An der nächsten Straßenecke begegnet mir ein Paar, dessen männliche Hälfte ähnlich wie die Sieveking-Brüder gekleidet ist. Die Frau an seiner Seite ist für mich jedoch der Hingucker schlechthin: Die Dame trägt ein langes, roséfarbenes Kleid, das in der Taille eng geschnürt ist und in einen knöchellangen, bauschigen Rock übergeht, unter dem mindestens noch ein weiterer Unterrock zu stecken scheint, wenn nicht sogar zwei. Das Kleid ist schulterfrei, weshalb die Frau gegen eventuelle Zugluft ein leichtes Tuch um sich drapiert hat, ähnlich jenem, das mir die Sievekings gestern Abend ausgeliehen haben. Der absolute Blickfang aber – und wahrscheinlich vollkommen unpraktisch – sind die riesigen Puffärmel des Kleides, die nur die Oberarme bedecken und die Unterarme dadurch merkwürdig dünn wirken lassen. Es sieht aus, als hätte die Dame anstelle von Armen zwei riesige Hammelkeulen am Körper. Bemerkenswert ist außerdem ihr Hut, der mit einer rosa Schleife unter dem Kinn gebunden ist und aufgrund seiner Form das Gesicht der Frau nicht nur beschattet, sondern sie meiner Einschätzung nach wohl auch in der Sicht zur Seite hin einschränken muss. So ähnlich wie die Scheuklappen bei Pferden. Was die Haube vorne zu viel hat, hat sie hinten allerdings zu wenig. Da ist sie nämlich offen, so dass der Dutt, zu dem das Haar aufgesteckt ist, hinten herausragt. Fast könnte man meinen, die Dame habe ihren Hut falsch herum auf dem Kopf. Aber wenn dem so wäre, hätte ihr Begleiter sie doch wohl hoffentlich darauf aufmerksam gemacht?
Schmunzelnd gehe ich weiter. Einen solchen Aufzug hat die Welt ja wohl noch nicht gesehen!, denke ich, werde allerdings schon sehr bald eines Besseren belehrt, als mir bei meiner Erkundungstour noch weitere Frauen begegnen, die in ähnlicher Aufmachung herumlaufen. Was nur den einen Schluss zulässt: dass Hammelkeulen, Wespentaillen und Scheuklappenhüte hier derzeit modisch der letzte Schrei sind. Insgeheim beglückwünsche ich mich, dass ich so nicht herumlaufen muss. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dieser Modetrend jemals wieder eine Renaissance erleben wird.
Apropos Renaissance. Das ist doch die Bezeichnung für eine geschichtliche Epoche. Vielleicht sollte ich mal irgendeinen der Passanten anhalten und fragen, ob er oder sie meint, in der Renaissance zu leben?
Aber dann schüttle ich unwillig den Kopf über mich selbst. Ich sollte wirklich zusehen, dass ich endlich etwas Nahrhaftes in den Magen bekomme. Vor lauter Unterzuckerung komme ich schon auf völlig bescheuerte Ideen.
Ich gelange zu einer Brücke, überquere ein breites Fleet und erreiche endlich einen großen Marktplatz vor einer äußerst prächtigen Kirche, deren Aussehen mich an keines der Gotteshäuser erinnert, die ich aus meiner Zeit kenne. Auch das Glockenspiel, das in diesem Moment vom beachtlich hohen Turm ein frommes Lied zum Besten gibt, habe ich noch nie zuvor vernommen. Deshalb bin ich auf einmal unsicher, ob dies Sankt Nikolai ist – eine Kirche, die zu meiner Zeit nur noch als Ruine existiert, und als Mahnmal dient – und der Platz davor wohl der Hopfenmarkt ist, so wie ich es aufgrund meines erinnerten Stadtplans von 2016 erwartet habe. Aber schnell denke ich, dass es doch keine große Rolle spielt, welchen Namen dieser Ort trägt. Das Wichtigste ist, dass auf diesem Platz Händler Körbe und Kisten aufgebaut haben, aus denen heraus sie Lebensmittel verkaufen. Endlich habe ich etwas zu essen gefunden!
Mein Magen meldet sich erneut mit einem nachdrücklichen Knurren, so als wolle er auf Nummer sicher gehen, dass ich mich nun endlich um ihn kümmere. Als ob das nötig wäre. Ich fühle mich schließlich schon ganz schwach vor Hunger und fürchte bald umzufallen. Deshalb verschwende ich keine Zeit damit wählerisch zu sein und steuere die nächstbeste Händlerin an, die hinter mehreren aus Reisig geflochtenen Körben steht, aus denen sie Äpfel und Birnen verkauft.
Die Frau sieht schon recht alt aus. Ihr Gesicht ist runzlig und sie hat kaum noch Zähne im Mund. Sie trägt ein einfaches dunkles Kleid mit einer grauen Schürze darüber und auf dem Kopf einen dieser Scheuklappenhüte.
Da ich mir bewusst bin, dass um mich herum fast ausschließlich in Plattdeutsch verhandelt wird, kratze ich all meine Sprachbrocken zusammen und ordere drei Äpfel.
Sie sagt kein Wort und mustert mich einen Moment lang misstrauisch, so als habe sie mich nicht richtig verstanden. Zu meiner Erleichterung, greift sie dann aber doch in den entsprechenden Korb, sucht mit der Linken drei Äpfel heraus und streckt mir gleichzeitig ihre rechte offene Hand entgegen, um mich zum Bezahlen aufzufordern. Dabei murmelt sie etwas, aus dem ich glaube das plattdeutsche Wort „Twee“ für zwei herausgehört zu haben.
Also öffne ich brav meine Tasche, die ich vor mir abgestellt habe, hole daraus meinen Geldbeutel hervor und lege ihr ein Zwei-Euro-Stück auf die ausgestreckte Handfläche, während ich die Äpfel an mich nehme. Ich habe mich noch nicht gebückt, um meinen Kauf in die Tasche zu legen, als plötzlich ein Gezeter losgeht, als habe ich ihr gedroht sie umzubringen.
Auf einmal kann die Dame also doch reden. Und wie! Ein zorniger Wortschwall auf Plattdeutsch geht auf mich nieder, in einem Tempo und mit Begriffen, die mich dann doch überfordern. Allerdings ist mir klar, dass es wenig Schmeichelhaftes ist, was sie sagt. Zwischendurch verstehe ich dann immer mal wieder „Taler“, „Preußisch“ oder irgendetwas, das sich wie „Mark Courant“ anhört.
Ich begreife, dass sie die Euromünze nicht akzeptieren will und eine andere Währung haben möchte – die ich aber blöderweise natürlich nicht habe. Was mache ich denn jetzt? Ich muss diese Äpfel unbedingt haben, sonst falle ich hier gleich um vor Hunger!
Tapfer versuche ich gegen den empörten Wortschwall der Alten anzukommen. Ich rede freundlich auf sie ein und versichere ihr gefühlte einhundertmal, dass es sich bei der Münze, die ich ihr gegeben habe tatsächlich um echtes Geld handelt, für das sie sich einmal etwas wird kaufen können. Na ja, also in dreihundert Jahren ungefähr. Vielleicht auch erst in vierhundert? Ich weiß ja noch immer nicht, in welchem Jahrhundert ich hier eigentlich unterwegs bin. Deshalb werden meine Angaben an dieser Stelle zwangsläufig etwas unpräzise.
Aber das merkt die Frau ohnehin nicht. Sie ist dermaßen sauer, dass sie mir gar nicht richtig zuhört. Stattdessen wird ihr Geschrei noch eine Spur lauter, und plötzlich zieht sie unter ihren Röcken einen Knüppel hervor.
Panik erfasst mich. Offensichtlich ist die Dame im Begriff mir den Stock über den Schädel zu ziehen.
Und sie ist nicht die Einzige, die mir ans Leder will: Mehrere Umstehende haben unseren Disput verfolgt und machen nun Anstalten der vermeintlich betrogenen Händlerin beizustehen.
Ich überlege nicht mehr lange, raffe meine Tasche und gebe Fersengeld. Sekunden später schlängele ich mich durch das Gedränge der Marktbesucher, renne hakenschlagend zwischen den Verkaufsständen umher, springe über Körbe mit frischen Eiern und Kisten voller Kohlköpfe. Remple Menschen an und ernte weitere wüste Beschimpfungen. Endlich habe ich das Ende des Markts erreicht und schlage mich nach links in eine kleine Seitengasse, wo ich eine schmale Brücke überquere, die mich auf eine Straße führt, die wie eine Amsterdamer Gracht aussieht. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, halte mich aber nicht unnötig mit dieser Frage auf, da ich mich noch immer nicht sicher fühle und nach wie vor glaube, hinter mir Schritte zu vernehmen. Also laufe ich weiter, überquere eine weitere Brücke, danach eine zweite, die zwischen zwei Gebäuden hindurchführt.
Just in diesem Moment biegt ein Fuhrwerk um die Ecke, gezogen von zwei prächtigen schwarzen Friesen, das sofort nach der Kurve wieder beschleunigt und sich mir daraufhin mit beachtlichem Tempo nähert.
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