Was ist mit dem Marianen? Ich will ihn sehen und muss wissen, aus welchem Grund er dir nicht gestattet, mich zu töten.
Sebulan musterte ihn ärgerlich. Ganz offensichtlich hatte der Spion selbst keine Ahnung, wieso Olamanassa Samuels Verhalten noch immer duldete.
Du kommst zu spät, Noellan. Er ist fort. Der alte Mann hat die Heimreise angetreten und ist längst im Pazifik angekommen.
Das … das kann nicht sein! , rief er erschrocken. Ich bin sicher, dass er wusste, dass ich ihn aufsuchen wollte …
Sehr richtig, er hat es gewusst. Das ist auch der Grund, wieso ich noch hier bin. Er hat mir befohlen, auf dich zu warten, um dir die Nachricht zu überbringen.
Sam hatte nicht damit gerechnet, dass der Mariane einfach ohne ein Wort verschwinden würde. Das verwirrte ihn noch mehr.
Und was nun, Sebulan? , fragte er ratlos. Was für eine Nachricht sollst du mir überbringen? Weiß Olamanassa denn nicht, dass sich hier unten alles gegen uns stellt? Dass Cassina und Malahan wohlmöglich in Gefahr sind? Außerdem wollte ich ihn um Rat fragen, was das Mädchen angeht – du weißt ja sicher, wen ich damit meine.
Deine Menschenfreundin? Der Spion lachte verächtlich. Sie ist hübsch, das muss man ihr lassen. Ich habe genug gesehen, auch wenn ich ihr Muster nur für den Bruchteil einer Sekunde erfassen konnte … Sebulan hetzte den Kugelfisch auf Sam. Das Vieh blies sich drohend vor ihm auf und fuhr die Stacheln aus. Nimm das als Warnung, Noellan! Ich rate dir nur eines: Die Sache wird nicht lange gutgehen, und solltest du dich zunehmend unvorsichtig verhalten, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass du von dort oben abgezogen wirst. Und das, was dich dann hier unten erwartet, willst du gar nicht wissen.
Was hat Olamanassa dir gesagt? , fragte er erneut. Er wusste, dass Sebulan leere Worte sprach – der Typ hatte keinerlei Befugnis, ihm zu drohen.
Du kannst froh sein, dass ich diese Befugnis nicht habe. Sebulans Stimme klang zerknirscht. Der Typ sträubte sich dagegen, mit der Nachricht herauszurücken, das war unschwer zu erkennen. Doch ihm blieb keine Wahl. Befehl war Befehl.
Von was für einer Nachricht hast du gesprochen?
Der Alte wollte, dass ich dir etwas übermittle. Also hör gut zu, Noellan, denn ich werde es nicht wiederholen. Er sagte dies: ‚Die Zeit wird alles enthüllen, denn die Geduld ist die Vorläuferin der Wahrheit.‘
Sam kratze sich am Kopf. War das alles? Nichts weiter als eine alte Bauernweisheit? Aber was hatte er von einem Marianen anderes erwartet? Dass die Wesen in Rätseln sprachen, hatte er längst gewusst.
Danke, Sebulan. Sonst noch was?
Nein, mehr habe ich dir nicht zu sagen.
Tja, also dann. Das heißt wohl, dass du dich noch etwas gedulden musst, was die Sache mit dem Umbringen angeht. Denk dir in der Zwischenzeit doch schon mal ein paar nette Methoden aus. Ich werd’ dann mal wieder, du weißt schon, immer dem Licht entgegen … Ach, soll ich dir beim nächsten Besuch was von da oben mitbringen? Irgendwas, was du vermisst? Ne Tüte Chips, Zigaretten oder so?
Für eine Sekunde zeigte der Spion eine fatale, unendliche Schwäche. Gerade lang genug, dass Sam einen tiefen Schmerz in ihm bemerkte. Im selben Moment fauchte Sebulan ihn an: Verschwinde, Noellan, bevor ich mich vergesse! Mich – und das Band der Freundschaft, das einst zwischen deinen Eltern und mir bestand …
Sebulan
Er saß auf einem Felsvorsprung im Riff und ließ die silbrigen Strahlen des Mondlichts durch die Wellen auf seine Flosse rieseln. Nachdem Noellan verschwunden war, hatte die sentimentale Schwäche noch stärker Besitz von ihm ergriffen. Sebulan warf einen kurzen Scan in die umliegenden Gewässer, um sicherzugehen, dass niemand ihn in seinem Zustand zu Gesicht bekam; denn das hätte das Ende seiner Position bedeutet. Jemand wie er durfte keine Schwäche zeigen. Vermutlich war das auch der Grund, wieso er der beste aller Spione war; er hatte gelernt, seine Gefühle abzutöten. Doch in dem Moment überfielen sie ihn wie ein Dieb in der Nacht.
Irgendwas an dem Phenorenjungen erinnerte ihn an sich selbst. An seine Zeit an der Oberfläche, seine Zeit unter den Menschen. Noellans Worte hatten Sebulan wie die Klinge eines Messers getroffen.
Soll ich dir was von da oben mitbringen? Irgendwas, was du vermisst?
Er schüttelte lachend den Kopf; verzweifelt lachend. Was nun? Sebulan hockte dort und fühlte sich vollkommen leer. Worauf wartete der Mariane denn noch? Er hatte seinen Auftrag erfüllt, er hatte Noellan die Nachricht überbracht. Hatte der alte Mann keine neuen Anweisungen für ihn? Für gewöhnlich meldete Olamanassa sich stets durch Visionen oder Träume, um ihm einen Auftrag zu erteilen, sobald eine Mission erfüllt war. Doch nicht in jener Nacht. Nein, jene Nacht schien dafür bestimmt zu sein, um zu Grübeln. Über Vergangenes und Unbegreifliches. Über Noellan und das strikte Verbot, dem Jungen etwas anzutun. Warum ließ der alte Mann das zu? Wieso kam Noellan damit durch, einen Menschen dort hinab zu bringen, das Mädchen teilhaben zu lassen an ihrer Welt?
Plötzlich schoss er in die Höhe, tat einen einzigen Schwimmstoß und war wieder er selbst. Sebulan hatte etwas bemerkt. Jemand tauchte ganz in der Nähe und er war Profi genug, um im Ernstfall stark zu sein. Er hatte das Muster des Fremden längst erfasst, bevor jener Sebulan überhaupt bemerkt hatte. Lachend schwamm er den Gedankenwellen des Wesens nach. Und es waren Gedankenwellen, die es mit einem Tsunami hätten aufnehmen können: laut, wütend und unvorsichtig drangen sie durch die Wasser. Dann sah er ihn. Sebulan tauchte eine Weile unbemerkt hinter ihm her, bis er es nicht länger aushielt, seine eigenen Gedanken zu zügeln.
Elbrokas! , rief er. Du bist nicht der erste Mensch, den ich in dieser Nacht aufgabele. Und bei dir bin ich mir ziemlich sicher, dass du diese Bezeichnung nicht als Beleidigung, sondern als Kompliment auffasst. Trotzdem solltest du deine vergessene Heimat mit mehr Vorsicht genießen. Du bist so laut, dass du ungebetene Gäste anlockst.
Der Phenor hielt inne und Sebulan gab sich zu erkennen. Na, alter Freund. Willst du mit deiner Wut den Ozean aufheizen?
Sebulan! Kurze Freude in Elbrokas’ Stimme wich seinem Zorn. Wo ist er? Wo ist mein Sohn?
Du bist auf der Suche nach Noellan? Ihr solltet eure Probleme besser da oben ausdiskutieren. Stattdessen werft ihr den Rebellen neues Futter vor die Flosse. Vergiss nicht, sie haben ihre Augen überall.
Elbrokas zog ihn an sich und seine Blicke durchbohrten ihn. Wo steckt dieser Junge?
Vorsicht, oder muss ich dich daran erinnern, mit wem du es hier zu tun hast?
Hör zu, Mann, das ist kein Spiel! Noellan ist für uns alle dort oben und hier unten zu einer großen Bedrohung geworden. Olamanassa und du solltet in Erwägung ziehen, ihn unverzüglich zurückzuholen.
Scht! Das ist genau das, was hier alle hören wollen! Folge mir. Wir reden an einem Ort, an dem wir weniger Aufsehen erregen.
Er tauchte in einen schmalen Graben hinab. Der Phenor folgte ihm durch unzählige Labyrinthe, deren Gestein lästigen Mithörern das Gedankenlesen nahezu unmöglich machte.
Hier sind wir sicher , sagte er und zog Elbrokas in eine kleine Höhle. Was ist geschehen, mein Freund?
Ich weiß es nicht. Der Phenor lehnte sich an die Felswand und klang verzweifelt. Seit Monaten habe ich das Gefühl, keinen Zugang mehr zu diesem Jungen zu finden. Er geht mir aus dem Weg, sträubt sich gegen alles, was ich ihm vorschlage und jetzt … jetzt ist da dieses Menschenmädchen. Elbrokas seufzte. Ein Menschenmädchen! Kannst du dir das vorstellen? Der Junge hat sich tatsächlich von allem abgewandt, was ich ihm in all den Jahren beigebracht habe. Er benimmt sich wie einer von denen! Hat er unser Volk denn völlig vergessen? Sicher, wir fühlen uns wohl dort oben; wohler als zu jener Zeit hier unten – ich zumindest. Aber ganz gleich, wie viele Jahre wir auch dort leben mögen, nichts gibt ihm das Recht dazu, sich mit einer von ihnen zu verbinden! Er sollte seiner Schwester nachkommen und sich eine Frau aus unserem Volk erwählen!
Читать дальше