»Du hast es wirklich getan. Wow.« Term fühlte sich größer, erwachsener als je zuvor, als Roland ihn lobte. »Ich wollte meinen zugeteilten alten Sack jeden Tag umbringen, aber ich wollte auch nicht ins Gefängnis gehen. Du bist einfach intelligenter. Einen wie dich können wir sehr gut gebrauchen. Schade, dass du in der AW so früh gefasst wurdest. Hättest bestimmt die NeoVivo-Station zum Stillstand gebracht. Ich habe den Polizeibericht gelesen, toll!«
»Woran arbeitet ihr hier drin?« Term steckte seine Hände in die Jackentasche. Lassia sah ihn jetzt ganz anders an. Anerkennend. Er wollte nicht, dass sie sah, wie ahnungslos er sich fühlte.
»Ich kann dir nicht alles verraten. Wir arbeiten wie eine Geheimagentenzelle. Jeder weiß nur das, was er wissen muss. Falls wir geschnappt werden … du weißt schon.«
»Logisch.«
Roland strahlte ihn für seinen Kommentar an. Er ballte beide Hände zur Faust, hob sie wie ein Sieger vor die Brust und drückte sie dann gegen Terms Brust. »Mit dir kann es losgehen. Wir haben nur auf dich gewartet. Jack hier hinten ist für die Daten, also die virtuelle Welt zuständig. Er hat ständig mehrere Spionagesoftware-Programme gleichzeitig in den großen Rechnern der Ministerien laufen. Den Grundriss des AWs hat er vor Jahren gestohlen. Mitsamt den geheimen Abteilungen. Lassia«, Roland schenkte ihr ein Lächeln warm wie eine rote Glut, »ist die Agentin. Sie kommt mit ihrem Lächeln und mädchenhaften Auftreten überall hin. Ihre Tritte sind aber alles andere als mädchenhaft. Sie bricht Knochen und zermatscht Weichteile, wenn sie will. Ha.« Alle drei nickten.
»Du? Was machst du?«
»Ich bin der Chef, der Techniker und der Mann fürs Grobe.« Rolands Grinsen wurde breiter und seine weißen Zahnreihen blitzen wie Messer. Wild entschlossen fokussierte er erst Term und dann Lassia und dann Jack. »Ich plane die Missionen. Hier in der Werkstatt baue ich uns alle notwendigen Geräte für unsere Missionen und wenn wir in Probleme geraten sollten … ich habe noch jeden Faustkampf gewonnen.« Sein letzter Satz klang kühl, wie eine Verheißung. Roland war nicht einfach überzeugt von sich, er glaubte an sich wie ein indischer Guru, der über brennende Kohlen lief.
»Leute, ich habe den Zugang gefunden«, drang Jacks Stimme aus der Ecke. Lassia huschte neugierig und aufgeregt zu ihm hinüber.
»Sieh es dir nur an.« Roland legte ihm seine Hand auf die Schulter und schob ihn zu Jack. Seine Finger lagen schwer auf Term wie eine Herausforderung. Ob er sich mit ihm anlegen würde?
Term stellte sich links von Jack hin. Gespannt blickten er und Lassia auf den Bildschirm hinab.
»Sagt euch das alte Internet noch etwas?« Jack fuhr einfach fort, ohne auf eine Bestätigung zu warten, denn er war bei seinem Lieblingsthema wie ein Sportreporter bei seinem Lieblingsteam. »Es gab Seiten nur für Videos, Seiten nur zum sozialen Austausch und Seiten nur für Bilder … unterschiedliche Anbieter, unterschiedliche Player … jedenfalls gab es da eine Website. Youtube. Da hat jeder, wirklich jeder, hochgeladen was er wollte. Mehrere hundert Jahre an Minuten bestehen nur aus Teenager, Studenten und einsamen Menschen, die in die Kamera sprechen und ihren Alltag oder das TV-Programm kommentieren. Einfach jedes Video ist dort gelandet.«
»Auch so nacktes Material«, unterbrach ihn Lassia.
»Nein. Dafür gab es eine eigene Seite. Irgendwann ging YouTube offline, als Videos nicht mehr auf einem Server oder bei einem Anbieter sein mussten. Unsere Moralwächter haben die Seite vergessen, da man nicht mehr aktiv darauf zugreifen kann. Aber …«, stolz grinste er Term an. »… der Datensatz, die alten Speicher sind physisch erhalten und ich konnte sie während einer Routinewartung anzapfen. Weißt du, mein Suchprogramm hat einfach solange vor den stillgelegten Datenbanken gewartet, bis die Wartung an der Reihe war. Das war gar nicht so einfach zu programmieren.«
»Jack-the-Crack, du bist einer der besten, keine Frage«, lobte Lassia ihn.
»Und was soll das Ganze? Die uralten Aufnahmen haben keine Multiperspektivität … man kann nicht einmal in die Aufnahme gehen und den Winkel verändern. Das ist ja wie Comics schauen.« Term hatte was wirklich Spannendes erwartet, nicht alten Datenmüll.
»Dann sieh dir das mal an.« Jack startete ein Video.
Oberkrüchtener Volksfest, Siggi geht ab . Toller Titel, dachte sich Term. Unter einem Zelt … einem sehr großen, weißen Zelt staute sich Rauch über den gelben Bierbänken. Es war schrecklich laut. Die Tonaufnahme hörte sich an wie eine Motorsäge auf höchster Stufe. Ein Junge redete in die Kamera. Es war nur »sau geil« zu verstehen. Er schnappte sich ein Bier eines betrunkenen Kumpels und exte die Hälfte. Das Bier floss an seinem Kinn herab und tropfte auf sein T-Shirt. Dann kletterte der angetrunkene Junge mit einem schiefen Blick auf eine Bierbank. Um ihn herum feuerten ihn seine Freunde an. Ein Mädchen rauchte und tanzte ausgelassen. Der Junge begann wie ein Wahnsinniger Luftgitarre zu spielen. Schweißperlen flogen von seinen Wangen, er lachte und sang wie ein Plüschhai auf Ecstasy.
»Ist das nicht irre?!«, staunte Jack wie in einem Museum, das das Alltagsleben in Westeuropa der 1970er Jahre ausstellte.
»Ja«, hauchte Lassia. »Wie sich die Jugendlichen verhalten dürfen, fremdartig.«
»Warum greift keiner ein, wenn die dort trinken? Oder rauchen? Es müsste doch längst ein Alarm ausgelöst worden sein, irgendein Sensor automatisch gefunkt haben oder eine Kamera die Bilder an die AW-Abteilung gesandt haben.« Term konnte sich gar nicht vorstellen, dass die Jugendlichen auf dem Video so ungestraft feiern konnten.
»Nein. Das war damals alles erlaubt. Mit 16 durfte man trinken und rauchen«, erklärte Jack. »Und auf Feste gehen, bei denen die Musik laut war, das Essen fettig und die Menschen unkontrolliert.«
»Das Rauchen ist mir egal. Das ist nichts für mich, auch wenn einige der Alten den Zigaretten nachtrauern. Aber wir dürfen nicht mehr als eine Flasche Bier in der Woche kaufen. Und wer das zu regelmäßig macht, bekommt Besuch vom Lebensberater.« Term verschränkte seine Arme vor der Brust.
Hinter ihnen knisterte es leise. Roland hatte sich eine Zigarette mit einem Schweißbrenner angezündet. Term verzog seine Nase. Es roch wie brennendes Heu. Genüsslich zog Roland an dem Glimmstängel.
»Woher hast dann du die Zigaretten, Roland?«
»Die sind illegal aus China.« Roland bot ihm demonstrativ die Zigarette an. Chinesische Schriftzeichen in Gold waren auf dem Papier abgedruckt. »Willst‘ auch mal? Habe ich unter der Ladentheke bekommen.«
»Nein, verlierst du damit nicht Rentenansprüche? Beim jährlichen Gesundheitsscan fliegt doch sowieso auf, ob du nachhaltig gelebt hast«, gab ihm Term zu bedenken.
Roland legte seinen Arm um Lassias Schultern und lachte ihn herzhaft aus. »Was ich nicht vorhabe anzutreten, brauche ich auch nicht einlösen. Lieber sterbe ich vorher an einer Raucherlunge.«
»Vorher fliegen deine ganzen Pläne auf«, regte sich Lassia auf. »Jeder Schluck, jede Zigarette bringt einen Minuspunkt mehr auf deinem Konto und irgendwann wird jemand von der ÖSP oder AW nachsehen. So wie bei Term hier. Das alles wegen ein paar idiotischen Zigaretten. Und stinken tun sie auch noch!« Genervt sahen sich Lassia und Roland an, sie führten diesen Streit nicht zum ersten Mal.
»Warum arbeitest du dann jetzt in dieser Werkstatt?« Term hätte nicht gedacht, dass ein Rebell, für den Roland sich ausgab, einfach so seiner Alltagsarbeit nachgehen würde.
»Weil es mir dient.« Rolands Stimmung schlug um und er sah ihn übel gelaunt an – wie ein Boxerhund aus einer zu kleinen Hundehütte. »Diese verdammten Miniwagen hier brauche ich für meine, unsere, Pläne. Dieser hier«, er trat gegen das Aluminium, so dass eine Delle zurückblieb, »war mal eine MiniHealthWagen. Da konnte man drinnen scheißen, wurde gewaschen und gleichzeitig der Blutzucker gemessen. Da liegt das Toilettensystem.« In der Ecke lag tatsächlich eine Kreuzung zwischen Bürostuhl und Toilette. Staubbedeckte Kabel und Leitungen hingen aus den Armlehnen und Sitzpolstern herab.
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