Erdogan atmete laut aus und stürzte seinen Espresso hinunter. »Wenn du älter wirst, wirst du verstehen, dass solche absoluten Aussagen sich schnell in Kompromisse auflösen. Halt einfach noch ein paar Jahre durch.« Aber Term reagierte nicht auf seine Bitte. »Ich muss weiter. Wir sehen uns.«
»Ich habe nicht vor mein Leben lang nur durchzuhalten. Mach‘s gut.« Gut gelaunt schlemmte er das regenbogenfarbene Eis hinunter und dachte über die Worte des Arztes nach: Die NeoVivo-Station wäre nicht die schaurigste Einrichtung der AW. Die Patienten dort hatten wie Zombies ausgesehen. Ihre Körper waren wie ein Flickenteppich aus gesunden und verdorrten Stücken gewesen. Term wunderte sich, wie oft sie in der Woche an die Maschinen mussten, nur um nicht zu sterben.
Neben ihm saßen zwei Chinesen, die laut lachten und eine ziemlich gute Zeit zu haben schienen. Einer war gut genährt und hatte ein sehr vorstehendes Kinn, das auf seinem flachen Gesicht wie ein Findling wirkte. Der andere Chinese hatte langes, schwarzes Haar und zwei Muttermale auf seiner rechten Wange. Das war das Schöne an dem Viertel, vielleicht würde er heute etwas über China erfahren. Als Term sie ansprach, was sie hergebracht hatte, wechselten sie auf gutes Deutsch.
»Kein Schnaps, junger Freund«, beschwerte sich der Chinese mit dem mächtigen Kinn. »Weißt du, bei uns daheim feiert man ein erfolgreiches Geschäft mit den Kollegen und Käufern mit sehr, sehr viel Schnaps.«
»Nicht ‚Kollege‘ und nicht ‚Käufer‘ sagen«, unterbrach ihn sein Geschäftspartner erschrocken.
»Oh, Entschuldigung. Hier dürfen die maskulinen Substantive nicht genutzt werden und ich muss die Passiv-Umschreibung nehmen, oder? Ich meinte … ein erfolgreiches Geschäft wird gemeinsam gefeiert?« Beide Chinesen sahen sich nachdenklich an, ob sie die Fremdsprache richtig angewandt hatten.
»Mit wem haben wir dann eigentlich gefeiert?«, kommentierte der Chinese mit den Muttermalen nachdenklich.
»Man, das ist mir sowas von egal«, unterbrach sie Term.
»Weißt du, Deutsch lernen ist ganz okay. Aber die Verbote und Regeln sind so fremd … es ist schwer euch Deutsche zu verstehen. Alle männlichen Formen sind verpönt. Wir müssen bei unseren Vertragsverhandlungen höllisch darauf aufpassen!«, führte der gut genährte Chinese aus.
»Wie damals bei den Muslimen«, warf der andere Chinese lachend ein. »Weißt du noch in Pakistan? Du hast deine Freundin geküsst und zack saßen wir ein paar Tage im Gefängnis. Ein Kuss, drei Tage Gefängnis.« Beide lachten. »Bis uns der Botschafter herausgeholt hat.«
»Ihr kommt viel in der Welt herum?«, fragte Term sie mit großen Augen.
»Ja«, der schmächtigere Chinese wirkte ganz stolz. »Wir sind wichtige Geschäftsmänner oder wie man in Deutschland sagen muss: Handelstreibende.«
»Aber nur im Plural … denn das Partizip verliert seine Genderneutralität im Singular«, lachend sprach der Chinese die Sprachregel vor, wie er sie in einer Sprachschule für Geschäftsmänner hatte lernen müssen. »Dann ist es ein böses Wort! Und böse Wörter bedeuten schlechte Geschäfte!«
»Kommt ihr denn gerne nach Deutschland?«
»Oh, ja. Geschäfte sind hier sehr, sehr gut. Wir verkaufen alles nach Deutschland: Maschinen, neueste Biotechnologie … einfach alles. Wir sind Naturwissenschaftler. Die Nummer Eins!« Stolz lachten sie Term an. »Haben wir alles von euch gelernt, aber jetzt nicht mehr. Nichts neues mehr, die deutsche Naturwissenschaft liefert keine Neuerungen mehr. Pah, mein Ausbilder war ein alter deutscher Ingenieur. Oh, der alte Mann hat laut geschimpft. Lauter als ein Chinese!« Auch das fanden sie richtig lustig.
»Warum?«, wollte Term wissen.
»Ganz einfach, Junge. Ihr Deutschen glaubt, die Naturwissenschaft ist nur eine Konstruktion, nicht echt. Ihr sagt …«, er suchte die ihm fremden Gedanken, »… der Objektivitätsanspruch der Wissenschaft ist ein versteckter … äh …« Dem Geschäftsmann halfen seine guten Deutschkenntnisse nicht: Sein Denken und die Wörter passten nicht zusammen.
» … ein verborgenes männliches Verhalten. Böses männliches Verhalten, so war es«, half ihm sein Kollege aus. »Aber mit Deutschland gibt es immer gute Geschäfte, euer Staat kauft viel von uns.«
»Stimmt es, dass man bei euch als Tourist in den Weltraum fliegen kann?« Term hatte davon gehört.
»Oh, ja, du startest einfach von Xichang aus. Zweimal die Woche, es ist traumhaft. Ich war letztes Jahr oben«, erzählte ihm der Chinese mit den Muttermalen. »Du musst mal nach China kommen, wenn du alt genug bist. Hier meine Visitenkarte. Melde dich bei mir, meine Frau und ich haben gerne Gäste aus dem Ausland. Wir gehen jetzt weiter … oder weißt du, wo man Schnaps kaufen kann?«
»Xi, das weiß doch der Junge nicht!«, ermahnte ihn sein Geschäftspartner. »Du musst Xi entschuldigen. Wir wollen die Gesetze deines Landes respektieren. Wir wissen, dass in den arabischen Staaten und bei euch Alkoholverbot herrscht. Bei einem ist es die Religion, beim anderen sind es die Gesundheitsvorschriften.«
»Als wenn das ein Unterschied wäre«, ermahnte ihn sein Kollege gut gelaunt.
»Seht ihr den Inder die Straße hinab? Fragt nach Kashmir Tandoori.«
Die Hände der Chinesen klopften ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Komm uns besuchen, bitte!« Als sie gegangen waren, um ihre Geschäfte mit gehörig Schnaps zu beschließen, wendete Term die Visitenkarte in seiner Hand. Sehr altmodisch, normalerweise wurden die Kontaktdaten elektronisch ausgetauscht. Xi Xiping, Technological Enterprises, Xi‘an.
Nachdenklich kratzte er das bunte Shave Ice aus dem Becher und zerbiss die kleinen Eiszuckerkristalle, bevor er wieder unterbrochen wurde.
»Hallo Term.« Das Mädchen mit den rabenschwarzen Haaren sah ihn freundlich an. »Wie geht es dir?«
»Stopp.« Term war heute stolz auf sich. Er hatte Dr. Bolz und die Sicherheitskräfte der AW ausgetrickst, indem er sein Armband unter Bolz‘ Behandlungstisch gelegt hatte. Er hatte sich von Erdogan nicht beirren lassen und jetzt würde er erst einmal das Geheimnis des Mädchens lüften. »Woher kennst du meinen Namen und woher weißt du, dass ich hier bin?«
»Deinen Namen habe ich aus deiner Akte.«, sagte sie ganz selbstverständlich, als würde sie persönliche Akten wie die Tageszeitung lesen. »Und hierher kommst du gerne zum Eis essen. Also habe ich die Straßenkameras an der Bus- und U-Bahn-Haltestelle überprüft und gesehen, dass du heute hier vor einer halben Stunde ausgestiegen bist.«
»Kannst du mir auch deinen Namen verraten oder erlaubt das dein Geheimagentinnen-Kodex nicht?« Sie lachte.
»Lassia.« Neugierig betrachtete sie seine Eis-Sahne Kombination. »Äußerst ungewöhnlich und ungesund. Ich bin keine Geheimagentin.«
»Glaub ich, du bist auch noch zu jung dafür.«
»Ich bin schon 17. Ich könnte mich bewerben«, verteidigte sie sich.
»Hast du aber nicht. Sonst wärst du nicht hier und würdest auf mein Eis starren.« Er schob es ihr über den Tisch zu. Als sie vorsichtig mit dem langen Löffel im gelb-blau-grünen Eis stocherte, wirkte sie wie eine normale Jugendliche. Term fühlte sich auch wie ein normaler Jugendlicher, der mit einem Mädchen Eis essen war. Als Lassia sich ihr schwarzes Haar nach hinten strich, fühlte sich das Eisessen schlagartig gar nicht mehr normal an – sondern sehr aufregend.
»Wie war dein Besuch in der AW?« Behutsam legte sie den Löffel wieder ab und schob das Eis zurück.
»Ach, der Psychiater ist ein Vollidiot. Alles, was er gemacht hat, war mich zu beschuldigen. Es war wie in einem schlecht programmierten Holoraum. Deswegen bin ich gegangen und habe mich mal umgesehen.« Da Lassia ihm gespannt folgte, fühlte er sich ermutigt, mit seinem Ausflug ein wenig anzugeben. »Weißt du, die Sicherheitsbeamten brauchen eine Weile. Sind nicht die hellsten dort. Die haben erst mal mein Armband aus dem Zimmer geholt und mussten mich dann suchen. Aber die haben da die seltsamsten Abteilungen.«
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