Da hockte er, auf einem umgestürzten Baumstamm! Traigar schlich sich heran, nutzte dabei die Deckung der Bäume und Büsche und achtete darauf, im toten Winkel des blinden Auges zu bleiben. Der Riese hatte den Beutel geöffnet und zählte grinsend das Geld. Traigar war wütend, doch nicht zornig genug dafür . Nein, er würde das Versprechen seines Vaters nicht brechen, er würde die Magie nicht mehr gegen Menschen anwenden. Der Kerl hatte den Beutel gerade neben sich auf dem Stamm abgelegt, reckte sich nun und gähnte. Traigar hob einen dicken, abgebrochenen Ast auf und warf ihn mit aller Kraft. Er traf den Räuber auf der Brust. Der keuchte erschrocken. Der junge Mann sprang hinter dem Baum hervor, der ihm als Deckung gedient hatte, schnappte sich seinen Geldbeutel und rannte davon. Er hoffte, der andere könne ihm mit seinem lahmen Bein nicht folgen. Doch er beging einen schwerwiegenden Fehler, als er im Laufen nach hinten blickte. Er stolperte über einen im Laub verborgenen Stein und fiel der Länge nach hin. Bevor er sich wieder aufraffen konnte, packte ihn der riesenhafte Kerl am Genick. Traigar schrie und versuchte, den Mann zu treten. Doch der kümmerte sich nicht um die unbeholfene Gegenwehr, drehte ihn herum und sprach:
„Keine Angst, ich tue dir nichts.“
Traigar hörte auf zu zappeln. Die schaufelgroße Hand hielt ihn immer noch eisern fest.
„Du bist ein mutiger Junge. Ich hätte nie geglaubt, dass du dich traust, mir zu folgen. Klar hab ich’s bemerkt: Du hast nicht mehr geschlafen, als ich dir den Beutel klaute. Eben hast du noch geträumt und unter deinen geschlossenen Lidern wild mit den Augäpfeln gerollt, und dann stehen deine Augen plötzlich still, und du hältst den Atem an. Du hast dich wirklich gut unter Kontrolle. Wie heißt du, und woher kommt das Geld? Das ist ein hübsches Sümmchen. Mehr als jemand wie du mit ehrlicher Arbeit verdienen könnte. Ich nehme mal an, du bist auch ein Dieb?“
Traigar, immer noch zitternd und kreidebleich, erzählte mit brüchiger Stimme, wie er das Geld beim Gauklerwettstreit gewonnen hatte. Der andere ließ sich alles genau berichten. Dann lächelte er und zeigte dabei ein lückenhaftes Gebiss gelber Zähne.
„Ich glaube, du sagst die Wahrheit. So eine Geschichte kann man nicht aus dem Stehgreif erfinden, wenn man vor Angst schlottert. Dann will ich dir auch von mir erzählen. Ich heiße Winger, und ich werde gejagt. Man nennt mich einen Gesetzlosen, doch vor meinem Gewissen bin ich das nicht, auch wenn ich dich beraubt habe. Ich bin auf der Flucht und habe seit drei Tagen nichts gegessen.“
„Was hast du getan?“
„Nichts, außer um meine Frau getrauert. Es gibt Leute, die behaupten, ich hätte sie umgebracht, doch das ist nicht wahr. Aber mehr musst du nicht wissen.“
Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort:
„Hör zu, Junge.“
Er ließ ihn aus seinem schraubstockartigen Griff los und fasste in den Geldbeutel, den er Traigar wieder abgenommen hatte.
„Es war unrecht von mir, dir alles zu nehmen. Ich werde mir die Kupfermünzen leihen. Das Goldstück und deinen Dolch gebe ich dir zurück. Ich hoffe, ich begegne dir eines Tages wieder und kann dann meine Schulden begleichen.“
Er drückte ihm die Goldmünze in die Hand und steckte den Dolch in Traigars Scheide.
„Und nun troll dich, bevor ich es mir anders überlege, und lass die Hand von deinem Messer.“
Der Mann, der sich Winger nannte, packte ihn an der Schulter, drehte ihn herum und gab ihm einen sanften Stoß.
Traigar war den ganzen Tag der Straße gefolgt, die durch ein breites, grünes Flusstal führte. Zu beiden Seiten erstreckten sich Getreidefelder – goldgelbe Meere, über die der Wind Wellen trieb, Wiesen mit den letzten Sommerblumen, saftige Weiden und Obstgärten mit Apfel- und Birnbäumen, die schon reife Frucht trugen. Der Südwesten von Koridrea war fruchtbar und reich, kaum zu vergleichen mit der kärglichen Armut des Ostens, wo er einst gelebt hatte.
Er genoss die warmen Strahlen der tief stehenden Sonne. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, und nachts machte sich schon herbstliche Kühle breit. Letzte Nacht hatte er wegen der Kälte und des Alptraums schlecht geschlafen. Er fühlte sich müde, und die Füße taten ihm vom langen Wandern weh. Deshalb beschloss er, sich bald einen Lagerplatz zu suchen. Die Straße wand sich zunehmend steiler durch die Hügelkette, und schließlich verlief der Weg auf der Sohle einer engen Schlucht, die sich zu einem Kessel verbreiterte. In diesem Hohlweg wollte er nicht lagern und – nach der Begegnung mit Winger – schon gar nicht allein. Zwar hätte er sich gerne mit anderen Reisenden zusammengetan, aber den ganzen Tag über war er nur wenigen Fuhrwerken, Reitern und Wanderern begegnet, wovon die meisten in der Gegenrichtung, nach Shoal, unterwegs waren. Es schien also besser, solche exponierten Stellen zum Lagern zu meiden, denn möglicherweise waren nachts noch andere dunkle Gestalten unterwegs und hinter dem Hab und Gut – vielleicht sogar dem Leben – von einsamen Reisenden her.
Er kletterte die Böschung des Hohlwegs hinauf. Etwa zwanzig Fuß oberhalb erstreckte sich ein dichter Wald. In ihm, so überlegte er, wäre er sicher, jedenfalls vor menschlichen Räubern. Er hoffte, es gab hier keine gefährlichen Raubtiere. In einer kleinen Lichtung, nicht weit von der Bruchkante zum Hohlweg entfernt, häufte er ein paar Zweige und etwas Laub auf, um sich damit nachts zuzudecken. Doch zum Schlafen war es noch viel zu früh. Bis zum Sonnenuntergang dauerte es wohl noch zwei Stunden. Zunächst aß er von seinen Vorräten aus der Gespaltenen Tanne und trank ein paar Schlucke Wasser. Danach fischte er seine Glaskugeln aus dem Beutel und studierte ein paar neue Tricks ein. Bald war er dessen überdrüssig. Jetzt bedauerte er, sich nicht in Gesellschaft zu befinden. Er hätte sich gerne mit Cora, Boc oder den Bolders unterhalten. Alles, was ihn von den im Hintergrund lauernden Gedanken ablenken könnte, wäre gut. Doch unaufhaltsam drängten sie nach vorn, bis seine Ablenkungsversuche nicht mehr fruchteten.
Der Alptraum!
Er war wieder da. Traigar hatte gehofft, er sei ihn endlich losgeworden. Je weiter er sich von seinem Heimatdorf entfernte, desto seltener suchte er ihn heim. Doch jetzt quälte er ihn wieder, schlimmer als je zuvor.
Er kannte die Person, mit deren Augen er das Grauen erlebte: Vater! Traigar hatte diesen Traum von ihm geerbt. Daedor war nicht reich. Als Dorfschullehrer verdiente er gerade genug, um sich und seinen Sohn zu ernähren. Ihr kleines Haus besaß nur zwei Räume. Der eine diente als Vorratsraum, der andere zum Essen, Wohnen und Schlafen. Sie teilten sich das einzige Bett, und der Vater neben ihm träumte fast jede Nacht diesen Traum. Zu Anfang bekam Traigar nicht viel davon mit. Daedor wälzte sich schweißgebadet hin und her und murmelte Unverständliches. Nach und nach verstand der Junge das Gebrabbel immer besser. Sein Vater nahm ihn, ohne es zu wissen, mit in den Traum. Aus Worten formten sich Bilder der grausamen Erlebnisse. Der kleine Traigar empfand sie nicht länger im Wachsein, sondern träumte nun selbst, in seltsamem Einklang zu den nächtlichen Visionen Daedors. Doch er sprach nie mit ihm darüber. Stattdessen brachte ihn seine Großmutter, die Mutter seiner verstorbenen Mutter, auf die Spur, als er ihr von dem Traum erzählte. Sie war voll Mitgefühl mit ihrem Enkel und hoffte, der Alpraum würde verschwinden, wenn er die Ursache dafür erfuhr. Er rief sich jetzt ihre Erzählung wieder in Erinnerung:
Weißt du, mein Kleiner, dass dein Großvater im Krieg gefallen ist? Unser Land hat viele Kriege geführt, doch die meisten sind schon lange her. Aber der letzte liegt weniger als ein halbes Menschenleben zurück. Dein Großvater musste, wie viele andere, sein Land verteidigen. Damals machten uns Banden und versprengte Truppen aus Orinokavo zu schaffen, die in Koridrea einfielen, Nachschublinien überfielen oder Dörfer plünderten und die Bewohner massakrierten, während unsere Armeen weit im Feindesland operierten. Ich habe gehört, unsere eigenen Soldaten seien ebenso grausam gewesen. Frag mich nicht nach den Gründen des Krieges oder wer dafür verantwortlich war. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dein Großvater bei der Grenzwache diente und ein Dorf weit von hier beschützen sollte. Soldaten aus Orinokavo überfielen dieses Dorf, und es passierte das Unbeschreibliche, das sich im Traum deines Vaters – und nun auch deinem – abspielt. Damals wusste ich noch nichts von diesen Ereignissen.
Читать дальше