„Im Nachhinein hörte ich, dass einer sich beim Kartenspiel als Betrüger verraten hatte. Deswegen die Prügelei“, sagte Rian.
„Seltsam. Derlei Zufälle scheinen sich immer dann zu ereignen, wenn du anwesend bist“, entgegnete Alec.
„Willst du damit andeuten, ich sei schuld, wenn einer falschspielt?“
„Ich befürchte nur, du fühlst dich inmitten von Schurken und Schlägereien ein wenig zu wohl.“
„Männer schlagen sich nun einmal, wann immer es notwendig ist. Wie ich höre, trägst du Konflikte lieber mit salbungsvollen Worten aus, anstatt sie zu regeln wie ein richtiger Kämpfer.“
„Dächten alle wie du, zählte nur noch, wer derber zuhauen kann und nicht mehr, wer wirklich im Recht ist“, knirschte Alec.
„Sobald die Sonne untergegangen ist, gelten in den Wirtshäusern eigene Gesetze“, gab Rian zurück. „Wenn dich das so sehr stört, geh doch hin und bekehre uns mit deinen blumigen Reden. Darin bist du offensichtlich geübter als mit der Faust.“
„Da habe ich einen besseren Vorschlag.“ Unter dem Tisch legte Azur Alec eine Hand auf den Schenkel, um ihm zu signalisieren, dass es genug war. Aber er konnte Rians großspuriges Getue nicht länger ertragen. „Das beste wird sein, ich mach es wie du. Bezahle ein paar Raufbolde dafür, eine Schlägerei anzuzetteln, warte, bis alle über die Tische gestreckt liegen, und gebe irgendeinem Betrunkenen anschließend eine Ohrfeige, damit ich sagen kann, ich sei der letzte gewesen, der nach der Schlägerei noch geradestand. Wirklich überaus männlich.“
Plötzlich verstummte die Runde, selbst das Besteck hielt den Atem an. Rians ausdrucksstarke Augen schleuderten Blitze. „Was nimmst du dir heraus.“
Er erinnerte Azur an einen Hund, der tief und unmissverständlich knurrte, den Blick schon auf die Kehle seines Gegners geheftet. Neals Anwesenheit war die Kette, die ihn zurückhielt. Nur eine unbedachte Bewegung, ein winziger Schritt noch in seine Richtung, und seine gefletschten Zähne würden Alec zerfetzen.
„Ich bin nicht dein Untertan, Prinz.“ Er spuckte ihm den Titel förmlich vor die Füße. „Die Zeit, in der ich geschworen habe, dein Leben zu schützen, ist seit Langem Geschichte.“
„Wie ich hörte, hat Sir Derrick vorgeschlagen, die Stallungen auszubauen?“, wandte Eva sich an den König, sodass niemand es überhören konnte.
„Ja, seiner Idee liegen weitsichtige Pläne zugrunde“, sagte Neal. „Er meint, anstatt die Pferde teuer bei den Landbesitzern zu kaufen, sollten wir erwägen, sie selbst zu züchten. Ich spiele mit dem Gedanken, sein Vorhaben zu bewilligen. Ronan, was die Pferde betrifft, hast du einen besseren Einblick als ich. Meinst du, der Bau eines königlichen Gestüts würde sich lohnen?“
Der Stallknecht schrak zusammen, als sein Name fiel. Aus seinem Gesicht, das Azur nur rotwangig und freundlich kannte, war alle Farbe gewichen. „Darüber, äh, muss ich nachdenken.“
„Tu das bitte, ich werde keinen Schritt unternehmen, ohne vorher deine Meinung einzuholen“, sagte Neal, der nicht zu bemerken schien, wie ungesund Ronan aussah.
Sogar der Bulle neben ihm blickte – und das war eine Leistung – noch abweisender und härter als sonst. Obwohl die Gespräche langsam wiedereinsetzten und jeder vorgab, die letzten Minuten seien nie geschehen, blieb eine unsichtbare Gewitterwolke über der Tafel hängen.
Azur begegnete Evas Blick. Damals, als Neal nichts als ein vorlauter Kaufmannssohn gewesen war, hatte sie als Magd auf Schloss Cian geschuftet. Doch bald nach seiner Krönung hatte er ihr ein Gut mit etwas Land geschenkt und ihr einen niedrigen Titel verliehen, der es ihr erlaubte, sich offiziell bei Hof aufzuhalten. Nun saß sie als des Königs Geliebte mit den Gefährten bei Tisch, Seite an Seite, und hoffte vergeblich darauf, dass er sie zu seiner Königin machte. Vier Kinder waren aus ihrer Liebe schon entstanden, alle hatte er anerkannt. Dennoch sträubten seine Berater sich einstimmig gegen eine Hochzeit und er beherzigte ihren Rat.
Ebenso wenig konnte er sich dazu durchringen, eine Adelsdame aus reicher Familie zu ehelichen, obwohl sämtliche einflussreiche Familien des Landes es sich nicht nehmen ließen, ihm Portraits ihrer Töchter und wertvolle Geschenke zu senden.
Wie schon unzählige Male zuvor dankte Azur allen himmlischen Mächten dafür, dass Alec von der Königsbürde verschont geblieben war. Sonst säße sie jetzt vielleicht an Evas Stelle, liebend und geliebt, aber in ewiger Unsicherheit auf dem Platz der Konkubine. Weil Neal nur wenige Jahre älter war als er, rechnete niemand damit, dass Alec je seine Nachfolge antreten musste. Somit war es den Beratern gleich, ob er sich mit einem Bauernmädchen vermählte.
Azurs gesellschaftlicher Aufstieg kam auch ihrer Familie zugute. Nach Colins Tod hatte ihr Vater eine beachtliche Entschädigung erhalten. Ihr jüngerer Bruder Lloyd belieferte Cian mit Weinen, Säften und allerlei Köstlichkeiten von seinen Obstwiesen. Er durfte sich Königlicher Kelterer nennen – ein Traum, den er schon von Kindesbeinen an gehegt hatte.
Wie es um Azurs Träume stand, war weit schwieriger zu beantworten. Zwar besaß sie mehr, als sie sich jemals hätte wünschen können. Doch eines fehlte ihr schmerzlich. Etwas, das mit keinen Reichtümern der Erde zu erkaufen war: Ein Kind von Alec.
Vielleicht würde Eva niemals Königin werden, aber wenigstens hatte sie es vermocht, ihm vier gesunde Kinder zu schenken, die einmal seine Nachfolge antreten würden. In dieser Hinsicht war sie so viel reicher als Azur, die in all den Jahren kein einziges Mal schwanger geworden war. Jeden Abend betete sie zu Sol dem Sonnengott, er möge sich ihrer erbarmen. Ein Kind war das einzige, worum sie zu bitten wagte.
Aber in diesem Augenblick nahm etwas anderes ihre Gedanken ein. Die Vorahnung eines nahenden Unglücks erfasste sie, hungrige Wolkenfäuste ballten sich über ihr. Alefes war tot, die Sonne ging Tag für Tag von Neuem auf und dennoch griff von Neuem ein Schatten nach Seynako, den diesmal niemand kommen sah außer ihr.
Sie fing Rians hasserfüllten Blick auf, Kerzenlicht spiegelte sich in seiner goldenen Halbmaske und blendete sie.
Die Gefährten sprangen auf, als Azur ohnmächtig von ihrem Stuhl herab unter die Tafel rutschte.
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