»Bekommst du nicht Ärger, wenn du nicht meldest, dass ich um diese Uhrzeit in deinem Bistro aufgetaucht bin? Wegen dem erweiterten Jugendschutz- und Erziehungsgesetz?«
»Ha, wer zu viele Gesetze kennt, muss sich an zu viele Regeln halten. Das Leben ist viel einfacher, wenn man es von den Paragraphen befreit.« Johann schenkte ihm ein Glas Cola ein und stellte es ihn auf seinen Tisch.
»Danke.« Term trank und dachte über Johanns Worte nach. Wie es wohl wäre als freier Mann seinen eigenen Weg zu gehen? Wenn es keine AW gäbe, die einem alle Entscheidungen abnahm. Wenn er selbst über sein Studium entscheiden würde? Ob er viel oder wenig arbeiten würde und daher viel oder wenig verdienen würde? Wenn er entscheiden würde, was er essen, wohin er reisen und welche TV-Serien er sehen könnte? Wie viel er für später sparen würde oder nicht? Hindernisse, Erfolge, Glück und Leid wären dann nicht mehr vorhersehbar.
»Ich muss aufs Klo.« Term stand auf. Das eigene Schicksal wartete auf den, der sich auf den Weg machte.
Seine Jacke schrubbte über den dicken Maschendrahtzaun. Das Quietschen vom Nylon seiner Turnschuhe auf dem Drahtgewebe war am nächsten Containerberg schon nicht mehr zu hören. Er hatte ein schlechtes Gewissen wegen Johann. Term hatte ihn nicht ausnützen wollen, aber seine Worte hatten ihn geradezu gedrängt, loszulegen. Term war aus dem Klo der Imbissbude geklettert und von dort auf den Hafenzaun gestiegen. Die Spitzen waren nicht so gefährlich, da sie hier klar zu sehen waren und er nach den sicheren Stellen greifen konnte. Auf der anderen Seite angelangt, rannte er weg vom Zaun, denn um ihn herum gab es keine Schatten.
Sehnsüchtig hetzte er zwischen zwei Containerhaufen her. Die Schatten überlappten sich wie Origami über ihm und boten ihm Schutz. Jetzt ging er langsamer. Atmete flacher, es sollte ihn ja keiner hören. Kleine Transporter fuhren zwischen den Containergassen hin und her. Die tatsächliche Arbeit verrichtete der Kran. Das gelb-angestrichene Mechanikmonster hievte die rechteckigen Container auf das Schiff. Die Mule – Terms Rettung.
Es war schwer sich an das Containerschiff heranzuarbeiten. Die Scheinwerfer wanderten den Hafen wie einen Gefängnishof ab. Eigentlich leuchteten sie den Verladungsarbeiten den Weg, aber Term fühlte sich, als hätten sich die Schweinwerfer gnadenlos auf ihn eingeschossen. Zum Glück waren wenig Menschen auf Nachtschicht. Dafür tauchten diese unerwartet und schneller auf, als Term lieb war. Wie eingefroren drückte er sich an Containerwände, wenn ihn ein Arbeiter zu nahekam oder der Schweinwerfer drohte, über ihn zu wandern. Glücklicherweise kam er voran, da niemand auf dem Gelände mit einem einzelnen Teenager rechnete. Kupfer- und Eisendiebe schon eher, aber die kamen nicht alleine.
»Die ganzen Container gehen nach Cox’s Bazar. Die dürfen auf keinen Fall auf die Mule.« Term quetschte sich zwischen zwei Wellen eines dunkelblauen Containers und traute sich nicht zu atmen. Ein Vorabeiter mit gelbem Helm und ein Hafenangestellter waren geräuschlos aus der Nacht um die Ecke eines Containers gebogen. Hätte Term sich nicht sofort herumgerissen und an den Container gedrückt, hätte er mitten in einer Containerschlucht gestanden, gut sichtbar für jeden. Die zwei Männer studierten die Scancodes der Container vor ihnen. Term hetzte weiter. Ohne zu atmen. Cox’s Bazar klang nicht wie eine echte Stadt. Es klang wie aus einem Science-Fiction-Roman. Obwohl er neugierig war, verdrängte er den exotischen Namen. Er musste die Mule erreichen.
Term setzte sich in eine finstere Ecke und atmete durch. Er hatte die Größe des Hamburger Hafens unterschätzt. Die ständige Anspannung machte die kurzen Sprints von Deckung zu Deckung extrem anstrengend. Er war sportlich, flink und hatte eine gute Kondition. Aber mit der Angst im Nacken verbrannte der Körper seine Energien schnell wie ein Buschfeuer. Aber er kam voran. Als er das Schiff zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er sich winzig wie ein Käfer gefühlt. Mittlerweile fühlte er sich so groß wie eine Maus im Vergleich zu dem Metallriesen. Das gute an kleinen Mäusen war, sie fanden auf jedes Schiff – er musste nur in den sicheren Bauch des Stahlriesen gelangen. Term fasste Mut, denn er sah schon einen von mehreren Übergängen zum Containerschiff.
Als er den Schutz der letzten Containerschlucht verließ, rannte er gebückt am Wasserrand entlang. Die Wellen im Hafen schlugen wie Hämmer gegen den grauen Beton. Niemand hatte ihn bisher entdeckt. Term keuchte und erschrak wie laut er klang. Jemand würde ihn hören. Mit einem Griff packte er das Geländer des Übergangs und schwang sich um die Ecke. Seine Schuhe krachten auf das Eisengitter. Verdammt, er würde sich auf die letzten Meter wirklich noch verraten. Aber ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er den Eingang zum Schiff sah. Es war nicht mehr als ein rechteckiges Loch in Menschengröße, das aus dem Rumpf geschnitten war. Der Eingang war völlig finster. Nichts war dahinter zu erkennen. Aber Term sah in der Finsternis Rio. Sambarasseln und das dumpfe und sanfte Aufprallen von den Füßen zweier Capoiera-Kämpfer auf dem Sand hallten ihm aus der Finsternis des Schiffes entgegen.
»Term, du bist exakt 421 km von deiner Heimatstadt entfernt. Erkläre deine unerlaubte Entfernung.« Die Stimme schnitt militärisch korrekt durch seine Hoffnung. Er hatte sich das dumpfe Aufprallen von Füßen nicht vorgestellt. Jemand war hinter ihm in Stiefeln vorgetreten.
»Ich darf überall hingehen, wo ich will. Ich bin ein freier Mensch und wir leben in einer Demo…« Term drehte sich angsterfüllt um.
»Erspar mir die Politik. Zwei relevante Fakten: Erstens, du bist noch nicht volljährig. Zweitens stehst du unter Mordverdacht und darfst dieses Land nicht verlassen.«
»Wer sagt denn, dass ich dieses Land verlassen will. Ich besuche nur den Hamburger Hafen.« Term wollte schlau und frech klingen, aber die Worte waren schwach und er wusste es.
»Das ist dumm. Du wirst dafür nicht einmal eine Antwort von mir bekommen. Versuch nicht wegzurennen, ich werde dich nicht einfangen.« Der Polizist, oder Spezialpolizist, denn er hatte unglaublich viele Waffen und Instrumente an seinem Gürtel, ging keinen Schritt auf ihn zu. Ha, sollte er sich nur so selbstbewusst aufführen. Selbstbewusst war Term auch. Er drehte ihm den Rücken zu und rannte auf den Schiffseingang zu.
»Machen Sie es gut.« Term verzichtete auf Beleidigungen, der Polizist führte nur seinen Dienst aus. Auch wenn er ihn gerade für sein Pflichtbewusstsein verfluchen wollte.
»Hier gibt es keinen Ausweg.« Aus der Dunkelheit trat ein weiterer Polizist einer Spezialeinheit hervor. Term hatte sich immer für schnell gehalten. Aber schneller als er denken konnte, befanden sich seine Arme auf dem Rücken und Handschellen legten sich kühl um seine Gelenke.
Er hatte versagt. Die Spezialpolizisten nahmen ihn in die Mitte und gingen langsam durch den Hafen zurück zum Tor. Nur einmal legte der Chef seine militärische Stimme ab, als er Term der Hamburger Polizei übergab: »Alles Gute zu deinem siebzehnten Geburtstag, Term.«
»Zermscheiße. Wie konnten Sie mich finden?«
Polizeikommissar Karl Berg war frisch rasiert. Seine bleiche Haut glänzte im Licht der Straßenlampen. Er blieb wie immer deutlich unter der Kopflehne. Term sah ihn ja gewöhnlich von der Rückbank eines Polizeiwagens. So wie heute früh, als sie aus Hamburg hinausfuhren.
Was ihn heute dagegen verwirrte, war die großbusige Brünette auf der Rückbank neben ihm. Bisher hatte sie nur geschmollt und kein Wort verloren.
»Polizeikommissar Berg, gönnen sie sich heute noch etwas Vergnügen?«
»Du dreckiger Junge«, platzte es aus ihr heraus. Weder Berg noch Term reagierten auf sie, also fand die Frau es angebracht, sich zu erklären. »Die Schönheitsgestapo hier …«
Читать дальше