Zana: „Was ist Subsidiärschutz?“
Das Mädchen: „Das ist die Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr. Es gibt noch eine für drei Jahre. Wenn er drei Jahre bekommen hätte, hätte er mich nachholen können, so hat es mir mein Mann erklärt.“
Zana: „Ach so, jetzt verstehe ich. Das kenne ich, aber wusste nicht, dass es Subsidiärschutz heißt.“
Nach zwei Stunden Laufen, mit Pausen dazwischen, sagt der Schlepper, dass sie ihre Handys ausschalten und leise sein müssen, weil sie an der Grenze sind.
Ferat sagt ganz leise zu Zana: „Endlich, ich dachte, dass Derik direkt an der Grenze ist.“
Zana: „Wir haben bestimmt viele Umwege gemacht.“
Jetzt sehen sie den Zaun, und finden eine Lücke. Sie denken, das wäre es, doch müssen sie noch ungefähr eine halbe Stunde laufen, bis sie in dem Dorf sind, wo sie abgeholt werden sollen. Sobald sie ankommen, rufen sie ihre Familien an.
Ferat meldet sich bei seinen Vater an und sagt: „Wir sind angekommen, schickt bitte jemanden, der uns abholt.“
Der Vater: „Gott sei Dank, ist alles ok bei euch? War es anstrengend?“
Ferat: „Schick uns erst mal jemanden, wir können morgen darüber reden. Ich bin jetzt total fertig.“
Der Vater: „Ok, ich habe vor einer Stunde mit deinem Onkel (von den Verwandten, die den türkischen Pass haben) telefoniert, und habe ihm gesagt, dass ihr in diesem Dorf landet, ich rufe ihn noch mal an, und sage ihm, wo ihr genau seid.“
Der Onkel hat sie dann abgeholt, und bis sie in seinem Haus ankommen, ist es fast Morgen. Sie schlafen sofort ein, bis Ferat wegen eines Anrufs seines Vaters aufwacht.
Der Vater: „Wie war es gestern? Erzähl mir. Ich bin sehr froh, dass es gleich beim ersten Mal geklappt hat. Ist alles gut bei euch?“
Ferat: „Alles gut, aber es war sehr, sehr anstrengend. Papa, ich will den Weg über Bulgarien und die anderen Länder nicht mehr machen. Ich will nicht mehr so viel zwischen den Gren-zen laufen und die ganze Zeit Angst haben, festgenommen zu werden. Findet für uns bitte einen Weg, wo wir mit dem Auto fahren können. Oder mit dem Flugzeug wäre noch besser.“
Der Vater: „Es ist nicht so einfach einen anderen Weg zu finden. Außerdem, die kosten zu viel und ich weiß nicht, ob Zanas Familie so viel Geld bezahlen kann.“
Ferat: „Ja, ich weiß, aber es ist mir zu anstrengend. Und ich hatte keine Ahnung, dass es so ist.“
Der Vater: „Okay, ich versuche so schnell wie möglich, einen anderen Weg für dich zu finden. Und dann bespreche ich es mit Zanas Eltern.“
Nach einigen Tagen ruft der Vater wieder an, um zu sagen, dass er eine Fluchtroute gefunden hat, die von der Türkei nach Griechenland mit dem Auto läuft. Und dann mit gefälschten Pässen und mit dem Flugzeug nach Deutschland.
Ferat: „Das ist super, und was sagen Zanas Eltern?“
Der Vater: „Sie sagen, jetzt haben sie so viel Geld nicht. Aber sie wären bereit, ihr Haus zu verkaufen, wenn Zana es möchte.“
Ferat: „Okay, dann gucke ich, was Zana entscheidet. Er hat jetzt bestimmt mit seiner Familie darüber geredet.“
Nach vielen Gesprächen mit der Familie und Ferat, entscheidet Zana den anstrengenden Weg zu gehen, denn es ist ihm lieber, als seine Familie in eine Krise zu bringen. Obwohl die Familie es für ihn machen würde.
Am nächsten Tag fährt jeder auf verschiedenen Wegen weiter. Ferat muss nach Istanbul gelangen, um von dort mit dem Auto nach Griechenland zu kommen und dann mit dem Flugzeug zu fliegen. Und Zana muss nach Ederne (eine türkische Stadt an der bulgarischen Grenze), um von dort zu Fuß nach Bulgarien und dann weiter nach Serbien, Ungarn, Österreich und Deutschland zu gehen. So ist es geplant, aber eigentlich weiß keiner, wer wo landet, denn Bahoz ist den billigen Weg gegangen, und ich weiß nicht, ob er in Griechenland ankommen oder im Mittelmeer ertrinken wird. Zana, der den normalen Weg gegangen ist, weiß auch nicht, ob er in seinem Zielland ankommen wird oder in irgendeinem bleiben muss, weil er dort festgenommen wird und die Fingerabdrücke abgeben muss. Selbst Ferat, der den teuren Weg gewählt hat, weiß nicht, ob alles klappen wird oder ob er an der Grenze abgefangen und ins Gefängnis gehen wird.
Die Jungen sind zwar auf verschiedenen Wegen geflohen, aber im Herzen sind sie immer noch zusammen. Und die Freundschaft, die über zehn Jahre alt ist, wird in Europa noch älter und älter werden, wenn alles nach ihren Plänen läuft.
Sie nennen uns Flüchtlinge.
Dem Unheil sind wir entkommen,
Das ich nicht begreifen kann.
Ich bin ein sechsjähriger Junge.
Alle meine Spielsachen, Kameraden,
Meine Oma, die Tanten
Sind fort ohne Rückkehr.
Ich gehe raus, versuche es
Zu verschmerzen.
Komm rein, ins Haus!
Du weisst, dass sich Frau Henzel ärgert,
Wenn auf dem Hof gehüpft wird - schreit meine Mutter.
Gehorsam gehe ich rein,
Bleibe am Fenster stehen,
Schaue auf die Dächer,
Vögel, auf die Wolken ...
Ob sie die Gleichen sind wie in Bosnien?
Geh weg vom Fenster!
Zieh die Vorhänge zu - sagt Mutter
Du weisst, was uns Frau Henzel
Gesagt hat -
Mir platzt der Kragen.
In Bosnien
Darfst du
Nicht auf den Hof,
Nicht ans Fenster,
Wegen der Scharfschützen,
Hier wegen der Frau Henzel.
Ich verfluche das Leben!
Ein Zugvogel trägt
In seinem Schnabel
Ein Telegramm
Zu meiner Mutter.
Seit langem gibt es keine
Telefonverbindung.
Winke ihr, lieber Vogel,
Du, der Freund meines Dorfes -
Breze!
Fliegst du über Breze?
Wir leben doch,
Weine nicht, Liebes!
Die Hoffnung liegt bei Gott.
Grüß alle,
Bete für alle,
Dass ist das,
Was ich jetzt kann ...
Sie schauen sich zornig
Über ihren Zäunen an.
Unerwartet.
Der Himmel verdunkelt sich
Und der Regenbogen
Über unseren Dächern erlischt.
Mir erzählen sie nichts
Versuche es
Zu verstehen.
Ob ich es kann?
Meine Brüder,
Wie zwei Fremde,
Beißen sich ins Herz,
Ohne Mitleid.
Die Sonne erwacht blutrot,
Geht hinter unseren Bergen
Unter.
Mir erzählen sie nichts
Bestimmtes,
Ich versuche zu helfen.
Ob ich es kann?
Meine Brüder
Entschlossen sich,
Gegen Mensch und gegen Gott
Zu handeln,
Grundsätzlich.
Der Hass stürmt
Und alles was schön und heilig war,
Überschwemmt er in unseren Erinnerungen.
Mir braucht nichts gesagt zu werden,
In aller Ewigkeit.
Ich versuche
ES ZU VERSTEHEN
UND ZU VERGEBEN.
Ob ich es kann?
Auch das geschieht wieder
Auf dem berglandschaftlichen Balkan,
In der Stadt Sarajevo,
Im zwanzigsten Jahrhundert.
Ein Dichter verheizt die Bücher
In seiner kalten Wohnung,
Im Tausch für sein Leben - verheizt er die Bibliothek.
Draußen Tod und Hass,
Draußen Krieg und Eis,
Der Dichter verheizt alles, was er hat,
Dann sind die Bücher an der Reihe.
Doch wie mit dem Buch in den Ofen?
Der Dichter kämpft mit sich,
Wie den Tolstoi ins Feuer schieben,
Wie ihn den Flammen übergeben?
Wie den Andrić, Meša, Dostojewski, Mann,
Mit deren Worten der Planet gefüllt ist?
Wie den großartigen Hesse, wie Günther Grass?
Doch die sind jetzt die Rettungsstrohhalme ...
Wie den Geist verheizen, wie die kollektiven Seelen?
Doch die Kälte sitzt in den Knochen,
Winterkalte Winde wehen,
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