lord-Siegel-Bewahrer. – Schon-schon«, bestätigte Nussbaum, »bloß Der Lord-Siegel-Bewahrer ist tot, wie die Engländer sagen würden. Das nutzt ihnen also nichts. Igor wusste glaube ich auch, weshalb er das erst nach seinem Tode raus gelassen hat. Haben Sie die Liste dabei?«
»Nein vorsichtshalber nicht. Ich konnte ja nicht wissen, was mich erwartet.«
»Gut so«, meinte Nussbaum, »Test. – Zweiter Test bestanden!«
»Ihr Name, der Rechner, befindet sich unter den Markierten, die mir Igor Antonow posthum irgendwie empfehlen wollte«, versuchte Oiezu locken.
Nussbaums Stimme war fühlbar berührt: »Igor. – Ja das ehrt mich, obwohl es so lange her ist. Er war schon eine imposante Persönlichkeit, der Igor Antonow. Ich habe ihn allerdings nur ein paar Mal getroffen, in Berlin und in Ungarn – das ist mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben.
Den Rechner lassen Sie aber künftig stecken – das ist Geschichte.
Tun. - Aber was ist zu tun?«, zögerte er nachdenklich. »Sind Sie abgetaucht?«
»Noch nicht vollständig.«
»Das ist aber wichtig! – Wo?«
»Bei einer Verwandten im ländlichen Berlin. Die kennt niemand von denen, die mir gefährlich werden könnten, denke ich. Ich fahre auch deren Auto.«
»Ausweis. – Haben Sie einen Ausweis dabei?«
»Ja, wieso?«
»Nur so, zeigen Sie ihn mal, ich muss da was checken.«
Oie reichte seinen Ausweis über den Tisch. Nussbaum fokussierte und gab ihn zurück.
»Pass. – Wenn Sie einen Pass haben, bringen Sie ihn morgen mit, zur gleichen Zeit, – meine Frau hat Dienst. Liste. – Und vergessen Sie die Liste nicht, die würde mich sehr interessieren. Dann werden wir sehen, was möglich ist.«
Sie verabschiedeten sich.
Beim Hinausgehen hielt ihn der Hausherr zurück: »Engel. – Hier neben der Tür in dem Fenster«, und er zeigte auf ein schmales, einteiliges, weißes Holzfenster, »hier steht morgen ein weißer Kerzen-Engel, wenn die Luft rein ist – und parken Sie um die Ecke, damit es nicht auffällt!«
Oie fuhr zum Haus seiner Schwester und hatte einen etwas unruhig abwesenden Abend, weil er aus Nussbaums Auftritt nicht ganz schlau wurde. Besonders diese abrupten Schwankungen zwischen den klaren Ansagen – wie die eines Offiziers aus dem feinmechanischen Korps – und den verbalen Schleifen, Tempowechseln und Kontrapunkten eines Autisten irritierten ihn.
Auch schaffte er es nicht, ein mögliches Ende zu bedenken.
Er hatte so gar keine Vorstellung von dem, was ihn weiter erwarten würde – und – konnte er Nussbaum trauen? Vielleicht war das hörbar Verquere, Gewöhnungsbedürftige mehr Ausdruck eines inneren Chaos, dem er sich ohne Not ausliefern würde? Vielleicht auch wollte der bloß die Listen? Er beschloss, erst einmal vorsichtig zu sein.
Am nächsten Morgen frühstückte er mit seiner Schwester und seinem Schwager.
Rudolf war Rentner und Maria hatte für ihren Bruder einen freienTag genommen.
Sie wohnten in einem Häuschen in einer Gartenkolonie, von denen Berlin so viele hat und die dem Durchfahrenden den Eindruck geben, Berlin wäre außerhalb des Zentrums eine Anhäufung von Laubenkolonien zwischen Dörfern.
Das Haus in Blankenburg war von der Art, wie es keine größere Verbindung eingehen kann mit der Natur. Efeu berankt und Apfelbaum beschattet besaß es einen natürlichen Witterungsschutz, wie einen grünen Pelz.
Oie hatte sich hier immer sehr wohl gefühlt.
Seine Schwester, eine kleine angenehme Frau von Anfang sechzig, hatte die Hosen an und ordnete die Dinge wie einst ihre Mutter, die Bäuerin, auf dem Hof. An diesem Vormittag von einem weinberankten Pavillon – einem Feldherrnhügel im Gartenreich.
In dem sitzend redeten sie über Gott und die Welt, bei einem Stunden umspannenden Frühstück, das Oie fast vergessen ließ, was über ihm schwebte – oder saß es ihm schon im Nacken?
Unvermeidlich kamen sie wieder auf den toten Otto zu sprechen und seine Schwester zeigte sich erleichtert: »Es ist merkwürdig, seit gestern habe ich ein bisschen mehr akzeptiert, dass er nicht zurückkommt. Aber es ist schwer, nicht zu wissen, wo er begraben ist – es ist sehr schwer.«
»Weißt du Schwesterlein, ich muss eh nach Russland wegen eines Projektes, und ich werde dort die Zeit und alte Verbindungen nutzen, um mehr zu erfahren.«
»Albrecht, sei bloß vorsichtig, so ein großes Land. Man hört so viele Geschichten, dass es dort drunter und drüber geht – immer noch. Bitte sei vorsichtig und ruf an, wo du bist.«
»Maria, das sind Räuberpistolen. Ich kenne das Land, das weißt du. Ich habe da nur Gutes erfahren von den Menschen, und ich habe dort Freunde«, versuchte Oie seine Schwester zu beruhigen.
Oie ahnte nichts von der mittlerweile hektischen Suche nach Antonows Dokumenten und seiner Person durch die Dienste, und auch nichts von der Skrupellosigkeit und dem Aufwand den sie betreiben sollten seiner habhaft zu werden.
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