In unserer Gesellschaft wird das Wort Liebe als Waffe eingesetzt. Menschen hauchen sich ´ich liebe dich` ins Ohr. Sie meinen aber in Wirklichkeit, ab sofort gehörst du mir. Die Erwartungshaltungen beginnen: Du musst mir treu sein, du musst immer gut aussehen für mich, du musst mir jederzeit für Sex zur Verfügung stehen, du musst mir das Essen kochen, du musst mich versorgen, du musst mich absichern usw., usf. Das hat mit wahrer Liebe nicht das Geringste zu tun.“
Ich schaute ihn fassungslos an, weil er gerade dabei war, meine romantischen Vorstellungen von der Liebe zu zerstören. Er bemerkte meine Verwirrung und schmunzelte. Dann wurde er wieder ernst und fuhr fort.
„Wahre Liebe stellt keine Ansprüche, sie ist bedingungslos. Ein wahrer Liebender hat keine Erwartungen an die Geliebte. Er hat gelernt, allein zu sein. Das geliebte Wesen ist ein Luxus in seinem Leben. Er „braucht“ es nicht, weil er sein Leben auch alleine gestalten kann und er das Alleinsein, das mit dem All-eins-sein, kennen und lieben gelernt hat. Ohne diese wesentliche Voraussetzung kann es keine bedingungslose Liebe geben. Erst dann genießt der Liebende alles, was ihm von der Geliebten geschenkt wird. Ohne es jemals zu fordern oder als selbstverständlich vorauszusetzen.
Wahre Liebe ist niemals begrenzt, sie braucht absolute Freiheit. Wenn der Geliebten ein anderer Mensch begegnet und sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt, sie der Blitzschlag, der „Coup de Foudre“, trifft, muss sie frei sein, ihren Partner verlassen und sofort gehen zu können. Es gibt diese Geschichte von einem Ehepaar, das abends vor dem Fernseher sitzt. Es klingelt. Sie geht zur Tür und öffnet. Draußen steht ein junger Mann. „Entschuldigung, ich habe mich in der Tür geirrt“, sagt er und schaut sie fasziniert an. Sie mustert ihn ebenfalls von Kopf bis Fuß. Dann lächelt sie ihn an. „Warte einen Moment, ich komme gleich“, sagt sie zu ihm. Sie geht ins Schlafzimmer und packt einen Koffer. „Was machst du Liebling?“ ruft ihr Mann. „Vor der Tür steht die Liebe meines Lebens. Ich verlasse dich jetzt, um mit ihm zu gehen“, erwidert sie. Wenn der Ehemann sie wirklich liebt, lässt er sie ohne Groll weiter ziehen. Er ist ihr dankbar für jede Sekunde ihres Lebens, die sie ihm geschenkt hat, und wünscht ihr für die Zukunft alles Glück dieser Welt.“
Mein Lehrer machte eine kleine Pause, um einen Schluck Kaffee zu trinken. Meine Fassungslosigkeit wuchs. Was sagte er gerade? Ich sollte Charlotte einfach weiter ziehen lassen, wenn sie sich in jemand anders verliebte? Was sollte das denn?
Er schien meine unausgesprochene Frage gehört zu haben.
„Wahre Liebe ist nie als Beziehung möglich, sondern nur als Gemütszustand. Wenn man liebevoll ist, dann ist man es immer. Man knipst sie nicht an und aus, wenn man mit der Geliebten zusammen ist oder sie verlässt. Sie ist ein Phänomen, Uwe. Je mehr wir verschenken, desto größer wird unser Vorrat. Sie ist im Überfluss in uns vorhanden und hat kein Verfallsdatum.
Wahre Liebe ist nicht wählerisch. Es ist vollkommen egal, wen oder was man liebt. Das können Gleichgeschlechtliche, Tiere oder sogar Pflanzen sein. In dem Film ´Léon der Profi`, der zwar voller Gewalt, aber in Wirklichkeit ein großartiger Liebesfilm ist, schleppt der Auftragsmörder immer eine Pflanze mit sich herum, die er wie seinen Augapfel hütet, obwohl dieses Gewächs niemals blüht. Als ein von den Killern ihrer Eltern verfolgtes Mädchen bei ihm Schutz sucht, verliebt er sich in sie. Er opfert schließlich sein Leben, um für sie ihre ermordeten Eltern zu rächen.
Wenn man wirklich liebt, muss man bereit sein, für den Geliebten zu sterben. Das heißt nicht nur physisch. Man muss sein Ego auflösen und aufgeben, sonst ist Liebe unmöglich. Egoistische Liebe bedeutet das Ende jeder Freiheit. Sie wird zu einem Gefängnis. Im besten Fall zu einem goldenen Käfig, in dem eine Frau wie eine gefangene Lerche ihre traurigen Lieder singt. Oder weniger romantisch ausgedrückt, in dem eine unzufriedene Frau ihrem Mann mit ihrer ständigen schlechten Laune das Leben zur Hölle macht. Von Zuneigung, Zärtlichkeit und Leidenschaft bleibt dann nichts mehr übrig. Eine egoistische Liebe ist keine wirkliche Liebe. Sie ist, wie der Name sagt, Teil des Egos. Und das Ego verlangt immer nach Ruhm und Macht, weil es sich bestätigt sehen will. Deshalb kann eine solche Liebe nur gewalttätig, eine Art von Krieg sein. Ehe- oder Beziehungspartner lieben einander nicht mehr. Sie sind zu Feinden geworden. Sie kämpfen ununterbrochen miteinander. Wenn sie zwischen zwei Gefechten eine Pause machen, denken sie, das sei Liebe. Aber das ist nur ein Waffenstillstand. Diese Atempause vor der nächsten Schlacht, die alle als Liebe bezeichnen, ist nicht Liebe. Das ist nur eine Pause zwischen zwei Kämpfen.“
Unwillkürlich dachte ich an die Ehe meiner Eltern. Ihre vielen Streits, wenn mein Vater wegen irgendwelcher Kleinigkeiten unzufrieden mit meiner Mutter gewesen war. Irgendwann hatte meine Mutter aufgegeben und einfach geschwiegen, wenn er wieder einmal schlecht gelaunt von einem Geschäftsmeeting heimgekommen und wegen des Essens genörgelt hatte. Ich hatte ihren unterdrückten Zorn immer gespürt, den sie durch viel Stricken und ihre Handarbeiten ausgeglichen hatte.
Selbst als kleiner Junge war mir aufgefallen, wie selten meine Eltern sich zärtlich berührten oder sich mit strahlenden Augen angelächelt hatten. Ich wusste genau, dass die scheinbare Harmonie zwischen ihren Konflikten sehr trügerisch war.
Mein Lehrer biss in sein Kuchenstück und kaute genießerisch. Dann nahm er einen großen Schluck Kaffee aus seiner Tasse und fuhr fort.
„Die bedingungslose Liebe der vierten Ebene ist ein Gemütszustand. Das heißt, Du bist voller Liebe oder du bist es nicht. Es ist wie mit der Gesundheit. Wenn du gesund bist, bist du vierundzwanzig Stunden gesund. Du kannst nicht dreiundzwanzig Stunden gesund und eine Stunde krank sein. Gesundheit ist keine Beziehung, sie braucht keinen Partner, sondern ist ein Zustand deines Seins. Wahre Liebe bedarf ebenfalls keiner Beziehung zwischen zwei Personen. Sage ich zu einer Frau, dass ich nur sie liebe, hieße das, dass ich keine Liebe empfinde, wenn sie nicht da ist. Also bin ich nur dann liebevoll, wenn sie mit mir zusammen ist. Das ist nicht möglich. Man kann nicht einen Moment lieben und im nächsten nicht. Aber genau das verlangt die egoistische Liebe.
Wenn du liebevoll bist, bist du es immer. Und nicht nur zu Menschen, sondern allem gegenüber. Nur wenn du diesen Zustand erreicht hast, bist du zu einer glücklichen Partnerschaft ohne Aggressionen in der Lage. Ein egoistisch liebender Mensch kann sogar eifersüchtig werden auf ein Tier oder eine Pflanze. In seinem Wahn kann er das Tier, die Pflanze und dich umbringen. Deshalb ist diese egoistische Liebe der dritten Ebene sehr gefährlich. Deine wahre, bedingungslose Liebe hingegen strömt auch zu Tieren und Pflanzen. Selbst wenn du allein bist, wenn niemand da ist, bist du liebevoll.
Es ist wie das Atmen. Schwöre ich meiner Frau, nur zu atmen, wenn sie bei mir ist, bedeutet das meinen Tod. In der Ehe oder einer Beziehung wird aber erwartet, dass man genau das macht. Man darf kein liebevoller Mensch sein. Man soll nur noch seine Frau lieben. Diese permanente Unterdrückung seines stärksten Gefühls macht jeden Menschen ungeheuer aggressiv. Er fängt an, seinen Partner zu hassen. Nur aus Gewohnheit bleibt man zusammen. Das ist der Wahnsinn der Ehe. Aber wenn man die Freiheit hat, zu lieben und liebevoll zu sein, egal zu wem und zu was, dann wird man einen Sinn fürs Wohlbefinden, eine positive Gelöstheit und Gelassenheit entwickeln. Die Träume werden zu Poesie. Egal wo man ist, ist man vom Flair der Liebe umgeben.“
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