Auch das Lektorieren der übersetzten Texte erforderte besonderes Feingefühl, sind doch Redewendungen meist nicht wörtlich in die andere Sprache zu übertragen, sondern nur sinngemäß. Dass wir die fremdsprachig verfassten Texte nicht nur in der deutschen Fassung in die Anthologie aufgenommen haben, sondern auch im Original ist der Überlegung geschuldet, auch Flüchtlinge, die das Deutsche noch nicht so beherrschen, als Leser zu gewinnen. Für manche politische Emigranten ist es außerdem eine Möglichkeit, mit dieser Veröffentlichung ihr heimisches Publikum zu erreichen. Das unterstützen wir gern. Außerdem gefällt den Herausgebern das gewisse Flair, das durch die Kontraste entsteht.
Wir haben aber nicht nur versucht, diesen sprachlichen Besonderheiten gerecht zu werden, sondern haben auch alle Ansichten und Meinungen der Geflüchteten ungeschmälert in die Anthologie übernommen und wiedergegeben. Diese Meinungen kennenzulernen und zu bedenken, hat einen Wert an sich, unabhängig davon, ob man jeden einzelnen Punkt teilt. Nicht jeder Leser wird sich beispielsweise bedingungslos der Ansicht anschließen, dass Damaskus die Mutter aller großen Städte ist. Aber wir verstehen sofort die übergroße Liebe des Flüchtlings zu seiner Vaterstadt, die er hinter sich lassen musste.
So stehen in dieser Anthologie auch Texte unterschiedlicher literarischer Qualität nebeneinander. Dies verstehen wir nicht als Manko, sondern als Gewinn, da so die ganze Bandbreite von Fluchterfahrungen aufgegriffen und wiedergegeben werden konnte.
In all den Phasen der Arbeit an der Anthologie „Fluchtpunkt Hamburg“ wurden wir von vielen Institutionen und Menschen guten Willens unterstützt. Ihnen gilt unser Dank. Ein besonderer Dank gilt den Übersetzern Uwe Friesel, David Richardson, Herrn Aalam, Ayman Lathkani, Bhaswati Chatterjee, Ezra Hamadeh, Ebaa Hamadah, Fahman Hussein, Mohad Bashir und allen voran Angelika Oppenheimer, die in der Anfangsphase selbst zur Tat schritt und uns mit Kontakten half.
Sven j. Olsson
(für die Herausgeber und Herausgeberinnen)
Der iranische Dichter Hani Navaseri hält Ausschau. (Foto: Hani Navaseri)
Hani Navaseri: Dein Zuhause
Mein Koffer ist leer.
Meine Schuhe sind alt.
Mein Weg ist weit.
Es gibt keine andere Möglichkeit,
als zu gehen und das langsam,
bis das Mondlicht zur Ruhe kommt
und jede Welle auf dem weichen Leib des Wassers.
In der Tiefe meiner Erinnerungen
siehst du ein Heft.
In diesem Heft
wird im Herbst keine Weide vertrocknen.
Meine Augen möchten sehen,
aber leider schläfst du.
Und ich warte, bis der Gottesruf erklingt.
Ich denke an die klaren Augen,
in die ich mich verliebt habe.
Die mich danach zerstört haben.
Mit dir fühle ich mich ganz,
reinige nicht das Fenster,
vielleicht ist die kalte Feuchtigkeit
eine Träne meiner Freude über dich.
Du bist es wert, gesehen zu werden,
es scheint fast, als ob nur ich weiß,
was du für eine Leidenschaft bist.
Meine Augen weinen.
Und meine Stimme ist rau vom Schrei des Herbstes.
Meine Hände in den leeren Taschen.
Ich schaue sie an.
Seit Jahren schaue ich auf sie
nur durch die Augen der Rosen.
Ich habe alles Andere verpasst.
Doch den Baum habe ich erreicht.
Mein Koffer ist leer.
Aber ich habe keine Angst.
Mein Ziel ist dein Haus.
(Postkarte: Hasan Alhasan)
Fahman Hussein: Qamischlo
Qamischlo, den 3. August 2015
„Guten Morgen“, sagt Ferat mit trauriger Stimme zu seiner Familie beim Frühstück.
„Warum bist du traurig, mein Sohn?“, fragt die Mutter.
Ferat: „Heute verabschiede ich einen meiner Freunde.“
Die Mutter: „Ach so, ich dachte schon, dass wieder einer deiner Freunde im Krieg gefallen ist. Oder verhaftet wurde.“
Die Kleine: „Ist gefallen nicht das Gleiche wie Verabschiedung?“
Die Mutter: „Wie kommst du denn auf die Idee?“
Die Kleine: „Weil sie alle nicht mehr zurückkommen.“
Ferat: „Es ist nicht ganz so schlimm. Vielleicht kommen sie irgendwann wieder zurück. Aber dieses Mal ist es Bahoz.“
Die ganze Familie zusammen: „Wirklich? Geht er einfach so, ohne sich von uns zu verabschieden?“
Ferat: „Nein, das macht er auf keinen Fall. Heute Abend kommt er mit Zana zu uns. Und dann gehen wir zu Zanas Familie. Und danach geht er zur türkischen Grenze.“
Die kleine Schwester mit ihren kleinen Tränen: „Geht Zana auch heute los?“
Ferat: „Nein, aber Zana und ich müssen auch bald fliehen, bevor wir 18 Jahre werden, wegen des Wehrdienstes.“
Was genau der Wehrdienst ist, weiß die Kleine natürlich nicht, denn der Wehrdienst ist in ihrer Vorstellung nur Uniform. Aber wie lange man da bleiben muss, das weiß auch von uns eigentlich keiner. Wir wissen nicht, warum und gegen wen man kämpft, oder ob man überhaupt irgendwann wieder zurückkommt.
Vom Nachmittag bis zum Abend genießen die drei Freunde die wenigen Stunden, die sie in Syrien noch zusammen bleiben können. Und sie sagen: „Wir müssen heute alles tun, was wir vielleicht in Europa nicht mehr machen können. Alles, was wir schon immer tun wollten.“
Sie beginnen mit ihrem Lieblingseis, das sie seit Jahren bei demselben Eismann kaufen. Danach gehen sie zu einem Döner-Laden, und dann besuchen sie eine Shisha-Bar. In der Bar sagt Ferat zu den Anderen: „Ich glaube, das alles könnten wir in Europa auch machen.“
Zana: „Döner und Eis essen könnten wir. Aber als Minderjährige in die Bar zu gehen, ist nicht so günstig.“
Bahoz: „Ach, es geht alles mit Geld. Du weißt es ganz genau, denn du fährst seit zwei Jahren Auto und dein Führerschein ist nicht mehr als ein Geldschein.“
Zana: „Ja, aber in Europa ist es ganz anderes, sie haben Gesetze für alles.“
Bahoz: „Es gibt in Syrien auch Gesetze für alles, aber das Sagen haben das Geld und die Beziehungen zu der Regierung.“
Zana: „In Europa aber nicht, dort sind die meisten Länder demokratisch, und die Gesetze werden dort respektiert.“
Bahoz: „Okay.“
Nach dem Shisharauchen und ein wenig Alkoholtrinken, was in ihrer Kultur verpönt ist, gehen sie zu Ferats Familie und nach vielen Küssen und Tränen gehen sie zu dritt zur Zanas Familie. Dort wird auch viel geweint.
Und jetzt muss die Aufgabe, die wahrscheinlich Bahoz am Schwierigsten und am Schmerzhaftesten fällt, erledigt werden. Die Aufgabe ist die Freundin zu verabschieden, ohne dass irgendjemand sie sieht, denn eine Beziehung ist für ein Mädchen genauso tabu oder vielleicht sogar verpönter als Alkohol trinken für einen Jungen. Zum Glück läuft alles gut. Danach verabschiedet Bahoz sich von seinen zwei besten Freunden, aber sie sind nicht so traurig wie bei den anderen, denn sie glauben, dass sie sich in einem Eurohäuschen treffen, oder vielleicht sogar zusammen in einem wohnen werden.
Auf dem Weg nach Amude (eine kurdische Stadt in Nordsyrien in der Nähe der türkischen Grenze), während Bahozs Vater das Auto fährt, rinnen Tränen über die Wangen seiner Mutter. In der Nacht kommen sie in Amude an, da wartet der Schlepper auf sie, der Bahoz mit einer Gruppe sicher in die Türkei bringen soll. Plötzlich sieht der Schlepper eine Gruppe des türkischen Militärs und flieht. Die Zurückgebliebenen werden von den Türken festgenommen und nach grausamen Schlägen treiben die Soldaten die Gruppe wieder hinüber nach Syrien.
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