1 ...6 7 8 10 11 12 ...21 Traigar trottete enttäuscht davon. Er hatte natürlich zu dem grimmigen Waldläufer gehalten, wie alle Leute vom einfachen Volk. Adlige waren bei ihm nicht sonderlich beliebt.
Im Schatten eines Lagerhauses ließ er sich nieder und aß seinen Apfel, als der Waldläufer ein paar Schritte entfernt an ihm vorbei schlenderte, ohne den Jungen zu bemerken. Der Mann biss gerade auf eine Goldmünze, dann warf er sie grinsend in die Luft und steckte sie ein.
Erst als er verschwunden war, erkannte Traigar, das Bogenschießen war ein abgekartetes Spiel gewesen. Der Waldläufer hatte den anderen gewinnen lassen! Ruhm und Ehre gegen ein Goldstück, das er zwar auch durch einen Sieg hätte einstreichen können, aber ein zusätzlicher Beutel mit Silber versüßte ihm den zweiten Platz. Jetzt musste auch Traigar grinsen.
Den ganzen Vormittag über zog er herum, besichtigte die Stadt, schaute bei Wettkämpfen zu und unterhielt sich mit Schaulustigen. Am Mittag kehrte er in die ‚Gespaltene Tanne’ zurück, wo schon wieder emsiges Treiben herrschte. Er bestellte ein gebratenes Hühnchen mit Süßwurzelgemüse und Brot, trank ein Bier dazu und nötigte Myra gegen ihren Widerstand eine Bezahlung auf. Dann zog er seine inzwischen trockene Kleidung wieder an.
Als er wieder in die Gaststube trat, stellte ihm Myra ihre Kinder Gila und Garet vor. Das Mädchen betrachtete ihn mit großen Augen, als sie ihn in seiner bunten Gauklerkluft erblickte. Fitz hatte ihr von den Kunststücken erzählt, die Traigar beherrschte, und so führte er zur großen Freude der beiden einige Zaubertricks vor und jonglierte zum Abschluss mit drei Glaskugeln. Der kleine Garet hielt sich dabei an den Fransen seiner Hose fest, lachte brabbelnd und haschte immer wieder vergeblich nach den Kugeln, die über ihm in der Luft kreisten.
Den Nachmittag verbrachte Traigar bei den Bolders und half beim Bierausschank. Der Wirt bot ihm an, auf unbestimmte Zeit zu bleiben und gegen freie Kost und Logis jeden Abend einige Vorstellungen zu geben. Traigar versprach, es sich zu überlegen.
Inzwischen war der Abend angebrochen, und er verabschiedete sich von Bolder, seiner Frau und den Kindern. Er wollte aber nach dem Wettbewerb zum Gasthaus zurückkehren, um dort zu feiern, falls er einen der ersten drei Plätze belegte.
Als er sich auf den Weg zum Marktplatz machte, wo er bald gegen die anderen Jongleure antreten sollte, dachte er über Bolders Angebot nach. Schon all zu lange nicht mehr hatte er das Gefühl erlebt, irgendwohin zu gehören. Ein Jahr zuvor hatte er den Wanderzirkus – sein zweites Zuhause nach Stonewall – verlassen. Die Artisten, Narren und Gaukler waren seine Freunde, ja seine Familie gewesen. Es fiel ihm sehr schwer fortzugehen. Aber er hatte keine Wahl. Nirgendwo konnte er lange bleiben, nie seine Gabe auf Dauer verbergen. Er betrachtete sie als Fluch, der ihn bei den Menschen verhasst machte. Selbst sein Vater hatte ihn ihretwegen verstoßen. Und deshalb konnte er auch hier nicht lange bleiben. Traigar seufzte. Vielleicht könnte er ein paar Tage, ein paar Wochen lang so etwas wie eine Familie haben. Bolder und Myra könnten ihm die Eltern ersetzen, und Fitz würde der Bruder sein, den er nie gehabt hatte. Aber je länger er blieb, desto schwerer würde ihm die Trennung fallen. Nein, entschied er, morgen würde er sich wieder auf den Weg machen, mit oder ohne Siegespreis.
Endlich erreichte er den Marktplatz, wo eine hölzerne Bühne stand. Der Wettkampf der Kraftathleten hatte schon begonnen. Muskelberge von Männern stemmten schweißüberströmt Gewichte oder übten sich im Armdrücken. Er trat vor einen der Offiziellen, nannte seinen Namen, und der Mann hakte ihn auf einer Liste ab. Allmählich überkam ihn Lampenfieber. Er wartete voller Ungeduld.
Es war dunkel geworden. Der Marktplatz erstrahlte gleichwohl im Licht zahlreicher, auf Masten errichteter Öllaternen. Auf dem Podest der Artisten hatte man zusätzliche Pechfackeln entzündet, und vier große, mit Kupferspiegeln ausgerüstete Lampen leuchteten die Bühne aus. Sechs Jongleure boten nacheinander ihre Kunst dar. Traigar musste zugeben, sie zeigten sehr gute Leistungen. Gerade schwoll der Beifall für Aganar zu einem Orkan an. Der Mann verbeugte sich lächelnd und nahm einen kräftigen Schluck aus einem seiner Weinkrüge, die er vorher durch die Luft geschleudert hatte, ohne einen Tropfen zu verschütten. Und nun war Traigar als Letzter an der Reihe. Ein Kampfrichter verlas seinen Namen und winkte ihn auf die Bühne. Jetzt stand er allein da oben und blinzelte geblendet in die dunkle Zuschauermenge. Er suchte nach vertrauten Gesichtern, hoffte Cora, Boc und Fitz zu entdecken, aber die Menschen hinter den ersten Reihen erschienen ihm wie gesichtslose Schemen. Tief atmete er durch und konzentrierte sich. Dann nahm er drei apfelgroße, polierte Glaskugeln, in denen glänzende Metallsplitter eingeschmolzen waren, aus seinem Beutel. Sie blitzten und funkelten im Licht der Lampen. Er hörte das Murren der Menge, die wohl annahm, er wolle damit bloß jonglieren. Aber er setzte eine Kugel auf die Spitze seines linken Zeigefingers und versetzte sie mit der Rechten in eine schnelle Umdrehung. Dann legte er eine zweite oben drauf und gab ihr einen Drall in die andere Richtung. Mit der dritten machte er es ebenso. Die Kugeln bildeten eine wirbelnde, lichtfunkelnde Säule auf seinem Finger. Er hörte die Zuschauer raunen. Seine rechte Hand berührte die oberste der rotierenden Kugeln; sie glitt von den anderen herunter, über seinen rechten Unterarm, am Ellenbogen hinauf bis zur Schulter. Dort verharrte sie, immer noch in schneller Rotation. Der obere der beiden übrigen Bälle sprang wie von selbst auf den linken Unterarm und rollte gleichfalls – scheinbar gegen die Gesetze der Schwerkraft – bis zur linken Schulter hinauf. Mit einem kurzen Schnicken seines Handgelenks warf er die dritte Kugel in die Luft und fing sie, den Kopf in den Nacken gelegt, mit der Stirn auf. Alle drei kreiselten immer noch unvermindert, wie von einer inneren Kraft in Drehung versetzt. Traigar nahm weitere Glaskugeln aus seinem Beutel, gab ihnen ebenfalls einen Drall und ließ sie von den Fingerspitzen über die Arme bis zu ihrer neuen Position gleiten. Am Schluss waren es neun: eine auf der Stirn, zwei auf den Schultern, vier auf den zu beiden Seiten ausgebreiteten Armen und zwei auf den Fingerspitzen. Alle drehten sich rasend schnell und blitzten im Licht der Fackeln auf. Eine Frau kicherte, doch sonst vernahm er keinen Laut mehr. Das Gemurmel und Raunen war verstummt. Er hatte sie in seinen Bann geschlagen. Aber das war erst der Anfang.
Er beugte sich vor, und die Kugel auf seiner Stirn passte sich seiner Bewegung an, rollte über seinen Kopf, seinen Nacken bis auf den Rücken. Aus dieser Position, mit waagerechtem Oberkörper, richtete er sich nun langsam wieder auf. Die immer noch heftig rotierende Kugel rollte sanft an ihm herunter, auf einem Weg, der sich spiralförmig um seinen Leib wand, um seinen rechten Ober- und Unterschenkel, bis sie schließlich auf der Fußspitze verharrte. Nun begann der gläserne Ball auf seiner rechten Schulter wie von selbst eine ähnliche Reise – hinab zum anderen Fuß; und während er noch unterwegs war, verließ auch die Kugel auf der linken Schulter ihre Position und machte sich auf den Abstieg. Bald bewegten sich alle Kugeln nach unten. Sie schraubten sich langsam um seinen Körper, als wären sie die sichtbaren Teile einer sonst unsichtbaren Schlange, die an ihm herab kroch.
Traigar hob das rechte Bein und beugte es. Mit einer schnellen Bewegung schleuderte er den Glasball von seiner Fußspitze nach oben und fing ihn mit der Stirn auf. Die Kugel auf seinem linken Fuß folgte auf die gleiche Weise. Sie landete dort, wo ihre Reise den Anfang genommen hatte: auf der rechten Schulter. Nun ging alles sehr schnell, und die Zuschauer konnten kaum mit den Augen folgen: Unablässig trafen wandernde Kugeln auf seinen Fußspitzen ein und flogen wieder empor zu ihrem Ausgangspunkt, wo sie ihre Wanderung erneut begannen. Traigar war eingehüllt von glitzernden Bällen, die wie eigenständige Wesen über seinen Körper krochen und dann aufflogen, um sich wieder auf ihm niederzulassen wie schillernde Taufliegen, die sich nicht verscheuchen ließen. Die Vorstellung lief wie von selbst. Eine Art Trance überkam ihn, und seine Gedanken schweiften zurück in seine Kindheit. Er erinnerte sich daran, wie er die Gabe zum ersten Mal bewusst angewendet hatte:
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