Mein Mann wurde vermisst. Eines Tages traf ein Kurier mit einem Pergament ein und verkündete auf dem Dorfplatz die Namen der Gefallenen. Der deines Großvaters stand auch auf der Liste.
Ein Jahr später tauchte ein Mann auf, ein Fremder, ja schlimmer: ein Ausländer aus Orinokavo, jenem Land, das uns überfallen hatte. Der König hatte gesiegt und dem Feind einen Friedensvertrag aufgezwungen, der ihn zwang, Wiedergutmachung zu leisten. Orinokavo zahlte einen hohen Preis für seine Eroberungsgelüste, aber Geld und Güter gingen allein an den König und die Fürsten. Wir, die diesen Krieg mit Blut bezahlt haben, bekamen nichts. Dann kam wie gesagt dieser Mann nach Stonewall. Er nannte sich Daedor. Er wolle Wiedergutmachung leisten , gab er an und bat darum, für uns arbeiten zu dürfen, bot sich als Lehrer an. Daedor, dein Vater, war hochgebildet. Später erfuhr ich, dass er studiert hat und ihm eine glänzende Karriere bevorstand, als der Krieg ihn aus seinem Leben riss und ihn fast zerstörte.
Die Dorfbewohner behandelten Daedor mit großem Misstrauen, als er sich in Stonewall niederließ. Bis heute trägt er den Beinamen ‚Der Fremde’. Er ist nie wirklich einer von uns geworden. Aber wir lernten ihn bald als guten Lehrer schätzen. Vorher hatte das Dorf keine Schule besessen, deshalb konnten nur wenige Kinder und noch weniger Erwachsene lesen und schreiben. Daedor baute das Schulhaus mit eigenen Händen auf, unterrichtete alle Kinder und auch viele der älteren Dörfler. Am Anfang nahm er keinen Lohn dafür, erhielt nur Kleidung und Essen.
Irgendwann lernte er meine Tochter kennen, schien sich in sie zu verlieben und warb um sie. Das Schicksal hat sie zusammengeführt, dachte ich. In Wahrheit war er nur wegen ihr nach Stonewall gekommen.
Etwa ein Jahr später heirateten sie. Ein Wendepunkt in seinem Leben, denn zum ersten Mal war er ein Teil unserer Gemeinschaft. Man misstraute ihm nicht mehr, doch wirkliche Freunde hat er nie bei uns gefunden. Deine Mutter wurde schwanger, und als sie dich gebar, starb sie im Kindbett. Ein harter Schlag für mich, aber für ihn war es noch viel schlimmer. Seine Trauer überwältigte ihn so sehr, dass ich meine eigene wegen des Mitleids für ihn weniger stark empfand. Irgendwann nach der Beerdigung, als alle Trauergäste gegangen waren, erzählte er mir alles. Du warst damals dabei, aber natürlich zu klein, um es zu verstehen:
Dein Vater war derjenige, der meinen Mann im Krieg getötet hat! Doch bevor dein Großvater starb, rang er Daedor das Versprechen ab, für seine Tochter zu sorgen. So kehrte dieser nach dem Krieg nicht in sein früheres, ihm jetzt sinnlos erscheinendes Leben zurück, sondern machte sich auf die Suche nach dem kleinen Ort Stonewall in Koridrea, um dort eine junge Frau zu finden und ihre Mutter unglücklich zu machen. Sehr traurig und voll bitterem Zorn war ich nämlich, als ich dem gegenüberstand, der zugab, meinen Mann getötet zu haben, aber unser gemeinsames Leid und die Pflicht, die er auf sich genommen hatte, um die Tat wieder gutzumachen, ließen mich ihm verzeihen.
Dein Vater ist ein guter Mensch, Traigar. Damals herrschte Krieg, und Krieg macht alle Menschen zu Bestien. Wenn er deinen Großvater nicht getötet hätte, wärest du nie geboren worden. Und da ich dich liebe, kann ich ihn nicht hassen.
Doch die Erzählung seiner Großmutter, die ihm die Mutter ersetzte, konnte weitere Alpträume vom Krieg nicht verhindern. Schlimmer noch: Mit den Jahren wurden sie zahlreicher und detaillierter. Dabei träumte er nicht nur von der Schlacht seines Vaters, er nahm an zahlreichen Gemetzeln teil, im letzten Krieg und in vielen davor, erlebte unvorstellbare Grausamkeiten, sah Tausende von verstümmelten Toten, schreiende Verwundete, geschändete Frauen, zerstückelte Kinder, brennende Städte, auf Flüssen treibende, aufgedunsene Leichen, unbeschreibliches Leid, Leid, Leid…
Er war in diesen Träumen selbst vielfach verwundet worden und gestorben, hatte seinen eigenen Schmerz und den anderer gefühlt. Er büßte damit für alle Verbrechen, die Menschen im Zeichen des Krieges begangen hatten, doch er wusste nicht, warum. Seine Großmutter glaubte, Gott sei barmherzig, doch so oft er ihn in seinen Gebeten auch um Gnade bat, er verschonte ihn niemals.
Gott – Wathan.
Nein, Traigar war nicht fromm, aber er glaubte an ihn. Der Kardenus aus der nächst gelegenen Stadt Soth, ein gesalbter Priester Wathans, besuchte ihr Dorf nur selten. Er schickte meist seinen Stellvertreter, den Sudenus, einen Laienprediger, der in dem kleinen Gotteshaus während der gemeinsamen Andachten die heiligen Rituale vollführte. Traigars Vater hatte seinen Sohn nicht im Glauben erzogen, er selbst betrat das Gebetshaus nie, aber Großmutter nahm den Jungen immer dorthin mit. Doch inzwischen zweifelte Traigar an seinem Glauben. Er fühlte sich unschuldig verfolgt.
Dieser Gedanke brachte ihn wieder auf Winger. Der Räuber hatte ihm erzählt, seine Frau sei ermordet worden und man jage ihn deshalb. Doch er behauptete, unschuldig zu sein. War dies ein weiterer Mensch, den Wathan in seiner Ungerechtigkeit verfolgte und leiden ließ? Oder hatte Winger nur den Schuldlosen gespielt? Das würde Traigar wohl nie erfahren.
Ein Geräusch lenkte ihn von seinen Gedanken ab. Hufschlag. Jemand kam den Hohlweg entlang geritten.
Gother zog an den Zügeln und brachte seinen Hengst zum Stehen. Ah, hier war die Stelle! Regungslos blieb er im Sattel sitzen und ließ sich von seiner Erinnerung noch einmal die Ereignisse der letzten neun Monate erzählen: Sein Herr hatte ihn als Spion in das Land des Feindes geschickt. Er sollte ihn finden, seine Pläne erkunden, dann zurückkehren und berichten. Nun hatte er eine lange und gefährliche Reise hinter sich, durch die vier Länder des Alten Königreichs, bis in den höchsten Norden. Orinokavo war mit Koridrea verfeindet, und Pheldae befand sich im Bürgerkrieg. Wilde Nomaden beherrschten Vulcor. Und alle Menschen in diesen Ländern hassten das reiche, dominante und politisch stabile Koridrea. Ein kluger Schachzug, sich nicht als dessen Bürger erkennen zu geben. Gother beherrschte die Landessprache von Pheldae sehr gut und die von Vulcor leidlich – beide, wie auch das Koridreanische, Derivate der Alten Sprache, doch in Orinokavo verständigte man sich in der ihm kaum vertrauten Zunge der südländischen Eroberer. Er geriet das eine oder andere Mal in brenzlige Situationen, aber die meisten Schwierigkeiten konnte er vermeiden, indem er nachts reiste und sich tagsüber versteckte.
Vier Monate dauerte der Ritt in den hohen Norden, wo sich Gerüchten zufolge der Feind seines Herrn aufhalten sollte. Und er spürte ihn schließlich auf. Dann erst begann der schwierige Teil: Er sollte herausfinden, was der Gesuchte vorhatte, ohne sich selbst zu enttarnen. Und so lauschte er den Gesprächen in den Wirtshäusern, achtete auf jedes Gemunkel, befragte viele Leute, bestach sie und verschwand wieder, bevor seine Neugier jemanden misstrauisch machte. Seine Ausbeute erwies sich leider als dürftig. Immerhin wusste er jetzt, wo der Feind lebte, für wen er sich ausgab, wie viele Gefolgsleute er hatte und dass zumindest keine unmittelbare Gefahr für seinen Herrn zu bestehen schien. Mit diesen Informationen machte er sich auf den Rückweg. Einige Tagesreisen später bemerkte er, wie ihn ein Reiter verfolgte. Er hielt sich gerade in Sichtweite, blieb stehen, wenn Gother sein Pferd zügelte, und nachts entdeckte Gother sein Lagerfeuer etwa eine Meile zurück. Zwei-, dreimal versuchte er erfolglos, seinen Schatten zu stellen. Einmal schlich er sich im Schutz der Dunkelheit an sein Lager, fand aber nur ein niedergebranntes Feuer. Der Mann schien ein Geist zu sein. Gother verlegte sich wieder darauf, nachts zu reiten und tat alles, um seine Spuren zu verwischen, und tatsächlich schien es, als habe er ihn abgeschüttelt. Doch als er Monate später die Grenze seiner Heimat erreichte, tauchte der Verfolger wieder auf. Da fasste Gother einen Plan. Er würde ihm auflauern, an einem Ort, wo er nicht ausweichen, sich nicht in Luft auflösen konnte. Dort hielt Gother noch eine Überraschung für den Mann bereit. Nun hatte er diese Stelle erreicht. Die Zeit war gekommen. Gother stieg ab.
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