„Wenn nicht ich, wer dann?“, kommt es freundlich und dennoch sehr bestimmt aus dem Mund des jungen Mannes. „Wenn ihr gestattet“, lüftet er mit beinahe theatralischer Geste seinen Zylinder, „mein Name ist Rene Debarcuse und ich bin Arzt.“
„Ihr seid Arzt?“, kommt es wiederum ungläubig über Rosalies Lippen, „ihr seid noch so jung.“
„Wäre ich älter, Madame, so könnte ich wahrscheinlich nicht mehr, als euer Kind zur Ader zu lassen, was jedoch wenig hilfreich wäre, wenn ich mir den Sachverhalt vor Augen halte.“
„Mama“, dringt wieder der klagende, schmerzvolle Ruf nach unten.
„Verzeiht, mein Herr, ihr hört selbst; ich muss nach meinem Kind sehen.“
„Dann gestattet, dass ich euch begleite“, kommt die Antwort des Arztes, der dabei seine Tasche ergreift, die eher einem kleinen Koffer ähnelt, und ohne eine Antwort abzuwarten Rosalie folgt.
Während sie bereits am Kopfende des Bettes steht und ihrem Sohn mit der Hand eine Locke seines braunen Haares aus der Stirn wischt, spricht sie leise zu ihm: „Ich habe einen Arzt mitgebracht, Fabien, er wird dir sicherlich helfen können.“
„Ja, Mama“, erwidert Fabien mit tränenerstickter Stimme. Dessen ansonsten großen braunen Augen blicken nun tränenerfüllt und halbgeschlossen zur Decke.
„Dies also ist der kleine Patient“, tritt indes Monsieur Debarcuse wohlgelaunt hinzu, stellt die wuchtige Tasche ab und streicht Fabien grüßend mit seiner Linken über den Kopf. „Dann wollen wir uns das Übel mal ansehen“, meint er dabei und macht einen ausladenden Schritt, um Fabiens Fuß aus der Nähe zu betrachten.
Gleich mehrfach fährt das „hm, hm, hm“, über die Lippen des Arztes, wobei er sich mit den Fingerspitzen über seine hellen Barstoppeln streicht. Mit seiner leeren Rechten führt er dabei Bewegungen aus, als wollte er die Luft zerschneiden. „Nicht einfach, aber durchaus machbar, mit einwenig Glück“, sinniert er mehr vor sich hin, als dass er zu Rosalie oder dem Knaben spricht. Und wiederholt „nicht einfach.“
„Ihr könnt meinem Sohn helfen, Monsieur Debarcuse?“, fragt Rosalie flehentlich und mit aufkeimender Hoffnung nach.
„Zumindest kann ich es versuchen, wenn ihr dies wollt; doch wir sollten nach unten gehen, um darüber zu sprechen, Madam le Trec.“
„Ihr kennt mich, Monsieur?“, fragte Rosalie erstaunt nach.
„Nun, euer Name steht doch, wenn auch klein, über eurem Geschäft angeschlagen und wenn dies Geschäft das eure ist, dann gehe ich einmal davon aus, dass ihr Madame le Trec seid“, stellt der Mediziner nüchtern fest.
Eine Erwiderung darauf kann Rosalie nicht geben, denn aus dem Verkaufsraum dringt laut die Stimme des Kutschers nach oben: „Monsieur Debarcuse, Monsieur, befindet ihr euch noch im Hause, dann macht euch bereit, die Kutsche wird in wenigen Minuten weiterfahren.“
„Gebt mir noch weitere zehn Minuten obendrauf, es soll euer Schaden nicht sein, dann werde ich euch meine Entscheidung wissen lassen“, ruft der Angesprochene nach unten.
Rosalie hat durch das vorangegangene Gespräche total vergessen, dass sich der junge Arzt schließlich nur auf der Durchreise befindet und der eben noch zu entdeckende Hoffnungsschimmer in ihrem Gesicht schwindet nun wieder dahin.
„Seid unbesorgt, gute Frau, wenn ihr möchtet, dass ich eurem Sohn behilflich bin, so werde ich dies auf jeden Fall in Angriff nehmen.“
„Aber, ihr seht selbst, Monsieur, mit Reichtum sind wir nicht gesegnet. Wird unser wenig Erspartes ausreichen, euch zu entlohnen?“
„Macht euch deswegen keine Sorgen, Madame, ich sehe es vielmehr als ein Geschäft auf Gegenseitigkeit an, wo es einer weiteren Entlohnung nicht bedarf. Doch, ihr spracht vorhin von einer in der Nähe befindlichen Herberge, wenn ihr mir dort ein Zimmer reservieren könnt wäre alles geklärt und ich könnte zügig mit der Arbeit beginnen.“
Draußen sitzen bereits die anderen Reisenden wieder in der Kutsche und warten nur auf Monsieur Debarcuse, damit die Fahrt fortgesetzt werden kann. Der verlässt gerade das Geschäft, allerdings nicht, um sich den Reisenden anzuschließen.
„Kutscher, ladet mein Gepäck ab, diesen Koffer dort“, deutet der Arzt hinauf zum Dach der Kutsche. „Ich werde meine Reise hier unterbrechen.“
Murrend, widerwillig und sichtlich erbost über die neue und völlig unnötige Verschiebung der Abfahrtszeit, macht sich der Kutscher daran, den festverzurrten Koffer aus der luftigen Höhe zu hieven. Mürrisch und wenig ungehalten, machen auch die wartenden Fahrgäste ihrem Unmut Luft.
Mit einer an Überheblichkeit grenzenden Gelassenheit lässt der junge Arzt das Gezeter über sich ergehen und wirft dem Kutscher abfällig eine Münze zu, nachdem dieser den Koffer übertrieben hart auf dem Boden aufsetzt. Ein Blick auf die Münze veranlasst den Kutscher nicht nur freundlicher zu schauen, sondern nun ergeht er sich in geradezu hündischer Dankbarkeit. Kurz darauf setzt sich die Kutsche in Bewegung. Monsieur Debarcuse greift nach seinem schweren Koffer und schleppt ihn in den Verkaufsraum. Gerade in dem Moment kehrt Rosalie von der Herberge zurück und meint noch völlig außer Atem: „Oh, Monsieur Debarcuse, ich sah die Kutsche vorbeifahren und befürchtete schon, ihr hättet uns den Rücken gekehrt. Ein Zimmer habe ich reservieren können.“
„Sehr schön, Madame; ich bin einfach davon ausgegangen, dass in diesem Ort keine Herberge überbelegt sein wird“, erwidert der Arzt nüchtern und etwas abwertend.
Nach einer kleinen Pause, in welcher er sich nun seines Zylinders entledigt, seinen Rock achtlos über die Verkaufstheke wirft und die Ärmel seiner Bluse aufkrempelt, spricht er wieder in der gewohnten höflichen Manier zu Rosalie: „ Vorweg, Madame, vorweg benötige ich eure Hilfe. Sorgt bitte für reichlich heißes Wasser und besorgt mir eine Flasche Calvados dazu, oder einen anderen Branntwein, nur hochprozentig muss er sein.“
„Monsieur, ihr wollt trinken bevor ihr…“; beginnt Rosalie mit Entrüstung in der Stimme, doch Monsieur Debarcuse unterbricht sie.
„Den Branntwein brauche ich zum Reinigen der Wunde. Dann, einen Moment bitte“, eilt er jetzt die Stufen hinauf zu der Stube in der Fabienne liegt und in der noch seine lederne Tasche steht. Er wühlt darin und mit einer handvoll getrockneter Blätter, kehrt er nur einen Augenblick später in den Verkaufsraum zurück. Seine Hand, mit den getrockneten Blättern darin, streckt er Rosalie entgegen. „Brüht mir daraus einen kräftigen Tee auf. Wenn ich mich, sobald der Tee fertig ist, um Fabien kümmere ist es unabdingbar, dass ihr mich mit ihm alleine lasst.“
„Soll ich euch nicht zur Hand gehen oder zumindest Fabiens Hand halten, um ihn zu beruhigen?“, fragt Rosalie eingeschüchtert nach.
„Auf keinen Fall, Madame, entgegnet der Arzt entgeistert. „Ich glaube nicht, dass ihr es überstehen würdet, wenn ich mich mit dem Messer an eurem Sohn zu schaffen mache; und mich gleich um zwei Patienten kümmern zu müssen, wird auch mich momentan überfordern.“
Sichtlich blass geworden nimmt Rosalie diese Worte zur Kenntnis.
„Und noch eine Bitte, bereitet einen Kaffee zu, aber stärker als alles, was ihr bisher gebraut habt“, spricht Monsieur Debarcuse weiter und schaut dabei überlegend an die Decke.
„Meint ihr, der starke Kaffee würde Fabienne die Schmerzen nehmen?“, wagt sich Madame le Trec zaghaft nachzufragen.
„Keineswegs, Madame. Wenn der Kaffee so stark ist, wie ich ihn mir wünsche, dann würde er euren Sohn auf der Stelle töten, aber nicht die Schmerzen an sich lindern. Nein, der Kaffee, der ist für mich.“ Mit einem Lächeln in seinem eigentlich recht freundlichen Gesicht, so, als würde er belanglose Konversation führen, strahlt er Rosalie an.
Die Selbstsicherheit, mit der Monsieur Debarcuse trotz seiner Jungend auftritt, er wird kaum älter als Madame le Trec sein, gibt Rosalie dennoch etwas Zuversicht. Zudem ihn das dunkelblonde Haar, mit der leicht von der Sonne gebräunten Haut, ein überaus angenehmes Äußeres verleiht.
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