Er mustert mich nur finster.
„Ich frage mich nämlich, was Sie an dieser ‚Brutstätte übelster Krankheiten und Unterschlupf finsterer Gestalten‘ gemacht haben. An einem Ort, der doch gewiss auch nichts für einen ehrlichen Kaufmann ist?“, fahre ich fort und bin innerlich sehr zufrieden mit mir. Was er kann, kann ich schließlich auch!
„Nun, ich war in Begleitung von Mathis dabei einen Dieb zu verfolgen“, erklärt er grimmig. „Oder besser gesagt: Eine Person, die Diebstahl begangen, die öffentliche Ordnung empfindlich gestört hat und auch vor der Beschädigung fremden Eigentums nicht zurückgeschreckt ist.“
„Ach so? Und Ihre Verfolgung hat Sie dann ausgerechnet dorthin geführt, wohin ich mich verlaufen habe? Das nenne ich ja mal einen irren Zufall!“, wundere ich mich und frage mich gleichzeitig, warum er denn nicht einfach die Polizei gerufen hat. Sollte meine Vermutung also wahr sein, und es gibt in dieser Zeit tatsächlich noch niemanden, der für Recht und Ordnung sorgt? Was für ein erschreckender Gedanke.
„Einen Zufall? Nein, das würde ich nicht sagen. Unser Zusammentreffen an diesem Ort ist vielmehr der Konsequenz zu verdanken, mit der wir Ihre Spur verfolgt haben. Was im Übrigen nicht sonderlich schwierig war.“ Er nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, sodass der brennende Tabak darin rot aufglüht.
„Moment mal! Wollen Sie damit etwa andeuten, dass ich diese gesuchte Person sein könnte?“ Ich schnappe empört nach Luft. „Was bringt Sie denn dazu mich all dieser Sachen zu beschuldigen? Dafür gibt es überhaupt keinen Grund!“
„Nicht?“, fragt er mit hochgezogenen Brauen. „Nun, lassen Sie mich einmal kurz nachdenken und mögliche Gründe aufzählen. Als da wären zum Ersten: Eine Jacke und eine Mütze, welche in meinem Hause entwendet wurden und beide dem bei mir angestellten Hinnerk Petersen gehören. – Die einzige Jacke übrigens, die Hinnerk überhaupt besitzt, weshalb er verständlicherweise reichlich ungehalten über ihren Verlust war. Zum Zweiten: Ein Aufruhr auf dem Hopfenmarkt. Ausgelöst durch einen seltsamen jungen Mann in eigenartiger Kleidung, der versucht haben soll eine Marktfrau zu prellen, indem er ihr Münzen einer nicht existenten Währung unterschob…“
Ich setze an zu widersprechen, aber er lässt mich nicht zu Wort kommen und fährt ungerührt fort: „Zum Dritten: Ein Unfall an der Pulverturmbrücke. Hervorgerufen durch denselben vermeintlich jungen Mann, als er blindlings vor das Fuhrwerk des Bestatters Karl-Friedrich Pelzig lief. Die halbe Lieferung neu gefertigter Särge glitt bei Herrn Pelzigs Versuch, einen Aufprall zu verhindern, von der Ladefläche herunter, zerschellte teilweise auf der Straße oder rutschte gar in den Herrengraben. Der Schaden ist beträchtlich. – Na? Mir scheint, Sie sind ein wenig blass um die Nase geworden! Haben Sie vielleicht doch etwas zu alledem zu sagen?“
Ich schlucke hart. Dass ich eine derartige Spur der Verwüstung hinter mir hergezogen haben könnte, hätte ich nicht gedacht. Eigentlich wollte ich mir doch bloß die Stadt ansehen und mir etwas zu Essen besorgen.
Henry Sieveking wartet auf meine Antwort, wobei er mich mit Blicken zu durchbohren versucht.
Ich fasse mir ein Herz, hole einmal tief Luft und setze zu meiner Verteidigung an: „Sie wollen wissen, was ich dazu zu sagen habe? Also gut. Lassen Sie mich mit Punkt drei beginnen: Dazu kann ich nur sagen, dass Herr Pelzig eine Mitschuld an dem Unfall hat, weil er mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren ist. Er ist mit einem derartigen Affenzahn angekommen, dass es früher oder später zu einem Unfall kommen musste. Ich war bloß dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort. Und wenn Herrn Pelzigs Särge schon bei der geringsten Vollbremsung vom Wagen stürzen, dann sollte er sich mal darüber Gedanken machen, wie er in Zukunft seine Ladung besser absichert! Zu Punkt zwei: Ich habe der Marktfrau keineswegs eine Währung angedreht, die nicht existiert. Den Euro gibt es sehr wohl, da wo ich herkomme. Ich habe auch versucht, das der Dame zu erklären. Aber bedauerlicherweise war sie für vernünftige Argumente nicht empfänglich.“
Nun ist es an mir, ihn nicht zu Wort kommen zu lassen, als er die Pfeife aus dem Mund nimmt und zu einer Erwiderung ansetzt. Jetzt bin ich dran und hole zum letzten, entscheidenden Schlag aus: „Und was Ihren letzten Vorwurf angeht, bin ich der Meinung, dass Sie sich als Arbeitgeber etwas schämen sollten, wenn Sie Ihren Angestellten derart wenig Lohn zahlen, dass sich der arme Herr Petersen nicht mal eine zweite Jacke leisten kann!“ Zufrieden lehne ich mich zurück und genieße die Wirkung meiner Worte.
Diese saßen offensichtlich. Jedenfalls erlebe ich Henry Sieveking zum ersten Mal sprachlos. Sprachlos und zweifellos superstinkig, der Tiefe seiner Stirnfalte nach zu urteilen. Insbesondere mein indirekter Vorwurf, dass er seine Arbeiter ausbeutet, hat ihm vermutlich nicht geschmeckt.
Ein Donnerschlag draußen verleiht meiner Aussage noch zusätzlichen Nachdruck, so als hätte ich ihn eigens dafür bei der himmlischen Abteilung für Special Effects bestellt.
In diesem Moment klopft es an der Tür. Mathis, der Hausdiener, tritt ein und unterbricht unseren Disput. Er hat einen dicken Knüppel in der Hand, ähnlich dem der wilden Marktfrau am Hopfenmarkt – und meine Handtasche in der anderen! Zuerst glaube ich meinen Augen nicht zu trauen, aber sie ist es, eindeutig.
„Oh Mathis! Sie haben meine Tasche! Woher wussten Sie denn…? Und wie haben Sie es bloß geschafft, sie zurückzubekommen?“, sprudle ich dankbar hervor und gehe auf ihn zu. „Das ist aber nett von Ihnen! Vielen, vielen, herzlichen Dank!“ Ich kann mein Glück kaum fassen und strahle über das ganze Gesicht. Zuerst rettet Sieveking mich aus höchster Bedrängnis – das muss man dem aufgeblasenen Angeber ja nun mal lassen. Und dann bekomme ich jetzt, quasi als Sahnehäubchen, noch meine Tasche wieder! Es ist zwar nicht so, dass die Tasche oder ihr Inhalt in irgendeiner Weise wertvoll wäre, jedenfalls nicht finanziell. Aber für mich stellt sie meine letzte Verbindung nach zu Hause dar. Sie ist der sichtbare Beweis, dass ich aus einer anderen Welt komme. Einer, nach allem was ich bisher gesehen habe, eindeutig besseren Welt, in der es Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt, Arbeitnehmerrechte, eine Polizei, sichere, saubere Straßen und, und, und.
„Es war mir ein Vergnügen“, entgegnet Mathis nur und gibt mir die Tasche zurück. Sein Blick lässt erahnen, dass er den Jungs, die mich beraubt haben, wohl ganz schön eingeheizt hat. In diesem Moment sieht er gar nicht mehr so verschlafen aus, wie seine Schlupflider einen auf den ersten Blick glauben machen. „Außerdem bat Ida mich, Ihnen mitzuteilen, dass Sie Ihnen ein Bad gerichtet hat“, fügt Mathis hinzu.
„Ein Bad? Das hört sich gut an! Und ich dachte schon, in dieser Welt gäbe es überhaupt keine Errungenschaften der Zivilisation!“, rufe ich entzückt aus.
Mathis und Sieveking tauschen einen leicht indignierten Blick.
Dann nickt Sieveking mir zu und ätzt: „Ja, bitte nehmen Sie ein Bad! Sehen Sie zu, dass Sie den Gestank der Gosse endlich abwaschen, aus der wir Sie ziehen mussten!“ Seine Blicke scheinen mich durchbohren zu wollen, und einen Moment lang ist es mir so, als ob es nicht nur draußen vor dem Fenster gefährlich blitzt.
Samstag, 20. August 2016
Konzentriert lässt Gregor einen dreieckigen Splitter in eine Lücke zwischen zwei größeren Scherben gleiten. Die Pinzette, mit der er das Stückchen festhält, zittert ein wenig, und als er es einfügt, gerät es ihm ein bisschen schräg, sodass es für einen kurzen Moment so aussieht, als habe er das falsche Puzzleteil erwischt. Aber dann lässt es sich doch noch geraderücken und fügt sich fast nahtlos in die Bruchstelle ein. Gregor seufzt erleichtert. Wieder einmal ein kleiner Erfolg auf dem langen Weg zur Rekonstruktion der Spiegelscheibe. Auch wenn diese Arbeit wahrscheinlich vollkommen sinnlos ist und Lena höchstwahrscheinlich nicht zurückbringen wird, hat er festgestellt, dass die Konzentration auf das Scherbenpuzzle ihn wenigstens ein Stück weit beruhigt, sodass er wieder einigermaßen klar denken kann und nicht ständig versucht ist, aus Sorge um Lena wie ein Irrer im Kreis herumzulaufen und sich dabei die Haare zu raufen.
Читать дальше