Sebulan wurde hellhörig. Verbinden? Wovon redest du da? Wie ernst ist das zwischen ihm und ihr?
Elbrokas lachte verächtlich. Sebulan, ich sagte doch, dass der Junge zu einer Gefahr für uns alle geworden ist. Hast du vergessen, was auf Cassinas Hochzeit geschehen ist? Allein die Tatsache, dass er sie hierhergebracht hat … Sie weiß alles, Sebulan!
Ja, ich kenne die Geschichte. Und ich kann dir keine Erklärung geben für das, was Olamanassa unterlassen hat. Glaub mir, diese Geschichte ist noch nicht zu Ende. Elbrokas fuhr fort, während die Wut erneut in ihm aufflammte. Es ist etwas passiert, mein Freund. Die beiden haben hinter meinem Rücken geheiratet!
Sie haben was? , rief er und ließ sich sein Entsetzen anmerken. Sebulan durchfuhr es heiß und kalt.
Du hast richtig gehört. Ich weiß nicht, was wir tun sollen. Ich weiß überhaupt nichts mehr.
Elbrokas lehnte resigniert an der Felswand, während Sebulan außerstande war zu sprechen. Die Worte hatten ihn härter getroffen, als er offenbarte. Damit hatte der Junge alle Gesetze gebrochen, die es diesbezüglich gab. Und wieder fragte er sich, wieso der alte Mann nicht reagierte.
Nichts , flüsterte er schließlich. Wir können gar nichts tun. So leid es mir tut, aber solange der Mariane sich nicht rührt, sind uns die Hände gebunden. Wenn ich nur wüsste, wieso er das duldet. Ich verstehe das selbst nicht, glaub mir, Elbrokas. Und ich bin sicher, Olamanassa weiß längst viel mehr als wir alle zusammen … Meinst du, wir können ihr vertrauen, diesem Mädchen?
Ich weiß es nicht. Aber ich fürchte, wir haben gar keine andere Wahl. Noellan tut es jedenfalls … Ich bin so wütend auf ihn, dass ich ihn am liebsten an den Grund des Eismeeres ketten würde! Dabei ist der Junge eigentlich immer verlässlich gewesen. Er hat sehr oft in vielen Dingen richtig gelegen, wo ich noch gezögert habe. Hoffen wir, dass er sich in dieser Sache nicht von ihren weiblichen Reizen hat blenden lassen …
Sebulan ging in Gedanken unzähligen Möglichkeiten nach, wie er in die Geschichte intervenieren könnte. Doch er kam zu keinem annehmbaren Ergebnis. Plötzlich schaute Elbrokas auf. Was ist eigentlich mit dir da oben passiert? Du warst ganz allein, all die Jahre über als der Erste von uns, bis Lehandra und ich dir gefolgt sind. Du warst immer nur schweigsam in deine Arbeit vertieft. Wie hast du es geschafft, dich zu jenem Volk auf Distanz zu halten?
Die Stelle, in der Noellan zuvor gebohrt hatte, riss erneut in ihm auf.
Ich war dir dort oben nicht ganz unähnlich, alter Freund , sagte er mit leiser Stimme. Irgendwann sieht man sich als Teil jener Rasse an, um dem Zwiespalt in seiner Seele eine Richtung zu weisen. Doch ich habe meinen Zwiespalt lange Jahre unterschätzt. Der Teil meines Herzens, der dem Ozean gehörte, wurde so stark, dass ich ihm nicht länger widerstehen konnte. Er hat mich zerrissen. Ich bin hier unten nie wieder zu dem geworden, der ich vor der Zeit gewesen bin. Wenn ich dir einen Rat geben darf: Verleugne niemals vor dir selbst, was du bist, denn es wird dich umbringen. Der Tag wird kommen, an dem du zurückkehren wirst, ob du das willst, oder nicht. Bereite dich schon jetzt darauf vor, denn tust du es nicht, bist du verloren. Schau mich an, ich habe gleich zwei Leben verwirkt. Geh, und versöhne dich mit Noellan. Es gibt Dinge, die man richten sollte, solange man die Möglichkeit dazu hat.
Er wusste, dass Elbrokas die Worte nicht begriffen hatte. Wie auch? Der Phenor hatte keine Ahnung von dem, was Sebulan gebrandmarkt hatte.
Mich mit ihm versöhnen? Er war es doch, der mir in den Rücken gefallen ist. Der meine Autorität und meine Verantwortung für die Familie untergraben hat. Wo steckt Noellan? Ist er bei Olamanassa? Bring mich zu ihm! Nein. Sebulan schüttelte den Kopf. Dein Sohn ist längst wieder dort oben. Der Mariane hat diese Gewässer hinter sich gelassen – Noellan hat ihn verpasst. Geh jetzt, Elbrokas. Ich muss nachdenken. Und gib acht, dass dein Stolz dir nicht das Genick bricht.
Kriemhild
Sie hatten Amsterdam hinter sich gelassen und befanden sich auf dem Heimweg. Das Meer war ganz in der Nähe. Es lag in der Nachmittagssonne glitzernd am Horizont. Kriemhild roch die herbe Seeluft. Der Wind schmeckte salzig, Gischt und Seetang erfüllten die Luft. Durch das etwas heruntergelassene Fenster der Beifahrertür trug die Brise das Geschrei der Möwen an ihr Ohr. Ihr Herz schmerzte. Es fühlte sich an, als würde die Kette sich immer tiefer in ihre Haut bohren und sie in den Ozean hinabziehen; in jene Riffe, durch die Sam sie noch vor wenigen Tagen geführt hatte. Sie hörte das Rauschen der Wellen in ihrer Erinnerung und schmeckte die salzigen Tropfen auf den Lippen. Kriemhild sah die kristallklaren Fluten vor ihrem inneren Auge und den gewellten Meeresgrund, nach dem sie sich sehnte.
Samuel war noch immer dort unten. Jedenfalls hatte er sich noch nicht bei ihr gemeldet. Er war weit weg, irgendwo in den unergründlichen Tiefen des Atlantiks. Vermutlich wäre es einfacher gewesen, einen Kontakt zur ISS herzustellen als zu ihm.
Sara schwieg, sie hatte den Arm an die Fensterscheibe gelehnt und die andere Hand am Steuer. Plötzlich durchbrachen ihre Worte die Stille: „Hey, Kriemhild, aufwachen! Das ist ja nicht zum Aushalten mit dir!“
„Was? Wie bitte? Ich … ich war wohl kurz in Gedanken. Tut mir leid.“
„ Kurz in Gedanken ? Dass du vorhin bei McDonald’s fast vor die Glastür gerannt wärst, das nenn ich kurz in Gedanken! Aber nicht, wenn man eine geschlagene Stunde lang auf sämtliche Fragen nur mit Ja oder Nein antwortet. Vielleicht wärst du besser mit dem Zug gekommen. Mann, du bist wie ausgewechselt! Ich will meine Freundin zurück!“ „Hey, sorry, Sara. Gib mir ein oder zwei Tage. Ich bin einfach noch nicht angekommen, verstehst du? Wie wär’s, wenn du mir was erzählst? Dann komm ich auf andere Gedanken. Was hast du in den vergangenen Monaten so getrieben?“
„Liebend gern – ich bin jedenfalls die bessere Rednerin von uns beiden. Versprichst du denn auch, mir zuzuhören?“
Kriemhild lächelte. „Ich verspreche es!“
Sie passierten Groningen. Noch etwas mehr als zwei Stunden und sie wären daheim …
„Bist du müde?“, fragte Kriemhild. „Soll ich dich beim Fahren ablösen?“
„Um Gottes willen, nein ! Du hast diese Samuel-Droge geschluckt und bist auf ‘nem ziemlich miesen Trip. Ich will lebend zu Hause ankommen, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Dann solltest du besser nach vorn schauen. Und jetzt erzähl, was hast du den ganzen Sommer über gemacht?“
„Na, dreimal darfst du raten! Ich habe mich in letzter Zeit nach ‘ner Bude in Hamburg umgesehen, oder glaubst du, ich hatte so ‘nen abgefahrenen Sommer wie du?“
Kriemhild schluckte. „Eine Bude in Hamburg?“
„Ja, klar! Wir zwei machen ‘ne WG auf, du und ich, das hab ich so beschlossen. Wie wär’s wenn wir in den nächsten Tagen mal hinfahren und uns die Wohnungen zusammen anschauen? Da waren echt ein paar coole Hütten dabei! Und in einer Woche beginnen die ersten Vorlesungen … Das hast du doch auf dem Schirm, richtig?“
Sie dachte an Lynns Umschlag. An die Bewerbungsunterlagen für das Auslandsstudium in Boston.
„Richtig, das hab ich auf dem Schirm. Lass uns nach Hamburg fahren.“
Sara schaute sie an und fuhr dem LKW vor ihnen viel zu dicht auf.
„Hey, wo hast du deine Augen?“, rief Kriemhild.
„Du hast nicht vor, ‘ne WG mit mir zu gründen, stimmt’s?“
„Stimmt. Aber ich wollte es dir später sagen. Eine schlechte Nachricht pro Tag sollte ausreichen, meinst du nicht auch?“
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