„Gebt noch eine Stunde darauf, oder zumindest eine Halbe, damit ich meine Sachen packen kann. Ich bin bereit, dafür extra zu bezahlen.“
„In Ordnung, Monsieur, eine halbe Stunde längerer Aufenthalt wird auch den Pferden eine willkommene Erholung sein.“, freut sich der Kutscher über eine zusätzliche Einnahme.
Zwischenzeitlich bewirtet Madame le Trec die beiden Gäste, denen sie Rotwein und Käse servierte. Daraufhin kehrte sie zur Theke zurück, wo Monsieur Debarcuse sich ihr zuwendet.
„Madame, ich hatte……“, addierte er die von ihm in den zurückliegenden Tagen verzehrten Getränke und Speisen aus dem Gedächtnis so gewissenhaft auf, als würde eine Liste damit vor ihm liegen, und fährt dann fort: „Ihr spracht, wenn ihr Fabienne meintet, so häufig von dem Louisdor, dass ich annehme, das diese Goldmünze euer Wohlgefallen findet und eure Auslagen damit gedeckt sind“ , legt er die goldene Münze auf die Theke.
„Monsieur“, schiebt Rosalie das Stück mit echter Entrüstung zurück. „Das kann ich unmöglich annehmen. Es ist viel zu viel, und bei allem, was ihr für mich, für Fabien getan habt.“
„Madame, das war unser Geschäft auf Gegenseitigkeit; Speisen und Getränke bleiben davon unberührt. Zudem würde es mir eine große Freude bereiten, wenn noch so viel davon übrig bleibt, dass für Fabien ein sehr gutes Paar Schuhe dabei herauskommt.“
„Monsieur, ihr beschämt mich zutiefst. Ich, wir, stehen tief in euer Schuld.“
„Humbug, Madame; doch nun erlaubt mir, dass ich mich noch rasch von Fabienne verabschiede.“
Eilig geht er die Stiege hinauf und mahnt bei seinen letzten Worten zu Fabien nochmals an: „Denke daran, Junge, benutze stets als erstes deinen Kopf. Versprochen?“
„Versprochen, Monsieur Debarcuse; auf Wiedersehen Monsieur.“
„Au revoir, Fabien.“
Wenig später kehrt der Arzt mit dem Koffer in der Hand von Simons Herberge zurück zur Kutsche. Alles ist bereit zur Abfahrt. Da kommt ein lautes „Halt“ aus dem Geschäft und Rosalie erscheint mit der ledernen Tasche in der Hand. „Eure Tasche, Monsieur“, hält sie das erstaunlich schwere Stück mit beiden Händen dem Arzt entgegen.
„Oh, Madame, nicht auszudenken, wenn ich diesen Verlust erst in Biarritz bemerkt hätte, bedankt sich Monsieur Debarcuse und lüftet dabei wieder Höflich seine Kopfbedeckung.
„Werden wir euch wiederseh…; werdet ihr noch einmal nach Valet de Coeur kommen?“, berichtigt Rosalie rasch ihre Frage.
„Wer weiß, Madame, Ich bin noch nicht einmal in Biarritz angelangt, geschweige denn in Südamerika. Niemand kann sagen, was die Zeit bringen wird.“
Nochmals lüftet er seinen Hut und verbeugt sich nun dabei, und schon einen Moment später ist Monsieur Debarcuse in der Kutsche verschwunden. Rosalie möchte zum Abschied winken, verwirft diesen Gedanken jedoch ebenso rasch, wie er ihr in den Sinn kam und lässt den Arm wieder sinken. Es stehen doch einige Nachbarn auf dem Weg herum, die das Geschehen beobachten. Deren Geschwätz will sie sich nicht ausgesetzt sehen. Die Kutsche setzt sich in Bewegung und strebt dem Ziel am Atlantik entgegen. Der aufgewirbelte Staub, den der leichte Wind weiter umhertreibt, verhüllt rasch die Umrisse des kleiner werdenden Gefährts.
Im Inneren der Kutsche blickt Monsieur Debarcuse wohlgefällig seine beiden Mitreisenden an, bevor er seine Ledertasche öffnet, um doch noch eilig nachzuschauen, ob er auch nichts vergessen hat. Nein, da liegt es in der Tasche, sein großes und besonders scharfes Messer, welches beinahe eine Elle misst. Ein Lächeln umspielte seinen Mund und seine grünen Augen werden kleiner, so als würde eine Raubkatze ihre Beute fixieren. Sein Lächeln wird noch etwas breiter, als er kurz an Rosalie le Trec denkt. >Wahrhaftig, sie ist eine hübsche Erscheinung, überaus hübsch. Ihr kräftiges braunes Haar hat sie nicht mehr straff zurückgekämmt und festgesteckt, nachdem er ihr sagte, wie gut ihr das offengetragene Haar doch steht<.
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Abbe` Cremon und Jean-Baptiste
Einige Tage möchte Fabien noch abwarten, bevor er das mittlerweile für ihn gefertigte Paar Schuhe anprobieren und einen davon über das stark vernarbte Gebilde ziehen wird, welches einst ein Fuß war. Dann ist es soweit.
Nicht nur für ihn bedeutet es Aufregung, nach Wochen die ersten zaghaften Gehversuche zu unternehmen. Rosalie schwankt zwischen Hoffnung und Bangen, als ihr Sohn sich zögerlich daran macht, ständig von der Angst beseelt, einen stechenden Schmerz verspüren zu müssen. Oder, dass ihm gar der etwas mehr als halbe Fuß gänzlich den Dienst versagt. Doch es lässt sich gut an. Für den Anfang genügen die Schritte durch den Laden, um überhaupt wieder ein Gefühl für das Laufen auf den eigenen Beinen zu bekommen. Die Mühe des Schumachers hat sich allemal gelohnt.
Der Louisdor, womit diesmal nicht der Knabe gemeint ist, sondern die Goldmünze, die Monsieur Debarcuse dagelassen hatte, bedeutet für Rosalie eine überaus große Hilfe. So reichlich bleibt davon über, dass sie noch einige weitere Paar Schuhe für ihren Sohn erstehen kann, denn dessen Füße werden schließlich weiter mit ihm wachsen.
Erst als das Frühjahr seinen Einzug hält und die bis dahin kühlen Winde, die von den entfernt liegenden Bergen herunter strömen, nur noch milde daherkommen, verlässt Fabien mit seinen neuen Schuhen an den Füßen und auf eine Krücke gestützt das Haus. Blass schimmerte seine Haut, was durch seine braune Lockenpracht noch verstärkt wird. Schwach und unbeholfen geht er die ersten wenigen Schritte an der Seite der Mutter.
Andere Kinder seines Alters machen sich daran, am nahegelegenen Bachlauf zu spielen oder tummeln sich am Weiher. Die Älteren gehen indes den Eltern bereits auf den Bauernhöfen oder in den Werkstätten zur Hand. Davon ist Fabien noch weit entfernt. Mit seinem verkrüppelten rechten Fuß wird er nie mehr so rumspringen wie die anderen. Mit jedem Tag der ins Land zieht, bessert sich sein Zustand zwar, doch bei manchen Spielen der anderen Kinder kann er einfach nicht mithalten und steht oftmals mehr als teilnahmslos dabei. Dass er zudem hin und wieder den Hänseleien der anderen Kinder ausgesetzt ist, wenn sie barfüßig über die Wiesen tollen, macht ihm zusätzlich zu schaffen. Der etwas einfältige Jean-Baptiste tut sich bei den Sticheleien über den Klumpfuß besonders hervor, wenngleich dieser sonst die Nähe Fabiens geradezu sucht.
Irgendwann, das Frühjahr und der Sommer haben sich längst wieder verabschiedet und Fabien ist es leid, buchstäblich allem und jedem hinterherhinken zu müssen, fasst der junge Bursche einen einsamen Entschluss. Er erinnert sich der Worte seines Vaters, die doch so trefflich mit denen von Monsieur Debarcuse übereinstimmten. >Benutze deinen Kopf<, kommt es ihm in den Sinn. Doch wie soll er zu Wissen gelangen, das über dem, was er seiner Mutter bei der täglichen Arbeit abschauen kann, hinausgeht?
„Mama, ist es dir recht, wenn ich mich tagsüber zu Abbe´ Cremon aufmache?“, fragt er unvermittelt Rosalie.
„Du möchtest zu Abbe` Cremon, was willst du denn dort? Das Beten hat uns nie viel geholfen, wie du weißt, mein Liebling.“
„Nein, Mama, ich möchte doch nicht zum Beten zum Abbe`, aber Vater sagte doch, ich soll lernen, als könnte ich es nie erreichen und auch Monsieur Debarcuse sagte dies am Tag seiner Abreise. Und der Abbe` ist doch ein schlauer Mann, oder? Wo also könnte ich besser lernen?“
„Ich habe nichts dagegen, mein Junge, aber es sind etwa vier Kilometer bis zum Haus des Abbe`; nicht, dass es zu anstrengend für dich wird.“
„Ach was, Mama, ich habe doch meine Krücke, auf die ich mich stützen kann.“
„Wann willst du denn los, Fabien.“
„Gleich morgen, Mama.“
„Bereits morgen?. Meinst du nicht auch, du solltest das nächste Frühjahr abwarten, und es wäre besser, wenn ich zuvor mit dem Abbe` spreche, ob und wann er überhaupt Zeit für dich hat? Sonst gehst du womöglich die ganze Strecke vergebens.“
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