„Das sind Luise und Alina“, drang Kims Stimme durch meine Gedanken. Mühsam hob ich den Blick und sah die Neuankömmlinge an.
„Hi“, brachte ich heiser hervor. Hilfe, die beiden würden mich für minderbemittelt halten, wenn ich mich nicht zusammen riss!
Leander streckte die Hand aus und sah mich an. „Freut mich, dich kennen zu lernen, ich bin Leander“, sagte er schlicht.
Ich ergriff die mir angebotene Hand und starrte ihn wie hypnotisiert an. „Luise“, krächzte ich, ohne mich aus seinem Blick lösen zu können.
Und Zong! Plötzlich brach ich ein und befand mich mitten in Leanders Gedanken: Dich will ich kennen lernen! Endlich mal jemand Interessantes an dieser dämlichen Schule! Ich hab noch nie ein Mädchen gesehen, das so echt wirkt! Und so kluge Augen hat! Oh, Mann, hoffentlich sagt gleich jemand etwas, ich stehe hier wie ein Idiot …
Ruckartig entzog ich ihm meine Hand und sprang dabei förmlich aus seinem Kopf. Das war mir noch nie passiert! Noch nie war ich aus Versehen in einen Kopf eingebrochen! Ausgerechnet ich, die ich doch normalerweise eher Schwierigkeiten hatte, in einen Kopf hineinzukommen!
„Entschuldigung!“, rutschte es mir heraus.
Leander sah mich verwirrt an. „Warum denn Entschuldigung?“
Ja, Luise, warum entschuldigst du dich, du dummes Huhn? Denk nach, denk nach, denk nach … „Habe ich dich nicht gekratzt? Ich dachte, ich hätte dich gekratzt, gerade, als ich deine Hand losgelassen habe.“
Leander betrachtete verwundert seine Hand. „Äh – nein, hast du nicht, alles in Ordnung?“
„Gut“, sagte ich und spürte, wie ich rot wurde. Super, innerlich nahm er seinen Gedanken über meine klugen Augen bestimmt gerade schon zurück. Seltendämliche Augen, die hatte ich! „Du bist neu an unserer Schule, oder?“, sagte ich, um endlich eine normale Unterhaltung in Gang zu bringen.
„Hab ich dir doch gerade erzählt!“, mischte sich Kim ein.
Am liebsten hätte ich sie weggeschubst. Die blöde Kuh sollte sich lieber mit ihrem Patrick unterhalten!
Zum Glück sprang mir Leander zur Seite, indem er Kim einfach ignorierte. „Ja, ich bin erst seit ein paar Wochen hier.“
Dankbar lächelte ich ihn an. „Kim hat mir nur erzählt, dass du mit deiner Mutter aus Köln hergezogen bist.“ Außerdem weiß ich, dass du wütend auf deinen Vater bist, dass deine Mutter viel weint und dass du auf mich stehst, zumindest auf den ersten Blick, fügte ich im Stillen hinzu. „Und sonst – wie geht es dir hier?“, fragte ich.
„Wie soll es ihm schon gehen – gut natürlich! Schließlich hat er uns!“ Patrick lachte.
Leander zog eine komische Grimasse in meine Richtung und zuckte die Schultern. „Klar!“, murmelte er. „Wie soll es mir schon gehen? Selbstverständlich gut. Schließlich habe ich ihn!“
Ich kicherte albern und sah schon wieder zu Boden. Was sollte ich jetzt sagen?
Es läutete zur dritten Stunde. Ein bisschen empfand ich dieses Läuten als Befreiung, schließlich unterbrach es mein peinliches Schweigen.
Patrick wandte sich wieder Kim zu: „Wo müsst ihr jetzt hin?“, wollte er wissen.
„A 323“, antwortete Alina für Kim.
„Schade, wir müssen in die andere Richtung, Chemie“, sagte Leander leise und sah mich dabei an.
Patrick und Kim bestätigten noch mal ihre Verabredung und verabschiedeten sich dann.
Leander blieb unschlüssig vor mir stehen. „Ja dann … Bist du Montag in der Pause wieder hier?“
Wäre in diesem Moment eine gute Fee erschienen und hätte mir angeboten, die Quelle von Südental ein für alle Mal versiegen zu lassen, ich hätte begeistert zugegriffen.
Ich wollte diesen Jungen wieder treffen und ihn näher kennen lernen, unbedingt sogar. Ich wollte ihm zeigen, dass ich nicht die Idiotin war, die ihm in der letzten Minute gegenüber gestanden hatte, sondern dass er mit seinen Empfindungen auf den ersten Blick richtiggelegen hatte. Andererseits mochte ich ihn jetzt schon zu gerne, um ein Spielchen mit ihm abzuziehen. Brachte ich es wirklich über mich, mir seine Geschichten und Sorgen und Träume anzuhören und mit freierfundenen Geschichten und Sorgen und Träumen zu beantworten? Und was, wenn ich wieder aus Versehen in seine Gedanken einbrach, so fixiert, wie ich auf seine dunklen Augen war? Wollte ich mir und ihm das wirklich antun?
Leander berührte mich mit den Fingerspitzen am Arm und es fühlte sich an wie ein Stromschlag, der durch meinen ganzen Körper schoss. Ich spürte Gänsehaut auf meinem Rücken.
„Erde an Luise!“, sagte er und lachte warm.
Mir wurde klar, dass ich schon viel zu lange nachgedacht hatte, die anderen hatten bereits ihre Rucksäcke auf den Rücken geschwungen und wollten aufbrechen. „Ich weiß noch nicht, eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die Pausen nächste Woche zum Lernen zu nutzen …“, sagte ich, „wir schreiben jede Menge Tests.“ Ich hoffte, dass er nicht merkte, wie unglücklich mich meine Lüge machte.
Leanders Gesicht verdüsterte sich. „Schon gut“, sagte er. „Ganz, wie du möchtest. Man sieht sich.“
Ich sah ihm nach, als er mit Patrick Richtung Neubau ging und biss mir unglücklich auf die Unterlippe.
Alles für die Quelle.
Die Quelle, die ewigen Wohlstand für Südental garantierte.
Scheiß-Quelle!
Als ich an diesem Tag nach Hause kam, aß ich schnell ein paar Happen, die unsere Haushälterin für mich vorbereitet hatte, und setzte ich mich dann sofort an meine Hausaufgaben. In Deutsch musste ich eine elend lange Erörterung schreiben und in Mathe endlos viele Gleichungen lösen. Mir war es recht. Gerade heute fand ich, dass es mir gut tat, wenn ich nicht allzu viel Zeit zum Grübeln hatte. Ich wollte weder über Leander noch über all die Verbote, die die Gabe mit sich brachte, nachdenken. Außerdem mochte ich es lieber, wenn ich alle Hausaufgaben schon freitags erledigt hatte – das machte das Wochenende unbeschwerter.
Ich lernte gerade noch ein paar Französisch-Vokabeln, als ich hörte, wie meine Mutter unten das Haus betrat und ihr übliches „Bin zu Hause!“ rief.
„Ich auch!“, rief ich zurück. Überrascht stellte ich beim Blick auf meinen Wecker fest, dass es kurz vor halb sechs war. Ich hatte fast drei Stunden an den Hausaufgaben gesessen! Wie zur Bestätigung der späten Uhrzeit knurrte mein Magen.
Ich beschloss, dass ich die paar Vokabeln auch später noch lernen konnte. Klar, zur Not könnte ich die fehlenden Wörter beim Vokabeltest einfach in den Köpfen meiner Nachbarn lesen, aber dann würde ich nie Französisch sprechen können. Und ich hatte die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass ich irgendwann mal ausführlich die Welt bereisen würde.
Meine Mutter klapperte in der Küche bereits mit Geschirr. Also ging ich kurz in mein schnuckeliges, türkisfarbenes Badezimmer und wusch mir die Hände, dann löschte ich alle Lichter und ging hinunter.
„Na, Mama?“
„Na, Lu? Wie war dein Tag?“ Meine Mutter wandte sich kurz um und lächelte mich an, dann wusch sie weiter den Salat. Frau Hansmeier kochte köstliche Gerichte – heute war es ein indischer Currytopf, der zum Aufwärmen auf dem Herd stand - aber sie mochte überhaupt keinen Salat und bereitete ihn entsprechend selten für uns zu. Egal, fand meine Mutter, so hatte ich die Chance, wenigstens etwas über die Zubereitung von Essen zu lernen. Ich holte mir die Salatschleuder aus dem Schrank und füllte einige der gewaschenen, tropfnassen Blätter hinein. „Ging so“, murmelte ich und zog kräftig an der Schnur. Die Salatschleuder surrte folgsam und Wasser spritze gegen die transparenten Wände der Schüssel.
„Ging so? Warum denn das? Hast du eine Vier geschrieben?“
„Nee, ich hab mich in den falschen Jungen verknallt“, rutschte es mir spontan heraus. Kurz überlegte ich, ob ich mich wegen meiner Unbedachtheit über mich selbst ärgern sollte, aber dann dachte ich: Was soll’s? Wenn ich schon sonst mit keinem darüber reden kann, dann doch wohl wenigstens mit meiner eigenen Mutter!
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