Auf einmal spürte er einen heftigen Rempler an der Schulter. Eine groß gewachsene Frau blickte ihn böse an und blaffte: „Steh nett so ausgschamt rum, du blockierst den ganzen Gang!“ Unsanft schob sie sich in ihrem bunten Gewand an ihm vorbei, ein knappes Dutzend gefüllte Krüge vor sich herstemmend. Die hellbraune Brühe schwappte so stark umher, dass der Schaum bei einigen Krügen über den Rand trat.
´Wie unverschämt diese Wasserträgerin doch ist`, ärgerte sich Ali. ´Als Frau hat sie nicht das Recht, mich zu berühren, geschweige denn zu schimpfen.` Irritiert blickte er ihr hinterher. Dabei entdeckte er einen Tisch voller aufreizender ganz ohne männliche Begleitung. Sollte er riskieren, die Schönen anzusprechen? ´Ich tu´s`, entschied er. ´Zur Sicherheit frage ich sie als Erstes, wie sehr sie von ihren Vätern und Brüdern überwacht werden.`
Herz klopfend ging Ali auf die zu. Plötzlich verstummte die Musik. Misstrauisch blieb er stehen und drehte sich zur Plattform hin. Mit feierlicher Miene hielt dort der Vorbeter einen halb gefüllten Krug in die Höhe rief in die Menge: „Auf geht´s, trink mer noch amoi, alle miteinand!“
Für einen Moment setzte die Musik wieder ein und der Vorbeter sang voller Inbrunst: „Ein Prooosit, ein Prooosit der Gemütlichkeit.“
Auch die Leute an den Tischen stimmten grölend mit ein. Gemeinsam mit dem Vorbeter brüllten sie: „An die Titte an den Sack, zack zack zack! Prooost! Oans zwoa, gsuffa.“ Dabei stießen sie ihre Krüge so heftig zusammen, dass das ganze Zelt von einem gläsernen Klirren erfüllt war. Anschließend setzten sie sich die Krüge an den Mund und begannen in vollen Zügen daraus zu trinken.
´Mann oh Mann`, wunderte sich Ali, ´machen die ein Aufsehen um das Trinken! Müssen die einen Durst haben! Anscheinend ist in diesem Deutschland das Wasser noch knapper als in der Wüste. Ja, die Wasserfärbung zeigt, dass die Brunnen so gut wie ausgetrocknet sind und bereits der Bodensatz herausgepumpt wird. Auch die Qualität ist miserabel, wenn ich den Schaum in den Krügen sehe. Vielleicht sind deshalb alle so blass? - Nur, warum sind dann die Krüge so groß und zahlreich? Überhaupt sehen die Menschen hier nicht aus, als ob sie zu wenig Wasser hätten. Ach was soll´s? Ich kümmere mich lieber um die Jungfrauen.`
Schon fiel sein Blick auf eine äußerst attraktive . Nur notdürftig durch ein weiß-blau gefärbtes Kleid umhüllt, kam die blond gelockte Schönheit direkt auf ihn zu. Lüstern taxierte Ali die Blondine, wobei sein Blick in ihrem tiefen Ausschnitt haften blieb. ´Mann, diese Jungfrau ist der Hammer!`, dachte er und fasste sich in den Schritt. ´Sicher hat sie mich entdeckt und will, dass ich sie will! Deshalb zeigt sie mir auch ganz unverblümt ihre wohlgeformten Brüste. Jetzt hat sie mich sogar angeschaut. Aber ist die Jungfrau Wirklichkeit oder ist sie nur eine Fata Morgana? Am Besten überprüfe ich es gleich.`
„Entschuldigen Sie, jungfräuliche Jungfrau“, sprach Ali zu der betörenden Blondine und stellte sich ihr in den Weg. „Ich muss mich vergewissern, dass Sie auch echt sind.“ Schon umfasste er mit beiden Händen prüfend ihre Brüste.
machte es. Die Blondine hatte kräftig zugeschlagen.
„Au!”, rief Ali entsetzt und hielt sich die Wange. Seine freudige Erregung war wie weggeblasen. Bevor er reagieren konnte, schnauzte ihn die Schöne auch noch an: „Du Wichser, du elendiger, lass deine Griffel von mir! Das geht dich einen feuchten Kehricht an, ob meine Titten echt sind!“
„A, a, aber i ihre Brüste waren ganz deutlich auf mich gerichtet“, stammelte Ali.
„Na und, dann schau halt weg, wenn sie dich stören!“
„Das geht nicht, ich bin doch wegen der Jungfrauen hier.“
„Jungfrauen?“, wiederholte die Frau und rollte mit den Augen.
„Ja, Jungfrauen“, sagte Ali und nickte. „Mir stehen sogar zweiundsiebzig zu! Aber wunderschön müssen sie sein.“
„So einer gehört vors Zelt gesetzt“, schimpfte die begrapschte Schönheit vor sich hin. „Fummelt einfach an einem herum und meint, er bekäme zweiundsiebzig Jungfrauen.“ Wütend ging sie weiter, vorbei an einer Traube Neugieriger, die sich inzwischen gebildet hatte.
„So, so, zweiundsiebzig Jungfrauen willst du? – Hicks“, tönte eine weibliche Stimme von der Seite. Direkt neben Ali stand eine üppige Brünette. Ihre superengen Jeans erweckten den Eindruck, als würden sie gleich beim nächsten Schritt aufplatzen. Völlig perplex starrte er die Brünette an.
„Du bist ein Witzbold“, stammelte diese und richtete unverfroren ihre glasigen Augen auf ihn. „Die Jungfrauen sind hier schon vor langer, langer Zeit ausgestorben.“
„Wieso denn?“, fragte Ali erstaunt.
„Weil, äh weil, ja weil solche Typen wie du sich drum kümmern, dass wir´s nicht mehr sind! Hicks! Aber komm mal her, Süßer, das funktioniert auch noch, wenn ich keine Jungfrau bin.“ Schon packte die Brünette ihn am Kopf und steckte ihre Zunge in seinen vor Schreck geöffneten Mund.
So eine Schamlosigkeit und Degradierung seines Mannseins konnte Ali nicht hinnehmen. Er, der als gläubiger Muslim einer beschmutzten Frau nicht einmal die Hand reichen würde, wandte sich vor Ekel und Abscheu, als er die Zunge dieser Hure im Mund spürte. „Umpf, ah“, brachte er noch heraus, dann verlor er das Bewusstsein.
„Na dann eben nicht“, lallte die forsche Brünette und ließ Ali los, worauf dieser auf den Holzboden plumpste. Im Nu hatte sich eine noch größere Traube gaffender Menschen um ihn herumgebildet.
“Was ist denn da los?”, brummelte ein älterer Mann, der einen grünen Hut mit grauer Feder auf dem Kopf trug. Fragend sah er die füllige, bunt kostümierte Frau an, die sich zur Menschentraube gesellte, nachdem sie ihre leeren Krüge auf einem Tisch abgestellt hatte.
„Ach, da liegt einer am Boden, der hat einer Blondine an die Brüste g´ langt“, sagte sie. „Wissen´s, die Blondine hat ihm eine gescheuert, und eine kräftige Brünette ist ihr zu Hilfe geeilt. Sie hat sich auf den Busengrapscher gestürzt und ihn gewürgt. Ich hab´ das zufällig beim Abräumen gesehen.“
„Weil´s auch immer ihre Titten so weit ausfahren müssen“, grummelte der Mann und entfernte sich. Mit kräftigen Bewegungen schob sich die füllige Krugträgerin ins Innere der Menge. Dort stand ein breitschultriger Lederhosenträger neben dem am Boden liegenden Ali und blickte - einen Glaskrug in der Hand haltend - unschlüssig auf ihn herab. „Jo mai, der hat Wahnvorstellungen über Jungfrauen!“, sagte er ganz ruhig mit tiefer Stimme.
„Er kommt sicher aus einem armen Land und findet hier bei uns keine Frau“, warf ein umstehender Sozialpädagogentyp mitleidig ein.
„Kein Wunder bei dieser permanenten Fremdenfeindlichkeit von uns Deutschen“, ergänzte schnatternd seine rotlockige Begleiterin.
„Quatsch, der wollte mich doch gar nicht, ich hätt ihn ja genommen“, protestierte die stürmische Brünette, die zuvor ihre Zunge in Alis Mund gesteckt hatte.
„Gebt´s ihm halt a Manna, damit er wieder wird,“ sagte die füllige Krugträgerin und sah den Mann mit der Lederhose auffordernd an. Dieser nickte und bückte sich mit seinem gut gefüllten Krug zu Ali herunter. Auch die Krugträgerin bückte sich, nahm Alis Kopf in die Hände und presste dessen Kiefer auseinander. Breit grinsend goss der Lederhosenmann einen Schwall des hellbraunen Saftes in Ali´s Mund. Ein ungewohnt bitterer Geschmack am Gaumen ließ diesen aus der Bewusstlosigkeit erwachen. Erschrocken öffnete er die Augen und blickte in ein grinsendes Männergesicht. Schon ergoss sich ein zweiter Schub der bitteren Flüssigkeit in seinen Mund.
„Hört´s auf damit!“, vernahm er eine aufgeregte Stimme von den Umstehenden. „Einem Betrunkenen noch Alkohol einzuflößen, ist das Verkehrteste überhaupt! Damit kommt er nicht wieder auf die Beine!“
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