Sie verlegten in drei Hauptrichtungen. Wirtschaft – Fach- und Sachliteratur. Die gemischte Sparte: Romane, Bildbände, Kalender und zum Teil sogar Tonträger, die dazu gehörten. Hier waren die Übergänge zum dritten Bereich fließend: Erotik und Porno in Schrift und Bild. Nein, es ging nicht darum. Gegen Porno war an sich nichts zu sagen. Aber wie gesagt, der Übergang vom Guten zum Fragwürdigen war sehr fließend.
Seine Leute hatten die Buchvorstellung gut hingekriegt. Er besah sich die Arrangements, die Anordnung der Gläser, die Formen und Farben der Dekorationen, die exquisiten Häppchen, die künstlerisch passend zum Buch aufgetischt waren. Nichts war dem Zufall überlassen. Das Buch selbst war eine Mischung aus erotischer Kunst und darauf abgestimmten Texten, belebt durch eine dazu produzierte CD und einer besonderen Anleitung zum Gebrauch, um den ganzen Genuss erleben zu können. Er hatte es ausprobiert. Es knisterte und funkte, wenn man alles beachtete. Texte und Bilder stammten vom vorgestellten Autor. Es war ein spektakulärer Bildband mit Texten, etwas Spezielles in der Aufmachung, in der Form und in den Farben. Der Autor hatte es super hingekriegt. Es erzeugte eine außergewöhnliche Stimmung. Dieser Stimmung entsprechend war die CD, die zum Anlass unterstreichend und dezent abgespielt wurde. Die Räume waren dem angepasst. Alles stimmte.
Zufrieden nahm er an seiner Erscheinung noch einige kleine Veränderungen vor, steckte eine Blume ins Knopfloch, band sich die Krawatte, klaubte ein paar Haare vom Ärmel. Perfekt. Ein Gesamtkunstwerk. Sein Vater hatte sein Kommen zugesichert. Kunst mochte er, da musste mehr heraus zu holen sein. Diese Richtung lag ihm, schöne Dinge mochte er. Er umgab sich gerne damit. Davon zeugte selbst sein Büro, das nicht nur zweckmäßig war, sondern einen eigenen Stil aufwies. Er zupfte noch einmal dies und das an die richtige Stelle oder in die richtige Position wie ein Schauspieler oder Musiker vor seinem Auftritt. Als er von nebenan das Stimmengemurmel anschwellen hörte, stellte er sich auf das Kommende ein und öffnete die Tür. Er schritt in den Raum, begrüßte hier und dort jemanden, sah wie sich die Räume füllten, wie hierhin und dorthin geschlendert wurde. Er registrierte die üblichen wohl gestylten Gäste, die begehrlich zum Buffet schielten, untereinander Smalltalk betrieben, lästerten oder andere begutachteten. Weigert mit Gattin stand zwischen ihnen. Chris nickte ihm zu und erhielt ein Nicken zurück. Er begrüßte eine seiner Lieblingsautorinnen, Rebecca. Er mochte ihr helles Lachen. Aber sie war keine Autorin seines Verlages. Er hatte sie nicht dazu bewegen können, bei ihnen etwas heraus zu geben, obwohl ihr das bestimmt weiter geholfen hätte. Sie war ein angenehmer Mensch und schrieb gut. Weigert dachte anders über sie – wenig schmeichelhaft. Natürlich hatte Chris versucht, bei ihr als Mann zu landen, aber es hatte nicht geklappt. Es konnte gut sein, dass es auch Weigert versucht hatte. Der konnte so etwas schlecht weg stecken. Chris allerdings war einer, der es leicht akzeptieren konnte. Sie verstanden sich weiterhin gut. Keine Probleme dadurch. Wer nicht wollte, hatte schon. Es gab genügend andere. Er hatte es nicht nötig zu betteln oder sich groß zu bemühen. Nicht nötig und keine Lust dazu.
Er musste seine einführenden Worte sprechen und den Autor vorstellen, damit endlich die Köstlichkeiten ihrer Bestimmung dienen konnten. Also nahm er das Mikrofon zur Hand, das ihm von einer Assistentin gereicht wurde, setzte zu seinem Willkommen, zu seiner Rede an, zur Vorstellung der Neuerscheinung und des Autors. Alle Augen richteten sich auf ihn, die Musik wurde leiser und... es war nichts aus dem Lautsprecher zu hören. Na toll! Einbruch in seiner Inszenierung. Ärgerlich.
Chris blickte in die Runde und fordernd in Richtung Technik, zeigte dem Publikum eine bedauernde Geste, bat um Geduld. Er hasste solche Pannen in gut inszenierten Anlässen. Genau da sah er ihn in der Nähe des Eingangs stehen und auf seine spöttische Art grinsen. Flo! Herausforderung pur.
Er stand lässig dort, in dunklen Jeans und einem schwarzen Pullover, sah ihn an, hob kurz eine Augenbraue wie er es schon an ihm gesehen hatte und wartete der Dinge. Warum ihn das nervös machte, verstand er nicht. Flo war ein Gast wie jeder andere. Er hatte ihn vergessen gehabt, trotz ihrer ersten amüsanten Begegnung. Er hatte keinerlei Mühe, vor Menschen zu sprechen. Pannen ärgerten ihn zwar, aber mehr nicht. War Flo Provokation? So ein Unsinn. Er stand dort und wartete wie die anderen. Mehr nicht. Verrückt. Chris straffte sich, als das Problem behoben war, und konnte seine Rede starten. Diese unübliche Verunsicherung machte ihn ärgerlich und prompt verhaspelte er sich. Er hörte Flo's Lachen überdeutlich, sah seine Augen schadenfreudig glitzern oder glaubte, dass sie es deswegen taten und hatte große Lust, ihm die Zunge heraus zu strecken. Das war eine seltsame Anwandlung. Zugegeben. Nicht sehr erwachsen. Weil er jedoch erwachsen war, unterließ er es selbstverständlich. Der Rest der Rede verlief wie es sein musste, gewohnt souverän. Ja. So war das richtig. Er schaltete das Mikrofon ab und war zufrieden.
Nach dem Applaus und Schulter klopfen und sonstigen Äußerungen der normalen Art, nach dem Loslassen der anscheinend hungrigen Meute auf das Buffet und auf den Autoren, kämpfte sich Chris durch die Leute. Zu einem späteren Zeitpunkt las der Autor in einem weiteren Programm-Highlight aus seinen Texten. Er nickte hier und da, sagte jenem und diesem ein paar Worte und drang zu Flo vor, der noch immer lässig am gleichen Fleck stand und ihm herausfordernd entgegen sah. "Hallo Flo! Schön, dass du gekommen bist." Der Mann hob erneut eine Augenbraue an, sein Gesicht drückte Spott aus und außer einem dazu passenden Blick kam nichts von ihm. "Gefällt es dir?"
"Das weiß ich noch nicht. Ich sehe es mir an und werde dir danach antworten. Dekor ist gut." "Dekor ist gut?" "Ja. Reicht das nicht als Antwort?" "Nein. Ich vermute, da wird noch mehr kommen. Ich bin gespannt." "Ja, ja bestimmt bist du das. Schön, mich zu sehen? Solche Floskeln kannst du dir bei mir sparen. Ich steh nicht auf Gesülze." „Was soll ich deiner Meinung nach zu dir sagen?“
„Etwas Gescheiteres.“ „Hatten wir das nicht schon geklärt?“ „Was?“ Chris ließ es stehen. "Schlechte Laune?" "Nein. Nicht die Spur. Meine Art. Ich bin immer so." "Worauf stehst du denn? Auf Provokationen? Konfrontationen?"
„Hör auf mit den Analysen.“ „Hör du auf mir vorzuschreiben, was ich soll oder nicht. Du weichst übrigens aus.“ „Nicht die Bohne. Ich hasse solches Gerede um nichts und alles.“ „Ich meinte es ehrlich.“ "Ok. Wenn es sein muss, stell ich mich allem. Empfindest du Ehrlichkeit als Provokation?" "Ist es Ehrlichkeit oder Grobheit?" "Nenn es wie du es willst. Ich nenne es Ehrlichkeit. Aber du – nun weichst du meiner Frage aus. Mit Absicht?" "Ich schätze Ehrlichkeit."
"Wir werden sehen, ob es so ist oder ob du nur geistreich rüber kommen willst." Flo musterte ihn unverhohlen weiter mit seinen großen Augen, die alles zu durchschauen oder zu durchleuchten schienen. "Deine Rede war okay. Du kannst das gut. Und sonst? Ich werde sehen, ob es stimmt, was du sagst. Dann nämlich, wenn dir meine Antworten nicht gefallen. Warten wir ab, wie es sich entwickelt und ob du nur tust als ob." „Gut. Damit kann ich leben.“ „Und wenn es schmerzhaft wird?“ Chris schüttelte den Kopf. „Ich werde es ertragen. Und ich muss es vor allem nicht als für mich maßgebend ansehen, was du mir zu sagen hast.“ „Das stimmt.“
Chris nahm die Blicke der anwesenden Damen zur Kenntnis und wusste, dass sie nicht ihm sondern Flo galten. Und er musste schmunzeln, als sich eine davon wie eine Katze auf Mäusefang anschlich. Ihr Lächeln war sehr süß. Eigentlich zu süß. Er dachte sich: "An dieser Maus, liebe Katze, könntest du ziemlich zu würgen bekommen. Es besteht die Möglichkeit, dass die Maus die Katze frisst." Es war unglaublich, wie charmant sie sein konnte und wie lauernd sie gerade so wirkte. Sie kam näher und säuselte wie ein zartes Rosenblatt in der Sommerbrise: "Chris! Chris, willst du mich nicht vorstellen? Wer ist dieser aufregende attraktive Mann? Ich habe ihn noch nie auf einer Veranstaltung gesehen." Er seufzte hörbar. Sie setzte den aller schönsten Augenaufschlag ein und brachte einen leichten Schmollmund ins Feld. Peinlich und so offensichtlich. Er ärgerte sich über sie und war auf die Reaktion gespannt. Flo hob seine Augenbraue an. Er stellte vor: "Flo, das ist Michaela, meine Ex. Das ist Flo."
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