Das heißt, Allie klebt noch an mir wie ein Schatten und erklärt, dass sie mir sofort die Pferde zeigen will. Bevor ich reagieren kann, zieht sie mich mit sich, aber wahrscheinlich ist der Gedanke gar nicht verkehrt – das war schließlich der beste Grund, hierher zu kommen.
Der Stall ist düster und muffig, die Boxen vergittert bis zur Decke. In den dünnen Sonnenstrahlen, die sich durch die Bretterwand kämpfen, tanzt Heustaub, der mich zum Niesen bringt.
„Du bist doch nicht etwa allergisch?“, fragt Allie entsetzt, aber ich kann nur den Kopf schütteln, bevor es wieder in der Nase kitzelt. Typisch – das Mädchen aus Kalifornien!
Schwungvoll schiebt Allie die Boxentür auf und stellt mir ihre Stute Angel vor, die genauso klein und genauso blond ist wie sie selbst. Als ich das feststelle, muss ich grinsen. Ich streichele das Pferd am Hals und verfüttere eine Karotte, die mir Allie gibt. In dem Moment wiehert in der Nachbarbox ein stattlicher Apfelschimmel und prustet durch die Gitterstäbe. Ungeduldig scharrt er mit dem Huf, um sich auch etwas zu erbetteln.
„Glitter!“, ruft Dannys Stimme von der Stalltür her. Ich erschrecke genauso wie das Pferd. Mit ein paar Schritten ist er bei uns und Mom folgt ihm kichernd, als wäre das ein Spiel.
„Das macht er ständig, niemand kann es ihm abgewöhnen!“, rechtfertigt sich Danny und tritt mit dem Fuß gegen die Boxentür. Der Wallach zuckt zusammen und ist still. „Kommt rein!“, sagt er zu Allie. „Wir essen jetzt!“ Er schiebt die Box der Stute so schnell zu, dass ich gerade noch herausschlüpfen kann. Danny würdigt mich keines Blickes und seine Schwester zuckt nur mit den Schultern und folgt ihm und Mom ohne Widerworte.
Als sie durch die Tür gehen, bleibe ich hinter ihnen zurück. Ich habe das Gefühl, als würde mein Leben durch meine Finger fließen. Ich gebe mir Mühe, es festzuhalten, aber es ist nicht greifbar, alles wird ungewiss. Ich brauche dringend irgendetwas Vertrautes, aber jetzt fühle ich mich nicht einmal mehr bei den Pferden wohl.
* * *
Die Kochkünste, die Danny als seine anpreist, obwohl er nicht einmal den Namen des Gerichts kennt, das Allie auftut, sind allenfalls mittelmäßig. Aber ich schlinge meinen Teller hinunter als hätte ich den ganzen Tag noch nichts gehabt – und eigentlich stimmt das ja auch fast.
„Ihr müsst halb verhungert sein!“, scherzt Allie als sie mich sieht, aber meine Mom verteidigt ihre Erziehung, indem sie erklärt, wo wir unterwegs gehalten haben. Aus dem Augenwinkel sehe ich Dannys fassungslosen Blick und rechne mit einer spitzen Bemerkung von ihm. Aber anstatt darauf zu warten, grinse ich breit und lasse mir noch etwas geben.
„Und, wie gefallen dir die Pferde, Piper?“, fragt meine Mom. „Ich hab nicht zu viel versprochen, oder?“ Ich stecke schnell die Gabel in den Mund, sodass ich nur den Kopf zu schütteln brauche. Mom lächelt glücklich und erklärt: „Piper möchte nämlich unbedingt ein Pferd haben ...“
Danny isst weiter, ohne sich etwas anmerken zu lassen, doch dabei hebt er wieder so eigentümlich die Augenbrauen. „Und wie willst du das finanzieren?“, fragt er mich. Sein Blick ist wie ein Pfeil.
Ich weiche ihm aus. „Ich werde mir einen Job suchen.“ Dann muss ich wenigstens nicht so oft hier sein, füge ich in Gedanken hinzu.
Er lacht leise. „Dann hoffe ich, dass deine schulische Leistung darunter nicht leidet. Hier ist der Abschluss nicht so einfach wie in Kalifornien!“
Als ich ihn ansehe, kommt mir der Gedanke, dass in Texas scheinbar nur die ganz harten durchkommen, und ich wische mir schnell mit einer Serviette das Grinsen von den Lippen.
Meine Mutter sagt dazu nichts. Wahrscheinlich hat auch sie genug damit zu tun, sich auf die neue Situation einzustellen.
Harmonie-Allie erzählt mir von einer Mustang-Ranch im Ort, deren Zucht einen sehr guten Namen hat. „Die Familie Davis ...“, sagt sie gerade, als Danny sie mit einem Schnauben unterbricht. „Ja, sie sind Mexikaner“, erklärt Allie mit einem Augendrehen, als ob sehr viel Nachsicht dazu gehörte, das jemandem zu verzeihen.
„In Kalifornien ist eine meiner besten Freundinnen Mexikanerin“, erfinde ich und genieße mit unschuldigem Blick, wie Danny die Gabel beiseite legt.
„Aber deine beste Freundin war doch Sandra?“, fragt Mom irritiert, doch es spielt keine Rolle mehr. Danny lehnt sich zurück und mustert mich kauend, als ob er mir sagen wollte, dass er mich durchschaut hat. Ich bekomme eine Gänsehaut auf den Armen bei der Erkenntnis, dass er mir wahrscheinlich gerade den Krieg erklärt. Wie kann man nur so aggressiv sein?
Die Anderen am Tisch scheinen davon nichts zu bemerken, Mom erzählt mir stolz, dass Danny sie überredet hat, auch Reiten zu lernen. Dabei tätschelt sie seinen Arm, der von hier so hart wie Stein aussieht.
„Prima Mom!“, freue ich mich. „Dann können wir ja bald zusammen lange Ausritte in der Prärie unternehmen!“
Sie lächelt, aber Danny fährt dazwischen. „Die Pferde sind hier zum Arbeiten da. Aber in Goldvalley reitet man wahrscheinlich nur in der Halle und auf grünen Turnierplätzen.“
Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, gebe ich mir Mühe, das Lächeln auf meinen Zügen einzufrieren. Wenn er eine Maske trägt, dann kann ich das auch.
Oliver hat sich die ganze Zeit zurückgehalten. Erst jetzt schiebt er seinen Stuhl zurück und sagt zu seiner Frau: „Es hat geschmeckt Schatz, wie immer.“
Danny scheint das zu ärgern, aber ich begegne seinem Blick zuckersüß. Aus Pflichtgefühl helfe ich Allie noch beim Abräumen, während er gar nicht schnell genug mit meiner Mom verschwinden kann. Ich höre sie auf dem Flur kichern, dann schlägt die Tür zu.
Ich schüttele die Bilder aus meinem Kopf, aber sie verschwinden erst, als ich mich ganz auf die Sortierung des Geschirrs konzentriere.
„Meine Güte“, bemerkt Allie, „du bist ja vielleicht ordentlich, Piper!“
Dann fällt ihr auf, dass sie noch gar keine Gelegenheit hatte, mir mein Zimmer zu zeigen; und sie strahlt so stolz, als hätte sie sich mit den Männern darum schlagen müssen, diese Ehre zu übernehmen.
Sie nimmt tatsächlich meine Hand und führt mich die Treppe hinauf – oben muss ich auch noch meine Augen schließen!
„Trommelwirbel!“, sagt sie überschwänglich. „Du wirst begeistert sein!“ Sie drückt die Tür auf und zieht mich hinein, sodass ich beinahe über die Schwelle stürze. Aber Allie ist so voller Erwartung, dass sie es nicht mitbekommt. „Tadaaa!“, ruft sie mir ins Ohr. „Was sagst du?“
Ich nehme mir einen Moment Zeit und suche nach diplomatischen Worten. Ich stelle mir vor, was die Leute an meiner alten High School sagen würden, wenn sie das hier sehen könnten. Piper? Das ist doch das Mädchen, das in Pferdebettwäsche schläft ... Irgendwie muss ich darüber grinsen. Die Tapetenpferde an den Wänden grinsen zurück, während sie versuchen, sich einen Weg durch die vielen Poster zu bahnen, die eigens für mich aufgehängt wurden. Und über allem baumelt der Schriftzug: Willkommen in deinem neuen Zuhause!
Ich beiße mir auf die Lippen, als mir endgültig klar wird, dass ich nun nicht mehr zurück kann. Unter dem Fenster stehen die Kartons, die der Möbelwagen gebracht hat.
„Vielen Dank für die Mühe“, sage ich leise, aber ich meine es ehrlich.
Allie drückt mich an sich. „Ich freue mich so, dass es dir gefällt! Du wirst dich bestimmt schnell einleben!“
Ich tue ihr den Gefallen, zu nicken, aber als sie verschwunden ist, sinke ich deprimiert auf das Bett. Ich stütze den Kopf in meine Hände und atme tief durch. Einen Moment später springe ich auf und packe die Kartons aus. Am besten gar nicht erst ins Grübeln kommen, Piper.
Ich nehme mir zuerst das Bücherregal über meinem Bett vor und stelle fest, dass Fury und Black Beauty ausgezeichnet hierher passen. Dann entdecke ich, wie ein plüschiges Ohr aus einer Kiste ragt, und ziehe sanft daran, bis ich Lucky Luke in Händen halte, das Pony, das mir Mom zum Schulanfang geschenkt hat. Fast zärtlich streiche ich ihm die verfilzte Mähne zurück und seufze.
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