1 ...7 8 9 11 12 13 ...21 Er ist drei Jahre alt, als ihn der Wunsch befällt, mit dem prächtigen Dolch seines Vaters, der an der Wand hoch über ihm hängt, zu spielen. Die Waffe ist mit Nägeln befestigt und außerhalb seiner Reichweite. Da stellt er sich vor, wie die Nägel Stück für Stück aus dem Holzbalken herausrutschen, einer nach dem anderen. Und so geschieht es. Er muss sich anstrengen, aber es gelingt ihm. Mit beiden Händen gegen die Wand gestützt, blickt er hinauf und konzentriert sich auf die Waffe. Einer der Nägel ist widerspenstig. Doch mit einem Ruck fliegt er heraus, quer durchs ganze Zimmer, und der Dolch fällt herab, streift fast sein Gesicht und bleibt knapp neben seinem Fuß im Boden stecken. Erschrocken schreit er auf. Als sein Vater, der draußen beim Holzhacken gewesen ist, in den Raum stürzt, lehnt Traigar weinend an der Wand. Der Vater tröstet ihn, und nachdem sein Sohn sich wieder beruhigt hat, betrachtet der Mann stirnrunzelnd die Löcher im Balken, sucht die Nägel und findet sie verstreut herumliegen. Noch nie zuvor hat der Junge seinen Vater so ratlos gesehen.
Ein halbes Jahr später: Traigar hat die Gabe wie selbstverständlich angenommen. Noch weiß er nicht, dass sie böse ist und ihn brandmarken wird. Eine Ahnung davon bekommt er erst, als er mit Kieselsteinen spielt und probiert, wie viele er gleichzeitig in der Luft schweben lassen kann. Er sitzt draußen vor der Schule, während sein Vater, der als Lehrer arbeitet, die älteren Kinder des Dorfes unterrichtet. Unerwartet öffnet sich die Tür des Schulhauses, und sein Vater tritt heraus. Traigar hört erst seinen erstickten Aufschrei, bevor er ihn sieht. Er fährt zusammen, und alle Steine purzeln zu Boden. Noch viel mehr erschrickt er aber, als er Vaters Gesicht erblickt. Kreidebleich ist es und voller Angst und Zorn.
Traigar achtet das Verbot, doch er versteht es nicht. Warum soll es schlecht sein, mit Kieseln zu spielen? Also lässt er keine mehr schweben. Er hat ein neues Spiel entdeckt: Er formt Kugeln aus Wasser und lässt sie über den Tisch rollen, ohne ihn nass zu machen. Natürlich demonstriert er es auch seinen Freunden.
An diesem Tag kommt eine Abordnung wütender Eltern zu seinem Vater, und der verabreicht ihm am Abend die schlimmste Tracht Prügel seines Lebens.
Später, als sein Sohn älter ist, versucht es der Vater Traigar zu erklären und erzählt ihm, der Name der Begabung laute Magie, und sie sei keine Gabe, sondern ein Fluch. Der Junge versucht dann wirklich, damit aufzuhören, und es gelingt ihm auch für einige Jahre. Aber der Drang, Magie anzuwenden, ist übermächtig, und er tut es wieder in aller Heimlichkeit. Oft schleicht er sich allein in die Wälder oder eine dunkle Berghöhle und gibt dem Bedürfnis nach. Er wird besser und besser.
Als er vierzehn Jahre alt ist, geschieht das Unvermeidliche. Im Dorf hat man ihm nie vergessen, dass er die Magie beherrscht, wenn er es auch schon seit Jahren nicht mehr offen gezeigt hat. Eines Tages, als er aus dem Wald zurückkommt, lauern ihm drei halbwüchsige Jungen auf – älter und stärker als er. Sie verlangen eine Kostprobe seiner Kunst. Als er sich weigert, verprügeln sie ihn. Er hofft, sie würden ihn danach gehen lassen, aber sie fesseln und knebeln ihn, dann lassen sie die Hosen herunter und urinieren auf ihn. In diesem Augenblick packt ihn brennende Wut. Er schleudert sie durch die Luft; einer bricht sich ein Bein, als er gegen einen Baumstamm prallt. Danach löst Traigar seine Fesseln und geht nach Hause.
Am nächsten Tag setzen die Dorfbewohner seinem Vater ein Ultimatum. Binnen einer Woche habe sein Sohn, der Hexer, zu verschwinden. Der Lehrer verlässt danach das Dorf, ohne Traigar zu erklären, warum. Nach drei Tagen taucht er wieder auf, packt ein Bündel für Traigar und nimmt ihn mit. Sie steigen hinab ins Tal. Traigar ist hundeelend zumute. Er weiß, er wird fortgeschickt. Doch seinem Vater geht es noch schlechter. Er weint die ganze Zeit. Dann ringt er seinem Sohn das Versprechen ab, seine Gabe nie wieder gegen Menschen einzusetzen und sie zu verbergen, so gut es geht. Ein bisschen lächelt er, als er ihm verspricht, ihn zu einem Ort zu bringen, wo er nicht ganz auf Magie verzichten müsste. Im Tal gebe es eine kleine Stadt, und dort habe ein Wanderzirkus sein Zelt aufgeschlagen.
Tatsächlich bietet der Zirkus dem Jungen die Möglichkeit, seine Gabe frei und doch im Verborgenen zu gebrauchen. Sein Vater hat ihn dort in die Lehre gegeben, und Traigar hat gute Lehrer: einen Jongleur, einen Taschenspieler und einen Zauberer. Natürlich wenden Zirkuszauberer keine echte Magie an; es sind Illusionisten. Aber Traigar erlernt bei vorsichtigem Gebrauch seiner Magie die Tricks schneller und kann sie bald besser ausführen als seine Lehrer.
Mit dem Zirkus kommt er viel herum, und so erfährt er ein wenig über die Magie. Es hat Magier gegeben, so erzählt man ihm, viele Jahrhunderte früher. Doch sie waren böse und haben ihre Macht für abscheuliche Ziele missbraucht. Zu unserem Glück, so sagen die Leute, sind sie ausgestorben. Andere meinen, es gebe auch heute noch Magier, aber man dürfe sich nicht auf sie einlassen, und am besten sollte man sie totschlagen, wenn man sie entdeckte. Es wird ihm klar: Die Menschen haben eine furchtbare Angst vor der Magie, und der Ratschlag seines Vaters, die Gabe zu verbergen, ist ein guter. Traigar fragt sich, warum er mit ihr geboren wurde. Was hat er getan, um so bestraft zu werden?
Diese Gedanken gingen ihm während seiner Vorstellung durch den Kopf, und schlagartig begreift er, dass er heute vielleicht viel zu weit ging. Noch nie hatte er die Magie so offensichtlich eingesetzt. Würde man ihn auf einem Scheiterhaufen verbrennen? Warum verhielt sich die Menge so still? Zum Schein ließ er eine der schwebenden Kugeln fallen und lächelte verlegen, so als ob ihm eine Ungeschicklichkeit passiert sei.
Als er mit seiner Vorstellung fortfuhr, musterte er die Zuschauer in den ersten Reihen und versuchte, an ihren Mienen abzulesen, ob sie seine Gabe erkannt hatten. Doch er konnte nur Bewunderung und großäugiges Staunen darin entdecken. Sie schienen nach wie vor zu glauben, es handele sich bei seinen Tricks um manuelle Geschicklichkeit und Täuschung des Auges. Aber dann fiel sein Blick auf ein Mädchen in der zweiten Reihe. Sie mochte vielleicht in seinem Alter sein und war recht hübsch. Ihr wissendes Lächeln verunsicherte ihn.
Die nächste Stunde verflog wie im Traum. Nach der Vorstellung fand er sich in der Menge wieder. Jeder wollte mit ihm sprechen. Er hörte Komplimente, und man klopfte ihm auf die Schulter. Ein heftiger Schlag traf ihn, der nur von Boc stammen konnte. Cora schloss ihn in die Arme, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und beglückwünschte ihn. Nach kurzer Beratung erklärte ihn das Komitee der Offiziellen zum Sieger des Jongleurwettstreits, und er erhielt eine Urkunde und ein Goldstück, das er in seinen Geldbeutel steckte, den er jetzt an einem Riemen um den Hals trug, verborgen unter seinem Hemd. Er unterhielt sich, immer noch benommen und trunken vor Glück, mit dem Schmied und der Heilerin, als der Wettstreit der Feuertänzer begann, doch er sah gar nicht hin. Plötzlich verspürte er eine seltsame Empfindung, so als ob ihm jemanden sachte auf den Nacken blies. Er wollte sich umdrehen, aber Cora, die ihn auf etwas aufmerksam machte, das sich gerade auf der Bühne abspielte, lenkte ihn ab. Wieder war die Menge ganz still geworden. Dort oben stand das Mädchen mit dem wissenden Lächeln und ließ Flammen tanzen. Ihm blieb fast das Herz stehen. Er erkannte sofort, was die anderen nicht sahen. Sie beherrschte die Magie!
Die junge Frau bot schier Unglaubliches: Aus ihrer Handfläche schraubten sich spiralförmige Flammen empor. Farbige Funken entstanden aus dem Nichts, Feuerbälle explodierten. Zum Abschluss ihrer Vorstellung hüllte sie sich in einen Vorhang roter, gelber, blauer und grüner Flammen und schien zu verbrennen. Als die Flammen erloschen waren, war sie verschwunden! Doch dann erblickte er sie ein paar Schritte weiter am Rand der Bühne. Die Menge feierte sie frenetisch, noch mehr als sie vorher ihm applaudiert hatte. Er versuchte, sich nach vorne zu drängen, um mit ihr zu sprechen, doch er kam kaum durch das dichte Zuschauerspalier. Als er endlich die Bühne erreichte, konnte er sie nicht mehr entdecken. Er fragte einen Schiedsrichter nach ihr. Sie habe ihr Goldstück genommen und sei sofort danach gegangen, erwiderte der kopfschüttelnd.
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