Ja, genau, sagt Henry. Niemand kann das ermessen, der es selbst nicht mitgemacht hat! Er bemerkt nicht, welch übermäßig starren Ausdruck Harriets Gesicht annimmt.
Henry behauptet, das Fett war nicht heiß genug, als Harriet briet. Vielleicht hat er auch noch dem Teig Zutaten hinzugegeben. Jedenfalls schöpft er eine Weile später Fleischstückchen vom Huhn, vom Rind, vom Schwein in tadellos knuspriger Ummantelung aus dem Topf.
Oh Henry, o Henry! Harriet umspringt den schönen Henry, klatscht in die Hände, redet in kindlicher Sprache auf ihn ein: Hattu Talent, kanntu kochen!
Henry zieht die Mundwinkel herab, ganz leicht, was sich bei seinem Schnurrbart ganz großartig macht, senkt die Augen, nur ein wenig. Ist er stolz oder ärgert er sich über Harriet und sagt deshalb nichts, um sie mit Nichtachtung zu strafen? Doch, er sagt etwas! Du solltest dich eines größeren Ernstes befleißigen, Henry. Diese Albernheit steht uns in unserem Alter nicht mehr so gut zu, weißt du!
Oja, oja! Harriet sperrt den Mund auf. Wo du Recht hast, hast du Recht. Ihre Stimme so hoch, es klingt wie ein Miauen.
Harriet trägt diverse Salate auf. Den Tisch hat sie gedeckt, während Henry briet.
Über den mit Holz verkleideten Wänden der Essecke sind Taue verteilt. Jedes Tau anders geknotet. Henrys Erinnerung an seine Seefahrtzeit. Die geläufigsten Knoten kann Harriet inzwischen. Sie wohnen eine Autostunde von der Küste entfernt. Warum haben sie keine Jacht wie andere Menschen? Vielleicht mag Henry sich mit Kleinkram nicht abgeben, nachdem er mit wer weiß wie großen Frachtern gefahren ist.
Harriet und Henry festmahlen anlässlich ihres neunten Jahrestages. Da sie nicht heirateten, feiern sie den Tag, an dem sie sich kennenlernten. Inzwischen leben sie zusammen. Henry mietete eine Altbauwohnung und ließ sich vom Vermieter den Ausbau des Dachstuhls genehmigen. Ideal für Minnie, die Harriet in die Wohngemeinschaft einbrachte. Henry bestand darauf, Mulle zu erwerben, einen schwarzen Kater derselben Züchtung. Man soll Tiere nicht vermenschlichen, sagte er. Henry ist aufgeklärt, sieht alle möglichen Sendungen im Fernsehen. Außerdem missfiel ihm Harriets enge Beziehung zu Minnie. Leider ist Kater Mulle vor einem knappen Jahr verstorben. Einfach so. Seither hat Minnie keine Stimme mehr.
Harriet steckt Henry das und jenes in den Mund. Er soll probieren. Na?, sagt sie jedes Mal.
Ja, Harriet, ja!, sagt Henry geduldig wie zu einem Kind.
Och, Henry, kannst du mich nicht mehr loben?
Ganz wundervoll, wirklich! Große Klasse. Henry küsst sich auf den Daumen und Zeigefinger der rechten Hand.
Als Harriet nicht aufhört, ihn zu füttern, weist er sie milde zurück. Ich hab doch selber Hände, weißt du?
Ach so, ach so? Harriet ist ein wenig beleidigt, isst, trinkt, verschwindet plötzlich unter dem Tisch und taucht zwischen Henrys Beinen wieder auf.
Bist du Minnie?, fragt Henry entnervt.
Harriet miaut. Es klingt genau wie die Stimme, die Minnie nach dem Tod des Katers Mulle verloren hat. Harriet krabbelt über Henrys Beine, isst von seinem Teller, trinkt aus seinem Glas.
Diese Frau!, sagt Henry.
Diese Frau!, äfft Harriet, reibt ihren Kopf an seinem Arm, an seiner Schulter.
Damit du klarsiehst, Harriet, sagt Henry, mitten in der Woche! Ich weiß im Büro nicht mehr, wo mir der Kopf steht.
Wie schade, wie schade! Harriets Nase wird vor Grämlichkeit noch krummer.
Arbeit geht vor.
Oja, oja, sagt Harriet mit hoher Stimme.
Ganz unmöglich! Henry bekräftigt seine Weigerung. Er scheint Harriets Willfährigkeit nicht zu trauen.
Dann wollen wir uns unterhalten!, sagt Harriet entschlossen.
Und worüber? Henry bleibt misstrauisch.
Über Politik.
Aha, sagt Henry.
Harriet hat in den Nachrichten etwas gesehen und nicht verstanden. Warum soll Henry, ihr kluger Freund, ihr jetzt nicht erklären, damit auch sie klüger wird. Wenn man Schulden hat, muss man sie doch bezahlen, Henry, sagt sie. Wenn ich dir was schulde, muss ich dir das zurückzahlen. Und wenn ich bei meiner Mutter Schulden habe oder meine Mutter Schulden bei mir, dann werden wir uns das auch zurückzahlen.
Ja und, Harrietchen? Aber du hast keine Schulden und ich Gott sei dank auch nicht. Die Zeiten sind vorüber.
Die armen Länder haben Schulden. Und sie wollen sie nicht an die reichen Länder zurückzahlen, weil sie arm sind. Das geht doch nicht.
Das ist wieder was anderes, Harrietchen.
Wenn ich mir was borge...
Dann hast du auch das Geld, es wieder zurückzuzahlen. Diese Länder haben kaum das Geld, die Zinsen zurückzuzahlen, weil sie gezwungen sind, ihre Produkte billig im Ausland zu verkaufen, belehrt Henry.
Dann dürfen sie eben keinen Kredit aufnehmen. Wenn ich mir was borge...
Wenn du dir was borgst, Harrietchen.
Du hast keine Lust mit mir zu reden.
Harrietchen, immer. Doch ich bin ein bisschen müde.
Leider ist mein Henry ein bisschen müde. Für die Liebe ein bisschen müde und für die Politik auch ein bisschen müde! Harriet redet vor sich hin, hat schon etliche Gläschen getrunken und nimmt es ihrem Henry nicht übel, dass sie nicht weiter über Schulden reden kann, die sie im Grunde nichts angehen. Oder vielleicht doch? Ein bisschen Angst hat sie schon, dass ihr die armen Länder etwas wegnehmen wollen.
Harriet schaut ihren schönen Henry an. Er liegt nun in seinem seidenen Pyjama im Bett und sie neben ihm. Henry, findet Harriet, ist ein zuvorkommender, höflicher Mann. Nichts kann man an ihm aussetzen. Nur: Er hat Grundsätze. Sagt er nein, sagt er nein. Henry löscht das Licht. Das ist Minnies Signal, herunterzukommen. Eigentlich hatte sie Harriet und Henry oben zum Fernsehabend erwartet. Aber der fällt auch schon mal aus. Minnies wegen sind alle Türen nur leicht angelehnt. Sie kann ins Bad, überallhin. Ihr Schlafplatz neben Harriets Kopf. Sie springt aufs Bett.
Minnie-Minnie, sagt Harriet leise.
Minnie krächzt, hat ja keine Stimme mehr.
Harriet streckt die Hand aus. Minnie reibt ihren Kopf in Harriets Handhöhlung.
Wollen wir ihn noch behalten?
Minnie reibt und reibt sich in Harriets Handhöhlung. Das kann Ja heißen. Oder auch Nein, schließlich bin ich noch da!
Manchmal ist er ja ein ganz schöner Dussel! sagt Harriet.
Minnie schmiegt sich ganz eng an Harriet. Das beruhigt Harriet und schläfert sie ein. Und so ist die Entscheidung, ob Henry ja oder ob Henry nein, wieder einmal aus Gründen allzu großer Harmonie hinausgeschoben.
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