Alex sitzt in einem antiken Lehnstuhl, den er aus dem Laden hierher ins Büro geholt hat, und telefoniert. Gerade beendet er das Gespräch, indem er sich vielmals bedankt, bevor er auflegt.
„Und?“, fragt Gregor sofort.
„Also“, beginnt Alex. „Das da gerade war der Neffe einer alten Dame aus Bremen. Seine Tante ist vor fünfzehn Jahren verstorben, und er war Teil ihrer Erbengemeinschaft, die den Spiegel damals von einem Auktionshaus hat versteigern lassen. Bei dieser Versteigerung ging der Spiegel an Herrn Lübbenau, von dem wiederum mein Opa das gute Stück für den Laden erworben hat.“ Alex klopft mit seinem Kugelschreiber auf den Notizblock auf seinen Knien, wo er während seiner vorausgegangenen Telefonate alles mitgeschrieben hat, was ihm wichtig erschien. „Der Neffe der Bremer Dame sagt, er sei oft im Haus seiner Tante zu Gast gewesen, und der Spiegel habe seines Wissens nach über Jahrzehnte hinweg in deren Wohnzimmer gehangen“, fährt er fort. „Er sei wohl ursprünglich mal ein Geschenk zur Hochzeit seiner Großeltern gewesen. Deren Heirat wiederum hat um das Jahr 1940 stattgefunden.“
„Dann müssen wir also versuchen herauszufinden, wer dem jungen Paar damals diesen Spiegel geschenkt hat“, ergänzt Gregor.
„Tja“, meint Alex und kratzt sich am Kopf. „Genau das, fürchte ich, wird nicht so einfach werden. Die Hochzeit fand nämlich in Warschau statt.“
„Und? Dann müssen wir eben ehemalige Antiquitätenläden in Warschau finden“, meint Gregor.
„Du vergisst, dass Warschau um 1940 von den Nazis besetzt war und dass diese so ziemlich alles an sich gerafft haben, was irgendwie von Wert war. Beutekunst zum Beispiel“ erklärt Alex. „Oder eben auch Antiquitäten, insbesondere wenn sie vielleicht auch noch jüdische Besitzer hatten. Hier lautet das Stichwort Zwangsenteignung.“
„Oh Mist. Du meinst also, derjenige, der dem Hochzeitspaar den Spiegel geschenkt hat, könnte auf illegalem Wege daran gekommen sein? - Wenn das der Fall sein sollte, wird es wohl kaum irgendwo eine Liste geben, aus der hervorgeht, wem der Spiegel tatsächlich gehört hat?“ Gregor lässt enttäuscht die Schultern hängen.
„Und damit ist die Spur für uns unterbrochen, die der Spiegel im Lauf durch die Jahrhunderte hinterlassen hat“, ergänzt Alex und macht eine entschuldigende Geste. „Es war uns von Anfang an klar, dass es schwierig werden wird, die Besitzverhältnisse eines über zweihundertjährigen Spiegels nachzuvollziehen“, ruft er Gregor ins Gedächtnis. „Unsere Chancen wären nur gut gewesen, wenn er über all die Jahre hinweg im selben Schloss oder Museum gehangen hätte. Aber so etwas gibt es nur ganz selten.“
„Ja, ich weiß“, nickt Gregor und seufzt enttäuscht. „Trotzdem hatte ich gehofft, dass es in diesem Fall so sein könnte.“
„Wir haben es wenigstens versucht“, tröstet Alex. „Und am Montag werde ich mal bei der Stadtverwaltung von Lohr am Main anrufen. Die Spiegelmanufaktur existiert zwar schon lange nicht mehr. Aber vielleicht gibt es irgendwo ein Archiv, in dem noch die alten Bücher gelagert werden? Wenn wir Glück haben, hat irgendein pingeliger Buchhalter vor zweihundert Jahren aufgelistet, für wen dieser Spiegel ursprünglich einmal hergestellt worden ist. Das wäre dann der vielleicht einfachere und kürzere Weg, um etwas über sein Geheimnis herauszufinden.“
„Bis Montag sind es noch fast zwei Tage. Vielleicht geschieht ja bis dahin ein Wunder und Lena taucht von alleine wieder auf“, versucht Gregor es mit Optimismus, obwohl er eigentlich niemand ist, der an Wunder glaubt.
*
Genießerisch lasse ich mich ins warme Seifenwasser gleiten. So tief, wie es die schmale und viel zu kurze Zinkbadewanne zulässt. Der Nachteil meines Eintauchens ist, dass dadurch automatisch meine Knie wieder weiter aus dem Wasser herausragen und ich wie zusammengefaltet in der Wanne eher sitze, als liege. Aber was soll’s? Es ist warmes Wasser und es duftet nach Lavendel. Ich genieße das Gefühl, endlich wieder sauber zu sein und mit dem Dreck einen Teil der schrecklichen Erinnerungen an meine Erlebnisse vom Vormittag von mir abzuwaschen. Bei diesem Gedanken meine ich fast, noch immer den Gestank des Messermannes zu riechen, der mir auf der Haut klebt. Besonders da, wo seine Arme meinen Hals berührt haben.
Hastig wasche ich zum wiederholten Male meinen Hals und versuche die Erinnerung fortzuschieben. Ich will mich nicht weiter unnötig mit den Bildern quälen. Weder mit denen an den Messermann noch an die der verwahrlosten Jungs, die mich beraubt haben. Stattdessen mache ich es mir so gut es geht bequem, schließe die Augen und lausche den Geräuschen, die durch das halb geöffnete Fenster eindringen.
Draußen entlädt sich ein heftiges Gewitter, dessen Donnerschläge das Haus zum Teil ebenso erschüttern, wie es der Lastenaufzug heute Morgen tat. Regen rauscht in Strömen vom Himmel herab und vermischt sich prasselnd mit dem Wasser des Nikolaifleets, das inzwischen längst wieder geflutet ist.
Ich befinde mich in einem kleinen schmalen Raum im zweiten Stockwerk des Sieveking-Hauses, nur zwei Türen neben dem Zimmer, in dem ich die Nacht verbracht habe. Die Badestube besteht tatsächlich aus nicht mehr als einem gusseisernen Ofen, der jetzt in der Augusthitze natürlich nicht geheizt wird, einem Stuhl zum Ablegen der Kleider und eben jener Zinkwanne, in der ich bade.
Nachdem Mathis mich hierher geführt hat, habe ich Ida kennengelernt, eine dralle Sechzehnjährige, der ein Wust wilder schwarzer Locken unter dem weißen Häubchen hervorlugt. Ida hat das heiße Wasser mühsam mit Eimern aus der Küche, wo es auf dem Herd erhitzt worden ist, hier hinauf geschleppt. Das muss eine ziemliche Plackerei gewesen sein, weshalb ich mich auch niemals darüber beschweren würde, dass die Wanne so klein ist. Ida ist es auch, die nun das Zimmerchen wieder betritt, mir aus der Wanne hilft und mich in ein Handtuch aus Leinen wickelt.
„Ich habe Ihnen etwas zum Anziehen herausgelegt. Herr Sieveking meinte, ich solle Ihnen etwas von seiner Schwägerin geben“, erklärt Ida, während sie mich zurück in meinen Schlafraum führt. Dort liegt zu meinem Schrecken auf dem Bett ausgebreitet eines der schulterfreien Hammelkeulenkleider, über die ich mich am Vormittag noch amüsiert habe, noch dazu mit einem voluminösen Unterrock, der nicht nur wie eine Rosshaardecke aussieht, sondern bestimmt auch ähnlich schwer ist.
Jetzt muss ich mich also selber wohl oder übel in ein solches Monstrum hineinzwängen, da meine eigenen Sachen nicht nur zu auffällig, sondern vom heutigen Tag auch mehr als verdreckt sein dürften. Obwohl mir der Gedanke überhaupt nicht gefällt, in einem solch lächerlichen und noch dazu sperrigen Ding herumlaufen zu müssen, füge ich mich zähneknirschend. Die Alternative wäre schließlich wohl, nackt herumzulaufen. Also schlüpfe ich in die Seidenstrümpfe und lasse mir in den Rosshaarunterrock helfen, bevor Ida mich dann auch noch in ein Korsett schnürt und es derart festzieht, dass mir die Luft wegbleibt. Wie soll man denn darin atmen, geschweige denn sich bewegen, frage ich mich verzweifelt. Aber ich sage nichts und schlucke all meine Bedenken hinunter, da Ida diese wohl kaum verstehen würde. Zum Schluss reicht sie mir das Kleid aus grünem Stoff, der mit einem Blümchenmuster versehen ist.
Der Stoff und die Farbe sind hübsch, zweifellos. Aber schon bald müssen wir feststellen, dass mir das Kleid viel zu klein ist. In der Breite geht es, dank Idas enger Schnürung des Korsetts. Aber die Länge reicht vorne und hinten nicht. Das Kleid reicht mir gerade einmal bis knapp über die Knie und lässt ein gutes Stück des Rosshaarrocks unten hervorlugen.
„Oh weh! Das geht so nicht!“, stellt Ida fest und reißt entsetzt ihre braunen Kulleraugen auf.
„Nein, auf keinen Fall“, stimme ich ihr zu, obwohl ich in modischen Fragen dieser Zeit natürlich völlig unbewandert bin. Aber das, was ich hier an mir sehe, deckt sich nur wenig mit dem, was ich heute in der Stadt gesehen habe. Im Gegenteil, sehe ich eher aus wie eine Karikatur der derzeitigen Mode.
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