Aber ich hatte Bedenken, weil ich nicht zu dieser Elite gehörte. Das Fach Mathematik interessierte nicht besonders. Ich hielt es für überflüssig, die Fülle des Lebens auf Zahlenspiele und abstrakte Formeln zu reduzieren. Was brachte es mir, wenn ich dank mathematischer Gleichungen berechnen konnte, wie schnell ein Apfel von fünfzig Gramm aus zwei Metern Höhe zu Boden fällt? Es steigerte meinen sinnlichen Genuss nicht im Geringsten, wenn ich das Volumen und die Größe von Charlottes makellosen Brüsten bestimmen würde. Um mein logisches Denkvermögen zu schulen, zog ich Latein vor. Ich beteiligte mich sehr selten am Mathematikunterricht und erzielte nur durchschnittliche Noten bei unseren Klassenarbeiten. Diese Einladung war also nicht wegen meiner guten Leistungen erfolgt. Der Grund war wahrscheinlich die Szene mit Pedro, die er beobachtet hatte. Vermutlich wollte er versuchen, mich doch noch umzustimmen. Aber es würde ihm nicht gelingen, mich zu einer Anzeige gegen den Umtam zu bewegen.
„Das größte Schwein im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“
Das war eine Maxime, die mein Opa mir beigebracht hatte. Von der würde ich keinen Millimeter abweichen. Andererseits war es nicht meine Art, vor einer Herausforderung davon zu laufen.
„Vielen Dank, ich komme sehr gerne zu Ihnen“, erwiderte ich gepresst. Trotz meines Unbehagens lächelte ich ihn freundlich an, bevor ich zu meinem wartenden Freund zurück ging.
Der sah mich erstaunt an, als ich ihm von der Einladung berichtete.
„Hast du eine Ahnung, was er von dir will?“
„Nein, ich lass mich überraschen“, antwortete ich. Auf einmal hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl im Magen.
Pünktlich um vier Uhr läutete ich an der Klingel des Mehrfamilienhauses, in dem mein Mathematiklehrer eine kleine Wohnung bewohnte. Er öffnete mir und begrüßte mich sehr freundlich. Im Gegensatz zu seinem sonst üblichen Sacco mit Krawatte trug er eine legere blaue Strickjacke und karierte Filzpantoffeln. Die warmherzige Begrüßung und sein gemütliches Outfit beruhigten mich etwas. Trotzdem war ich nach wie vor auf eine Androhung von Repressalien gefasst, wenn ich seinem Wunsch nach einer Anzeige gegen Pedro nicht nachkäme.
Er führte mich ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch des mit Antiquitäten geschmackvoll eingerichteten Raumes hatte seine Frau einen selbstgebackenen Gugelhupf mit zwei Kaffeetassen und Tellern platziert. Zwischen ihnen standen ein Strauß frischer Schnittblumen und eine brennende Kerze. Das liebevolle Arrangement irritierte mich. Immer noch erwartete ich eine heftige Auseinandersetzung. Um meine Anspannung zu überspielen, nahm ich mir ein Kuchenstück. Während ich genussvoll auf dem in der Tat köstlichen Kuchen kaute, sah mich mein Gastgeber nachdenklich an.
„Uwe, ich habe Sie heute eingeladen, weil ich mich mit Ihnen über ihre schulischen Leistungen unterhalten möchte. Mir ist aufgefallen, dass Sie seit einiger Zeit sehr abwesend während des Unterrichts sind. Ich weiß, dass Mathematik nicht Ihr Lieblingsfach ist. Aber früher haben Sie sich wenigstens ab und zu am Unterricht beteiligt. Auch meine Kollegen haben mir berichtet, dass Sie in ihrem Unterricht merkwürdig passiv geworden sind und nur noch zum Fenster hinaus starren. Sie sind ein sehr intelligenter Junge und Sie könnten ein exzellentes Abitur machen, das Ihnen viele Studienmöglichkeiten und sogar Stipendien im Ausland ermöglichen würde. Das setzen Sie gerade aufs Spiel. Ihr Notendurchschnitt ist im letzten Quartal um durchschnittlich eine Note gesunken wie Sie wissen. Zufällig habe ich Sie vor ein paar Tagen mit einer sehr hübschen Blondine gesehen, mit der sie händchenhaltend im Wald spazieren gingen. Ist sie der Grund für ihr komplettes Desinteresse an allem Schulischen und Ihrem Leistungsabfall?“
Überrascht atmete ich tief ein, verschluckte mich an den Kuchenbröseln und musste husten. Ich fühlte, wie ich puterrot anlief. Selbst meine Ohren schienen zu glühen. Ich hatte keine Ahnung, was ich antworten sollte. Mit so einem Vortrag hatte ich nicht gerechnet. Gottseidank konnte ich wegen des Hustenanfalls sowieso nicht sprechen.
Mein Mathematiklehrer stand auf und klopfte mir auf den Rücken. Ich räusperte mich und mein Hals wurde frei. Er setzte sich wieder und lächelte mich freundlich an.
„Ich wollte Sie nicht erschrecken, Uwe. Entschuldigen sie bitte.“
Er sah mir direkt in die Augen.
„Sie denken, sie zu lieben, nicht wahr?“
Ich sah ihn mit großen Augen an.
„Was kommt denn jetzt? Will er mich aushorchen, um ein Druckmittel in die Hand zu bekommen?“, fragte ich mich misstrauisch.
Dann verwarf ich den Gedanken und beschloss, ihm zu vertrauen. Ich nickte.
„Wie heißt sie?“
„Charlotte.“
„Ein schöner Name. Passt zu ihr. Sie ist eine Schönheit, wie ich gesehen habe.“
Er beugte sich vor und legte seine Hand auf meine Schulter. Unvermittelt ging er zum „du“ über.
„Du meinst also, sie zu lieben. Nun, Liebe ist ein großes Wort. Die meisten benutzen es leichtfertig, ohne eine Ahnung zu haben, was es bedeutet. Ich will versuchen, dir etwas Grundlegendes zu erklären. Hier auf der Erde gibt es nur vier Ebenen, auf denen ein Mensch seine Erfahrungen machen und sich entwickeln kann. Auf der untersten Ebene geht es um Fortpflanzung, ein Dach über dem Kopf zu haben und seine Familie zu ernähren. Damit sind etwa 70% der Menschen beschäftigt. Die zweite Ebene ist die Ebene der Macht. Dort tummeln sich z.B. die Politiker. Die dritte ist die der egoistischen, der bedingten Liebe, mit der sich alle auseinander setzen müssen, wenn sie eine Beziehung oder Ehe eingehen. Die vierte Ebene ist die der bedingungslosen Liebe. Nur etwa fünf Prozent der Menschen befinden sich bewusstseinsmäßig auf dieser, der Rest ist auf den drei anderen unterwegs. Im Lauf deines Lebens wirst du lernen, die Menschen danach zu beurteilen, auf welcher Ebene sie sich befinden. Hast du eine Ahnung, was den Unterschied zwischen der egoistischen der dritten und der bedingungslosen Liebe der vierten Ebene ausmacht?“ fragte er mich. Ich dachte angestrengt nach, aber mir fiel keine passende Antwort ein. Verlegen schüttelte ich den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
„Das muss dir nicht peinlich sein. Die Antwort auf diese Frage kennen nicht viele. In der Theorie scheint es ganz einfach zu sein: Die egoistische Liebe der dritten Ebene wird zu einem Vertrag zwischen Geschäftspartnern, der durch die Eheschließung besiegelt wird. Es war nur konsequent, dass die arrangierte Ehe bis ins letzte Jahrhundert üblich war. Diese von den Eltern abgesprochenen Verbindungen hielten übrigens länger als die auf der sogenannten romantischer Liebe basierenden. In Indien sind sie heute noch üblich. Mit der Hochzeit entstehen gegenseitige Erwartungen, die der andere zu erfüllen hat. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob nicht einer der Gründe für das in der katholischen Kirche praktizierte Zölibat ist, dass die alten Äbte und Kirchenfürsten erkannt hatten, dass jede Ehe der Tod der Liebe ist. Sie wollten nicht, dass die Kirchendiener so lieblos werden wie Ehemänner, deren Liebe auf ihre Frau und Kinder begrenzt ist und die allen anderen Menschen nur Gleichgültigkeit entgegen bringen. In der Ehe hat jeder Gatte seine genau festgelegten Aufgaben. Es führt automatisch zu Konflikten, wenn einer der Ehepartner diese Pflichten verletzt. Selbst der kleinste Ausbruchsversuch kann zu einem Zusammenbruch des gesamten Systems führen. Stell dir vor, was passieren würde, wenn ein Bauer und seine Knechte abends hungrig von der Arbeit kommen und die Bäuerin und ihre Mägde haben kein Abendessen zubereitet, weil sie einen Ausflug unternommen haben.
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