„Madame, habt ihr noch einen Branntwein übrig?“
„Einen Hochprozentigen, wie vorhin?“, fragt Rosalie eilfertig nach.
„Nein, Madame, diesmal einen, den ich in der Lage bin zu trinken und wenn ihr noch einen Becher Kaffee für mich hättet.“
Mit einem Zug leert Monsieur Debarcuse den gereichten Becher, mit dem kräftigen Schuss Branntwein darin. Gleichzeitig greift er mit der anderen Hand nach dem hingehaltenen Becher Kaffee und setzt sich auf den Stuhl, den zuvor Rosalie innehatte.
Wieder schlürft er laut hörbar von dem aromatischen Heißgetränk und es folgt wiederum das „ah, das tut gut“. Mit einem offenen Blick zu Rosalie fügt er an: „Das war ein gutes Stück Arbeit, Madame.“
“Wie geht es Fabien, Monsieur?“, kann Rosalie die innere Anspannung kaum verbergen.
„Fabien schläft, Madame.“
„Und er lebt?“
„Ich sagte doch, er schläft, Madame. Schlafende atmen, Tote können dies nicht. Als ich den Jungen verließ, atmete er“, kommt es ebenso tadelnd wie belehrend über die Lippen des Mannes.
„Kann ich nach Fabienne sehen, Monsieur?“, fragt Rosalie mit einem Stöhnen der Erleichterung nach.
„Im Moment besser nicht. Ich werde gleich noch raufgehen, um die Reste meines Werkes zu beseitigen. Es ist derzeit kein schöner Anblick, für ein nicht daran gewöhntes Auge.“
Das Herz schlägt Rosalie bis zum Halse und mit Schaudern und der Angst vor der Antwort, bohrt sie dennoch weite nach: „Und was ist mit seinem Fuß, seinem Bein?“
„Madame le Trec, ihr habt zuvor gesehen, in welchem Zustand sich der Fuß befand. All das faulende Fleisch musste ich abschneiden und noch etwas mehr, damit der Brand sich nicht weiterfrisst. Die zwei äußeren Zehen hat Fabienne verloren und dazu noch einen Teil des Fußes, bis hin zur Ferse; doch mehr als die Hälfte davon konnte ich erhalten. Wenn die Wunde gut verheilt, wird der Bursche zwar nicht laufen können wie ein junges Reh, doch er wird durchaus in der Lage sein, auf den eigenen Beinen zu stehen. - Madame, habt ich noch etwas von eurem Brei, ich habe Hunger?“
„Natürlich, Monsieur, sofort“, beeilt sich Rosalie, einen Teller mit dem stärkenden Mahl zu füllen.
Während der Arzt manierlich einen Löffel nach dem anderen, den Getreidebrei in sich hineinstopft, beobachtet ihn Rosalie aufmerksam.
>Was ist das nur für ein sonderbarer Mensch<, fragt sie sich, >einer der daherkommt mit ausgesuchten Manieren und gepflegtem Äußeren, in einem Moment charmant, geradezu galant, um im nächsten, kalt wie eine Hundeschnauze zu erzählen, als würde er sich mit seinen Mäusen und Ratten beschäftigen.<
„Madame, ich bin müde und werde mich nun zu der Herberge aufmachen, um ein Bett für die Nacht zu haben. Morgen sehe ich wieder nach Fabien. Bis dahin bitte ich euch, regelmäßig die Tücher zu wechseln, die seinen Fuß bedecken. Nicht, dass sie an der Wunde kleben. Und achtet darauf, dass sich keine Fliegen auf seinem Fuß niederlassen. Es ist schon gut, dass der Herbst naht und nicht zu viele von ihnen herumschwirren. Wacht Fabienne auf, dann gebt ihm vom dem Tee zu trinken“, legt er eine weitere handvoll Blätter, die er aus seiner Tasche fischt, auf einen Teller.
Unvermittelt steht der Mann dann auf, geht hinauf in das Zimmer und packt die Reste seines Werkes in eines der Tücher, um sie wieder unten angelangt, tief in den Abfallkübel zu stecken. Ohne ein weiteres Wort des Dankes abzuwarten, schnappt er seinen schweren Koffer und die große Ledertasche und macht sich mit einem „bis morgen“ auf den Weg.
Rosalie schaut dem Mann noch einen Augenblick hinterher. Er muss sehr kräftig sein, so wie er den schweren Koffer und die Tasche mit kerzengerader Haltung trägt. Dann geht Rosalie zurück in ihr Haus, um endlich nach ihrem Kind zu schauen. Zuvor löst sie jedoch den Haarknoten, der ihr straff nach hinten gekämmtes Haar zusammenhält und der ihr ein wenig Kopfschmerzen beschert. Lang fällt nun das lockige braune Haar bis auf ihre Schultern. Sie ist eine hübsche Frau, mit großen braunen Augen und kaum älter, als dieser sonderbare Arzt. Aber das schwere Leben und die steten Sorgen haben ihre Spuren im Antlitz von Madame le Trec natürlich hinterlassen.
Vorsichtig öffnet Rosalie die Tür zu Fabiens Kammer, doch das leichte Knarren lässt sich dadurch nicht gänzlich vermeiden. Ihren Sohn findet sie schlafend vor, auf der linken Seite liegend und das Gesicht zur Wand gerichtet, so dass die behandelte Seite seines rechten Fußes von Tüchern bedeckt nach oben ragt. Vorsichtig zieht sie die Tücher ab und erschrickt, als sie die große blutige Wunde sieht. Rasch deckt sie die neuen Tücher darüber und ist nur dankbar dafür, dass Fabien trotz der vorangegangenen Tortur in den Schlaf gefunden hat.
Die untergehende Sonne beendet das wenig betriebsame Leben in Valet de Coeur und so gibt sich auch Rosalie der wohlverdienten Nachtruhe hin.
Noch bevor der erste Hahnenschrei den neuen Tag ankündigt, befindet sich Rosalie auf den Beinen. Beim schwachen Schein einer Kerze entfacht sie das Feuer, um Wasser zu erhitzen und den Tee zubereiten zu können, dessen Blätter sie von Monsieur Debarcuse erhielt. Sollte das Kind aufwachen, so wollte sie ihm rasch davon geben. Ein schwaches Stöhnen, nicht schmerzgeplagt, eben nur ein schwaches Stöhnen, vernimmt Rosalie und macht sich gleich daran, von dem aufgebrühten Sud in einen Becher zu füllen. Eilig geht sie damit hinauf zum Krankenlager ihres Sohnes.
„Louisdor, Fabien, mein Goldstück, wie geht es dir?“, begrüßt sie den Knaben und setzte sich sogleich zu ihm an das Bett.
„Mama, ich habe große Schmerzen im Bein, im Fuß, aber dennoch bei weitem erträglicher als gestern“, antwortet der Junge noch etwas benommen und wendet sein Gesicht der Mutter zu. Erfreut sieht diese in die großen braunen Augen Fabiennes, die nun kein fiebriger Glanz mehr trübt.
„Ja, Fabien, ich weiß, du hast viel durchmachen müssen, aber das Fieber scheint deinen Körper verlassen zu haben. Komm, nimm einen Schluck von dem Tee, den mir der Arzt gab. Es sieht ganz danach aus, als würde er Gutes bewirken.“
Mit ihren Worten schiebt sie eine Hand unter Fabiennes Kopf um diesen etwas anzuheben, mit der anderen Hand hält sie den Becher an die Lippen des Knaben. Sichtlich erleichtert darüber, den Buben in weitaus besserer Verfassung vorzufinden, als es noch einen Tag vorher der Fall war, nimmt sie sein Kinn zärtlich zwischen ihrem Daumen und dem Zeigefinger und bewegte seinen Kopf sanft hin und her.
„Ah, Mama, nicht, mein Kinn“, stöhnt Fabien daraufhin unvermittelt auf. Und als Rosalie nun vollends in das Gesicht des Sohnes blickt, erblickt sie die Schwellung in dessem Gesicht, die grün und bläulich schimmert.
„Was ist denn nur mit deinem Gesicht passiert?“, sorgt sich Madame le Trec.
„Ich weiß nicht, Mama, ich habe hier nur so heftige Schmerzen“, sagt Fabien kleinlaut und deutet mit seinen Fingern auf den Unterkiefer.
„Rosalie, bist du schon auf den Beinen?“, dringt eine Stimme von unten, aus dem Verkaufsraum nach oben. „Ich bin es, Andre´, der Barbier. Ich sah Licht und ich dachte, ich schaue mal nach dir und sehe, wie es Fabien ergeht.“
„Komm rauf, Andre´, wir sind hier oben“, ruft Rosalie und dreht dabei ihren Kopf zur Tür.
Einen Moment später steht Andre ebenfalls in der Kammer und grüßt mit einem freundlichen „Bonjour, ihr Beiden.“ Dann tritt er näher an das Bett, um einen Blick auf Fabien werfen zu können. „Wie geht es dem kleinen Patienten?“, spricht er den Jungen an.
„Gut, Monsieur, danke.“
„Du siehst auch bei weitem besser aus, das Fieber scheint aus dem Körper zu sein.“ Dann blickt Andre hinab zu dem mit Tüchern bedeckten Fuß. Vorsichtig ergreift er einen Zipfel, lüftete ihn einwenig, um einen Blick auf die Verletzung werfen zu können und zuckt zusammen.
Читать дальше