Der Schrei seines Sohnes bringt Bertrand wieder das Bewusstsein zurück und selbst von unsäglichen Schmerzen gepeinigt, versucht er die Falle zu öffnen, die seinem geliebten Sohn den Fuß zerschmetterte. Er müht sich und müht sich, doch seine Kräfte schwinden rasch dahin, der rote Fleck auf seinem Rücken wird zusehends größer. Bertrand schafft es nicht mehr, die beiden gewaltigen Backen der Falle auseinander zu drücken. Die Schmerzensschreie seines Sohnes bleiben das Letzte, was er auf seiner Reise vom Diesseits ins Jenseits mitnimmt.
Nachdem die Dunkelheit dem Streben und Werken in Valet de Coeur ein Ende setzt, doch weder Bertrand noch Fabien sich daheim einstellen, begibt sich Rosalie zu den Nachbarn, um Hilfe zu erbitten. So tanzen erst spät die Lichtpunkte von Fackeln am Waldesrand, die sich der Unglücksstelle nähern.
Wie in weiser Voraussicht, führen die Suchenden einen Karren mit sich, den sie bei den ersten Bäumen zurücklassen müssen. Nachdem sie die beiden leblosen Körper finden erkennen sie schnell, dass nur in Fabiennes Körper noch Leben steckt und befreien ihn aus dem scherzhaften Griff der Falle. Kann sich einer der Männer noch mühelos Fabien über die Schulter legen, so bedarf es drei Weiterer, um den stattlichen Bertrand durch das Unterholz zum Karren zu schaffen. Bei allem Unglück ist es dennoch als Glück anzusehen, dass sich während der zurückliegenden Stunden keine wilden Tiere an den Körpern zu schaffen machten.
So schnell wie nur möglich schieben die Männer den Karren vor das Haus von Rosalie, welche dem Zusammenbruch nahe ist, als sie das ganze Ausmaß erkennt. Für ihren geliebten Mann kann sie nichts tun, doch sie wacht Stunde um Stunde am Bett des kleinen Fabienne. Andre, der Nachbar und Barbier des Ortes, der sich zudem auf die Behandlung kleinerer Blessuren versteht, ist rasch zur Stelle um zu helfen. Aus den wachenden Stunden der Mutter werden Tage. Doch der Junge liegt weiterhin vom Fieber geschwächt danieder. Dazu entzündet sich die Wunde und will einfach nicht verheilen. An den äußeren Rändern des Fußes verfärbt sich das Fleisch bereits. Der in der Medizin etwas kundige Barbier rät gar dazu, den Fuß, besser noch den Unterschenkel zu amputieren, bevor der Wundbrand weiter ums sich greift. Nur so, meint er, das Leben des Knaben erhalten zu können.
Eine Woche liegt das unsägliche Geschick bereits zurück. Bertrand hat bereits seine letzte Ruhestätte auf dem Kirchhof gefunden. Wer den verhängnisvollen Schuss auf ihn abgegeben hat bleibt bis dahin ungeklärt und lässt die Frage offen, ob Bertrand dem todbringenden Fehlschuss eines anderen Jägers erlag, oder ob sich womöglich jemand dem früher herrschenden Adel noch zugetan fühlte und sich von der auffälligen Kopfbedeckung dieses doch friedvollen Mannes gestört sah. Niemand im Ort kann sich erklären, wer dieser unauffälligen Familie ein solches Leid zufügen wollte. Und Fabien fiebert weiter vor sich hin und weilt zeitweilig mehr unter den Toten, als unter den Lebenden.
In dieser für Rosalie sehr angespannten Situation, mag man es einen glücklichen Zufall nennen, dass sich ihr Geschäft im Herzen von Valet de Coeur befindet, genau an dem Punkt, wo sich die beiden breiten Wege kreuzen. Hier hält die von vier Rössern gezogene Kutsche an, auf deren Dach sich große Gepäckstücke türmen.
Zunächst entsteigen vier Herren der Kutsche. Froh, der Enge entkommen zu sein, recken und strecken sie sich und schauen sich dabei suchend um. Dann folgen zwei wohlgekleidete Damen, die sich weitaus genierlicher mühen, die durchgerüttelten Körper wieder in´s rechte Lot zu bringen. Als Erster macht sich jedoch der Kutscher auf, Rosalies Laden zu betreten. Neben den bereits erwähnten Dingen wie Käse, Brot und Eiern oder was sonst für die tägliche Stärkung benötigt wird, hatte Rosalie schon frühzeitig damit begonnen, stets einen Topf mit kräftespendendem Getreidebrei am köcheln zu halten. Gerne nehmen die ortsansässigen Handwerker und Bauern diese Mahlzeit an. Ebenso verlangt der Kutscher nun nach dieser Mahlzeit. Jetzt folgen, bis auf einen, auch die anderen Reisenden, die sich jedoch eher dem Käse und einem Stück Brot widmen. Der Letzte im Bunde, ein schlanker, hochgewachsener junger Mann, dem sein Zylinder ein noch größeres Aussehen verleiht kann sich noch nicht so recht entscheiden.
„Verzeiht, Madame“, beginnt er äußerst höflich das Gespräch, „nicht, dass ich euren wohlduftenden Brei nicht zu schätzen wüsste, doch habt ihr eventuell noch etwas Geschmackvolleres im Haus. Ein gebratenes Huhn, ein Stück vom Schwein oder gar etwas Wildbret?“
Trotz aller Pein, huscht nun ein verhaltenes Lächeln über Rosalies Gesicht. „Wo denkt ihr hin, mein Herr? Wem, um aller Herrgottswillen, sollte ich in dieser Einöde ein Stück vom Braten verkaufen können? Es ist nicht aller Tage so, dass eine Kutsche vorfährt und gleich sechs hungrige Herrschaften auswirft.“
„Ich halte es dennoch für ungewöhnlich, dass bei all den Bauernhöfen ringsherum und dem dichten Wald, in dem sich das Wild wohl nur so tummeln wird, kein Stück Fleisch zu bekommen ist. Gibt es denn einen Gasthof in dieser Gegend?“
„Auch damit kann Valet de Coeur nicht aufwarten, mein Herr. Es gibt eine Herberge mit einfachen Zimmern. Wenn ihr dort nächtigt, erwartet euch tagsdarauf ein kräftiges Frühstück, aber weitere Speisen und ein guter Schluck, den gibt es nur bei mir. Hätte ich von eurer Ankunft gewusst, wäre es mir vielleicht möglich gewesen entsprechend vorzusorgen.“
„Dann ist es wohl vermessen, wenn ich danach frage, ob euer Ort mit einem Barbier aufwarten kann?“
„Seht ihr, nun ist das Glück euch doch wohlgesonnen; einen Barbier gibt es und der ist nicht einmal weit von hier.“ Gerade möchte Rosalie, dankbar dafür in diesem Gespräch etwas Ablenkung zu finden, noch einen Satz daran hängen, als von oben der stöhnende und wimmernde Ruf „Mama“ in den Verkaufsraum dringt.
„Verzeiht, mein Herr, ich werde dringend an anderer Stelle benötigt“, macht sich Rosalie sogleich die nahegelegenen Stufen hinauf. Eben noch mit einem Anflug von Frohsinn gesegnet, zeichnet
sich nun wieder die Besorgnis in ihrem Gesicht ab.
„Mein kleiner Louisdor, bald geht es dir wieder besser“, versucht sie zu trösten, nimmt den Lappen, feuchtet ihn in der bereitstehenden Waschschüssel an. Dann macht sie sich daran, über Fabiens fiebrig glänzendes Gesicht zu wischen.
„Mama, ich habe so Schmerzen in meinem Bein, ich kann es kaum noch aushalten“, stöhnt der Junge.
„Bald, Fabien, bald wird alles gut werden“, flüstert Rosalie ihrem Sohn zu, ohne selbst richtig an ihre Aussage zu glauben. „Ich bin gleich wieder bei dir, mein Junge; ich werde mich nur noch rasch um den einen Kunden kümmern“, versucht Rosalie ihrem Sohn ein Lächeln zu zeigen und drückt ihre Lippen auf seine Stirn, bevor sie sich wieder auf den Weg nach unten macht.
„Ihr schaut besorgt aus, gute Frau“, meint der junge Mann, der nach wie vor an seinem Platz steht. „Es klingt nach einer sehr jungen Stimme; ist euer Kind erkrankt?“
„Ja, der Fuß ist es, der ihm zu schaffen macht“; entgegnet Rosalie und erzählt mit wenigen Worten, ohne den tödlichen Schuss und Bertrand zu erwähnen, von dem Desaster mit der Falle.
Der junge Mann lauscht ruhig und aufmerksam den Worten, um sich gleich darauf mit einem „einen Moment, bitte“, umzuwenden. Er verlässt das kleine Geschäft, geht die wenigen Schritte zur Kutsche und zieht unter dem von ihm beanspruchten Sitzplatz eine große lederne Tasche hervor. So rasch wie er sich aufmachte, kehrt er damit zurück in´s Geschäft und meint, indem er die Tasche auf den Boden absetzt: „Wenn es euch Recht ist, Madame, vielleicht kann ich helfen.“
„Ihr?“, entfährt es Rosalie ungläubig.
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