Interessiert blickte Ali an sich herab. „Stimmt, früher hatte ich längere Beine und kräftiger waren sie auch.“
„Dass du einen runderneuerten Körper hast, musst dir doch schon in dem Nomadenzelt aufgefallen sein!“
„Ich war halt so aufgeregt wegen all der Jungfrauen, die ich bekommen wollte.“
Immamuel warf Ali erneut einen abschätzigen Blick zu: „Aber auch deine Arme und Hände waren vorher bestimmt kräftiger. Hast du das nicht gemerkt?“
„Nein“, sagte Ali und ließ den Blick an seinem rechten Arm entlang gleiten. „Das ist aber ungut“, murmelte er geknickt. „Darf ich mich mal im Spiegel sehen?“
„Hier in diesem Raum gibt´s keinen Spiegel! Und woanders kommst du bei uns nicht mehr hin!“
„Ich würde aber gerne wissen, wie ich aussehe. Allein um festzustellen, was noch verbessert werden kann!“
„Dein Körper bleibt jetzt so, wie er ist!“
„Aber, es muss doch ...“
„Keine Widerrede! Hättest du dich nicht in die Luft gesprengt, wärest du noch im Originalkörper.“
„Können Sie mir wenigstens sagen, Herr Engel, wie ich in diesem Zustand auf Frauen wirke?“
„Da bist du bei mir an der falschen Adresse. Aber wenn du willst, lass ich Engelein Käfer kommen, die kann dir bestimmt Rückmeldung geben.“
„Gerne“, antwortete Ali und freute sich darauf, das bezaubernde Wesen noch einmal zu sehen.
Schon stand die schöne Engelfrau neben Immamuel und musterte Ali von oben bis unten. Distanziert lächelnd sagte sie: „Der junge Mann schaut in seinem irdischen Körper nur mäßig attraktiv aus. Er hat eine wenig muskulöse Figur von etwa einem Meter siebzig Größe. Damit ist er eher klein. Seine Hüften gehen, aber seine Schultern sind zu schmal. Sein Kinn könnte kantiger sein und die Männlichkeit mehr betonen. Die Nase ist leicht gebogen und etwas zu groß, aber das ist bei vielen aus seiner Heimat so. Immerhin, seine Haut ist makellos und glänzt wie eine Dattel, seine schwarzbraunen Wuschelhaare anzusehen ist ein Genuss, die kastanienbraunen Augen könnten manche Frau zum Schmelzen bringen. Wenn er lächelt, kommt er richtig sympathisch rüber.“
Nach diesen Worten schwebte sie um Ali herum und betrachtete ihn interessiert von hinten. „Oh lala“, meinte sie mit großen Augen, „die Pobacken sind aber knackig, die finde ich ganz schön ...“
„Stopp, das genügt!“, unterbrach Imammuel die lobende Beschreibung. „Du weißt doch Engelein, flirten mit den Irdischen ist streng verboten. Noch einmal und du trägst einen Tschador.“
„Verzeihung Chef, ich weiß“, antwortete die Getadelte und schwebte zu Alis Enttäuschung aus dem Abschieberaum.
Immamuel warf einen Blick auf Alis Kinn. „Übrigens, du bist ohne Bärtchen hierher gekommen. Wir empfehlen dir auch, in diesem Deutschland erst mal bartlos zu bleiben. Die meisten Frauen dort mögen´s lieber ohne.“
„Wenn Sie meinen“, entgegnete Ali und strich mit der Hand über das Kinn. „Was ist eigentlich mit meinem besten Stück, na Sie wissen schon. Reicht die Manneskraft für zweiundsiebzig Jungfrauen auf der Erde? Die Glaubensbrüder haben gemeint, im Paradies wäre das kein Problem.“
„Also, darüber geben wir hier keine Auskunft!“
„Oh, verstehe! Eine Frage habe ich noch, Herr Engel. Den Weg zu Ihrer Pforte bin ich wie ein Geist geschwebt. Aber dahinter bekam ich wieder einen richtigen Körper. Ist das immer so?“
Immamuel nickte. „Das haben wir so eingerichtet, wegen der Jungfrauen, die die Gläubigen bei uns im Paradies bekommen.“
Immamuel sah, wie Alis Augen lüstern aufblitzten, und fügte sogleich hinzu: „Du kannst dich in Deutschland um irdische Jungfrauen bemühen!“
„In diesem schwächlichen Körper? Lässt sich denn nichts nachbessern?“
„Nein, das habe ich doch schon gesagt!“
„Wie soll ich da zu meinen Jungfrauen kommen?“, rief Ali verzweifelt aus. „Als Schwächling kann ich sie nicht einmal richtig beschützen! Wie ich sie versorgen soll, ist auch noch unklar! Und dann kenne ich mich in diesem Deutschland überhaupt nicht aus!“
„Beruhige dich wieder“, beschwichtigte Immamuel. „Du besitzt einen Vorteil, den kaum ein deutscher Mann hat: Du bist Muslim, du gehörst zur besten Gemeinschaft auf der ganzen Erde. Dies ist wertvoller als Körperkraft und Geld.“
Alis Gesichtszüge entspannten sich. „Ja, das ist wirklich ein großer Vorteil!“
Der Engel sah ihn mit ernster Mine an. „So, jetzt ist dein Aufenthalt bei uns beendet, du wirst nun direkt zur Erde nach München abgeschoben! Rein in den Fahrstuhl hinter dir!“
Ali drehte sich um und blickte erstaunt auf eine beleuchtete Kabine, die wenige Meter von ihm entfernt im Raum stand. „Wo kommt denn dieses Teil her? Das war doch vorhin gar nicht da?“
„Für dich sind hier nur die vorhandenen Gegenstände sichtbar, die wir benötigen“, erklärte Immamuel, während sich die Glastür der Kabine öffnete. „Du stellst dich einfach rein, alles andere läuft von selbst ab!“
Ali hob bittend die Hände. „Darf ich mir ein anderes Land aussuchen? Zu diesen seltsamen Deutschen möchte ich eigentlich nicht mehr!“
„Wohin du kommst, bestimmen wir! Los rein in den Fahrstuhl! Oder willst du in die Hölle?“
„Bin schon fast drin, Herr Engel“, sagte Ali und trat an die Kabine heran. Dann drehte er sich noch einmal um und meinte: „Auf Wiedersehen!“
„Von Wegen auf Wiedersehen! Lass´ dich nicht mehr bei uns blicken! Und noch was: Nimm dir in diesem Deutschland auch etwas Anderes vor, als nur Jungfrauen hinterher zu jagen. Das befriedigt auf Dauer nicht!“
„Etwas anderes als Jungfrauen? Was wollen Sie mir damit sagen, Herr Engel?“
„Wenn es so weit ist, wirst du es von selbst merken! Jetzt aber rein mit dir!“
Zögerlich betrat Ali die Kabine. ´Was der Engel wohl gemeint hat?`, überlegte er, als sich die Tür hinter ihm schloss. Plötzlich wurde es stockdunkel. Ali spürte noch, dass er sich ausgesprochen schnell nach unten bewegte, dann verlor er das Bewusstsein.
. Verdutzt schlug Ali die Augen auf und blickte auf eine weiß getünchte Zimmerdecke. - ununterbrochen fuhr das nervige Piepsen fort, das aus einem blinkenden Apparat kam, der sich seitlich hinter seinem Bett befand. Verbunden war der Apparat mit einem Bildschirm, auf dem sich mehrere Linien in Aufs und Abs schlängelten. Vergeblich versuchte Ali, seinen Blick auf die Quelle dieses Piepsens zu richten.
„Guten Tag, junger Mann – hallo!“, klang eine weibliche Stimme an sein Ohr. Mühsam drehte er den Kopf und nahm zwei weiß gekleidete Frauen wahr, die direkt neben seinem Bett standen. Eine der beiden trug eine Brille und sagte: „Können Sie mich verstehen?“
„Wo bin ich?“, fragte Ali mit schwacher Stimme. „Was ist los?“
„Sie befinden sich hier auf der Intensivstation des Resikrankenhauses. Ich bin Stationsärztin Zellner, neben mir steht Schwester Lisa. Wir haben Sie aus einem lebensbedrohlichen Koma zurückgeholt. Bleiben Sie ganz ruhig, das Schlimmste haben Sie überstanden! Der Oberarzt kommt gleich und sieht nach Ihnen.“
Ali nickte matt und musterte die zwei Frauen. Stationsärztin Zellner steckte in einem weißen Anzug, der ihre Reize bis zum Hals verdeckte. Ihre Haare waren allesamt nach oben zu einem Knäuel zusammengesteckt, allerdings ohne sittsam durch ein Kopftuch verhüllt zu sein. Die andere, etwa zehn Jahre jünger, trug ihr rötlichblondes Haar offen. Der Reißverschluss ihrer Jacke war im oberen Bereich geöffnet und ließ die Ansätze zweier wohlgeformter Brüste erkennen.
„Kollege Bengel, der Patient ist aus dem Koma erwacht, aber noch nicht bei vollem Bewusstsein“, ertönte die Stimme von Stationsärztin Zellner. Neben den beiden Frauen stand auf einmal ein hagerer, hellgrün gekleideter Mann mittleren Alters.
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