Einen Wimpernschlag später sind sie dann auch schon wieder weg. Genauso geisterhaft verschwunden wie sie gekommen sind. Wäre ich nicht um das Gewicht der Tasche erleichtert, würde ich nicht glauben, dass sie überhaupt da gewesen sind.
Ein Schluchzen löst sich aus meiner Kehle. Dann endlich habe ich wieder die Gewalt über meine Stimmbänder und schreie so laut wie ich kann um Hilfe: „Diebe! Diebe! Haltet sie! Polizei!“ Dabei renne ich in die Richtung los, von der ich glaube, dass die Jungs dorthin verschwunden sind und versuche ihre Fährte aufzunehmen, meiner kostbaren Tasche hinterher. Aber natürlich habe ich keine Chance.
Die Burschen kennen sich im Viertel aus und kennen gewiss jeden Winkel, in dem man sich verstecken kann. Während ich noch immer wild schreiend durch die engen Gassen laufe, sitzt die Bande bestimmt schon längst in einem der umliegenden zahllosen Behausungen und lacht sich ins Fäustchen.
Den übrigen Bewohnern des Viertels scheint das ohnehin klar zu sein, denn die wenigen, denen ich auf der Straße begegne, schütteln nur den Kopf über mich oder blaffen mich sogar an, ich solle gefälligst mit der Schreierei aufhören.
Also gebe ich die Hoffnung darauf, meine Tasche – oder vielleicht zumindest ein wenig Freundlichkeit – zu finden irgendwann auf und renne danach reichlich kopflos durch diese düstere Welt, aus der es aber kein Entrinnen zu geben scheint. Wieder biege ich um düstere Ecken, hetze Treppen hinauf, laufe über Galerien, auf denen Wäsche zum Trocknen hängt und steige die Stufen am Ende wieder hinab. Nimmt das denn nie ein Ende?
Als ich an einem schmalen Torbogen vorbeikomme, schnellt plötzlich eine schwielige Hand daraus hervor und packt mich. Noch ehe ich begreifen kann, was mir geschieht, komme ich abrupt zum Stehen, werde rückwärts in den engen Durchgang geschleudert und pralle dort gegen eine breite Brust. Sekundenbruchteile später fühle ich ein Messer an meiner Kehle und zwei Arme die mich festhalten wie ein Schraubstock.
Ein Wimmern entfährt mir. Soll ich nun nach meiner Habe auch noch mein Leben verlieren?
„Was haben wir denn da für ein Bürschchen? Du bist jedenfalls nicht von hier“, flüstert eine heisere Stimme an meinem Ohr. Der Atem des Mannes stinkt nach billigem Fusel und lässt mich unwillkürlich würgen.
Die Klinge des Messers drückt sich noch etwas fester an meine Kehle, während der Typ mich mit der anderen Hand nach Geld oder anderen Wertgegenständen abtastet. Schnell stellt er fest, dass er zu spät kommt. Ich bin bereits ausgeraubt worden. Unwillig grunzend wandert seine Hand nochmals auf und ab, findet schließlich meine Brust. „Heheee, Bürschchen, bist ja gar keins!“, stellt er fest und drückt meinen Busen, dass es weh tut. „Na schön. Wenn du schon nichts hast, was man zu Geld machen kann, dann kannst du ja wenigstens auf andere Weise bezahlen“, kichert er leise.
Mir läuft ein eiskalter Schauer über. Erneut wird mir schlecht, aber ich zwinge den Würgereflex hastig hinunter und konzentriere mich stattdessen darauf, meinen Verstand einzuschalten. Fieberhaft überlege ich, was ich mal im Selbstverteidigungskurs gelernt habe. Immerhin habe ich es jetzt ja nur mit einem Gegner zu tun, anstatt wie vorhin mit gefühlten zehn. Also wie war das? Den Angreifer möglichst fest auf die Zehen treten und mit dem Hinterkopf nach hinten schlagen, war es so? Darüber, was man mit weichen Gummisohlen gegen derbe Lederstiefel ausrichten kann, wenn einem noch dazu ein Messer an der Kehle sitzt, haben wir meines Wissens nach aber nie gesprochen… Was also, soll ich jetzt machen?!
Vor meinem inneren Auge sehe ich mich bereits geschändet und mit aufgeschlitzter Kehle in dieser dreckigen Gasse enden, wo mich dann irgendwer finden und dafür sorgen wird, dass meine Leiche irgendwo anonym verscharrt wird. Niemand wird nach mir suchen, niemand wird mich vermissen, denn ich befinde mich in einer Zeit, in der es mich überhaupt gar nicht gibt. Also wird es wahrscheinlich noch nicht einmal eine polizeiliche Untersuchung geben und ich einfach spurlos vom Erdboden verschwinden. Falls denn in diesem finsteren Mittelalter überhaupt eine Polizei existiert?!
Ich fühle Tränen der Hilflosigkeit und der Verzweiflung in mir aufsteigen, als plötzlich ein Schatten den Ausgang aus der Nische zur Gasse verdunkelt. Gleichzeitig vernehme ich ein leises Klicken und dann eine bekannte tiefe Stimme, die vollkommen ruhig meint: „Ich störe Ihr kleines Stelldichein ja nur ungern, aber diese Dame gehört zu meinem Hausstand. Daher wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie von ihr ablassen würden.“
Augenblicklich löst mein Angreifer seine Umklammerung und nimmt das Messer von meinem Hals.
„Falls es tatsächlich hier etwas zu bezahlen geben sollte, schicken Sie doch bitte eine Rechnung an meine Adresse“, fährt Henry Sieveking ungerührt fort, selbst in dieser absurden Situation korrekt bis zum Geht-nicht-mehr, wie es wohl seine Art zu sein scheint.
Als ich mich vorsichtig umdrehe, erkenne ich im Dämmerlicht der Gasse zwar nicht sein Gesicht, sehe aber, dass er meinem Angreifer mit entschlossener Haltung eine Pistole an die Schläfe hält. Mir entfährt ein erleichterter Seufzer.
„Oh. Nein, nein, nein“, wehrt der Typ ab, der mich überfallen hat und zieht den Kopf ein. „Nichts zu bezahlen. Ein Missverständnis. Alles nur ein Missverständnis.“ Er hebt abwehrend die Hände. Während er spricht, bewegt er sich mehr und mehr auf den Torbogen zu.
Ich drücke mich an die Wand und mache ihm bereitwillig Platz. Auf keinen Fall möchte ich nochmals mit ihm in Berührung kommen.
Auch Herr Sieveking scheint keine große Lust zu verspüren, sich mit diesem Widerling noch weiter auseinanderzusetzen, denn er lässt es zu, dass der Kerl schließlich den Ausgang zur Gasse erreicht und sich gleich darauf unter der Pistole wegduckt, um dann blitzschnell um die Ecke zu verschwinden.
Nur wenige Sekunden danach ist bloß noch das Geräusch sich hastig entfernender Schritte zu hören. Dann ist es wieder totenstill bis auf das Greinen eines Säuglings, irgendwo weit entfernt, tief in den Eingeweiden des düsteren Gassenlabyrinths.
Herr Sieveking sichert wortlos die Pistole, ein schweres Ding aus blank poliertem Metall und mit einem elegant geschwungenen Holzgriff. Er steckt sie jedoch nicht weg, sondern behält sie in seiner Rechten, jederzeit bereit uns damit gegen weitere mögliche Angreifer zu verteidigen.
Ich stoße einen erneuten Seufzer der Erleichterung aus. Niemals hätte ich gedacht, dass mich der Anblick des grimmigen Henry einmal mit einer solchen Freude erfüllen würde, noch dazu, wenn er dabei eine geladene Waffe in der Hand hält.
Umgekehrt scheint die Begeisterung allerdings nicht ganz so groß zu sein. Er schenkt mir einen Blick, wie er finsterer wohl nicht sein kann und der sämtliche Dankesworte, die in mir aufsteigen mögen, in meiner Kehle steckenbleiben lässt. Aber das macht mir im Moment nicht allzuviel aus. Dieser Gesichtsausdruck ist doch immer noch um Längen weniger schrecklich als alles, was mir in den letzten Stunden passiert ist.
Stumm rückt er seinen Zylinder gerade – also besitzt auch er einen, natürlich – und zupft seinen Gehrock zurecht, unter dessen Aufschlägen er die Waffe zu verbergen sucht. Mit der anderen Hand ergreift er dann weiterhin schweigend die meine und zieht mich zum entgegengesetzten Ende der Gasse, fort vom Torbogen, durch den mein Angreifer verschwunden ist.
Ich folge ihm nur allzu gern, bin ich mir doch völlig darüber im Klaren, dass meine Chancen hier einigermaßen unbeschadet wieder herauszukommen, in seiner Begleitung wesentlich höher sind, als allein auf mich gestellt.
Wir erreichen eine neue, ähnliche Gasse, wie all die hunderte, durch die ich zuvor gekommen bin, und er zieht mich nach links.
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