„Sei pünktlich!“, ruft ihm der Abbe` noch hinterher und lächelt verschmitzt dabei.
Daheim angekommen, bemerkt Rosalie als treusorgende Mutter durchaus die leichte Unzufriedenheit, die ihr Sohn mit in´s Haus trägt. „Ist der Abbe` nicht bereit, dich zu unterrichten, mein Schatz“, fragt sie somit nach.
„Doch, doch, Mama, durchaus. Nur hat Monsieur Cremon eine sehr eigenwillige Art zu lehren“, geht der Junge nicht näher auf die Frage ein. „Morgen früh soll ich wieder bei ihm erscheinen.“
Zeitig erreichte Fabien am folgenden Tag die Kapelle. Er betritt das Gotteshaus und da vom Abbe´ weit und breit nichts zu sehen ist, nimmt er sich einfach den Besen aus der Kammer und beginnt erneut zu fegen, wo es eigentlich nichts mehr zu fegen gibt. Denn kein weiterer Besucher trug am Vortag Schmutz herein. Dann erscheint Abbe` Cremon, der den Jungen freundlich begrüßt.
„Gefegt habe ich bereits, Monsieur Abbe`, soll ich nun das Wasser heranschaffen, fragt Fabien beflissen nach.
„Ich habe mitbekommen, dass du gefegt hast, Fabien. Wasser ist noch genug vorhanden, deshalb wollen wir es damit gut sein lassen und nun mit dem zweiten Teil der Lehre beginnen.“
„Dem zweiten Teil?“, fragt der Knabe in Unwissenheit darüber nach, wann der erste Teil stattgefunden haben soll.
„Ja, mein Junge, den ersten Teil hast du gestern zu meiner vollsten Zufriedenheit hinter dich gebracht.“
„Abbe´, gestern habe ich doch nur gefegt, Wasser geschleppt und Staub gewischt“, kann sich Fabien nicht erinnern, etwas gelernt zu haben.
„Und genau das war der erste Teil, Fabienne“, belehrt ihn der Gottesmann. Das Unverständnis im Gesicht des Knaben ablesend fährt er somit fort: „Du wirst rasch erkennen, dass das Lernen um zu Wissen zu gelangen nicht weniger Freude bereitet, als das Spielen und Herumtollen mit deinen Freunden. Weshalb also sollte ich dir eine Freude bereiten ohne zu wissen, wie weit du bereit bist, dafür etwas zu leisten. Nun, wo ich erkannt habe, dass du gewillt bist das Eine zu tun, können wir mit dem Anderen beginnen.“
So führt Abbe` Cremon den kleinen le Trec nach und nach an die Buchstaben heran, später an die Wörter und an die Zahlen. Dies geschieht Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat. So vergeht Jahr für Jahr. Dass nach der Regentschaft des Bürgertums gleich wieder einer die Macht übernahm, sich zum Kaiser krönen ließ und dieser erst kürzlich bei Waterloo sein größtes Debakel erlebte, stört doch nicht das einfache Volk, welches wie stets für das tägliche Brot schuften muss. Bei Wind und Wetter, die große Hitze im Sommer erduldend oder im Winter den kalten Winden trotzend, macht sich Fabien somit auf den Weg. Lediglich wenn Hochzeiten, Taufen oder Begräbnisse, sowie die sonntäglichen Gottesdienste den Abbe` in Anspruch nahmen, fällt der Unterricht aus. Im Laufe der Zeit werden die Bücher dicker, in denen der Wissbegierige seine Nase steckt und immer umfangreicher wird mithin sein Wissen.
Nun weiß er genau, welche Kräuter der Umgebung oder welche Gewürze des Orients, nicht nur dem Würzen der Speisen dienen, sondern auch der Gesundheit zuträglich sind. Fabiennes Wissensdurst ist geradezu unersättlich, egal, ob es sich um die Astronomie oder Biologie handelt, der Junge liest und liest. Sogar politisch gibt sich der Knabe interessiert, sofern es von politischem Geschehen in einem Ort wie Valet de Coeur überhaupt etwas zu spüren gibt. Seine guten Kenntnisse zum derzeitigen Stand der Medizin oder der Chemie verblüffen zeitweilig selbst den Abbe`, der kaum noch in der Lage ist, dem jungen Mann die gewünschten Bücher herbeizuschaffen.
Auf diese Weise hebt sich Fabien mehr und mehr von den Gleichaltrigen ab, die im Gegensatz zu früher nun seine Nähe geradezu suchen. Allen voran Jean-Baptiste, der etwas einfältige Bursche, dessen geistige Entwicklung nicht mit seiner körperlichen Schritt halten konnte. Er mag Fabien auf seine ganz eigene Weise; im gemeinsamen Kindesalter, weil er diesen auf Grund seines verkrüppelten Fußes mit Hohn und Spott überschütten konnte und hoffte, sich dadurch Ansehen zu verschaffen. Und nun, weil er meint durch die Nähe zu diesem gutaussehenden gebildeten jungen Mann, vielleicht an eine der ebenfalls jungen Damen des Ortes zu gelangen, die beinahe schwärmerisch von Fabienne angetan sind. Doch nur die überaus einfachen Mägde finden Gefallen an dem kräftigen Jean-Baptiste. Die Töchter der Besserbetuchten meiden indes den Umgang mit ihm, zumal man immer davon spricht, dass er der Sohn einer Hure und eines Trinker sei. Ob er selbst seine Eltern je bewusst zu Gesicht bekam ist nicht bekannt. Ein kinderloses Bauernehepaar, die Fontaines, nahmen sich damals der kleinen Waise an und seit frühester Kindheit an schuftet Jean-Baptiste nun bis heute auf deren Feldern. Um dem insgeheim von ihm verehrten ungleichen Freund ähnlicher zu sein, was dem Unterfangen gleichkommt, einen Stern vom Himmel zu holen, wetzt Jean-Baptiste so oft es die Zeit zulässt das scharfe Messer, welches er stets im Gürtel mit sich trägt. Denn sein Vorbild Fabien hat schon von früher Jugend an das scharfe Jagdmesser des verstorbenen Vaters stets bei sich. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht. Der junge le Trec hegt keinen Groll gegen Jean-Baptiste, ganz im Gegenteil, dieser Bursche ist ihm schlichtweg gleichgültig; und alle Geschehnisse, die mit anfänglicher Häme und Spott ihm gegenüber verbunden waren, liegen weit zurück. Mehr als ein Jahrzehnt liegt mittlerweile dazwischen.
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