Er reichte mir seine Hand. Ich nahm sie und schüttelte sie kurz. Sie fühlte sich weich und schwammig an. Die Berührung war mir unangenehm. Wie der ganze Typ. Ich wollte nur noch schnell weg von ihm. Doch dann fiel mir etwas ein. War nicht mein Motto: Wenn dir das Leben einen Misthaufen vor die Tür kippt, dünge damit deinen Garten? Pedro war ein großer und übler Misthaufen, das stand fest. Aber vielleicht konnte er mir sogar nützlich sein.
„Sag mal, wie nahe stehst du Anika wirklich?“ fragte ich ihn.
„Sehr nahe. Ich bin so etwas wie ein großer Bruder und Beichtvater für sie. Sie erzählt mir alle ihre Probleme. Sie vertraut mir. Du hast Recht gehabt. Vermutlich hätte ich dieses Vertrauen aufs Spiel gesetzt, wenn ich dich vorhin verprügelt hätte.“
Ich beschloss, mit der Tür ins Haus zu fallen.
„Ich habe da ein großes Problem, bei dem du mir helfen könntest. Vorhin habe ich bei meiner Verlobten geleugnet, mit Anika im Bett gewesen zu sein. Sie glaubt mir nicht so ganz. Wir sind am Samstag bei Beate zu ihrer Party eingeladen. Anika kommt auch. Kannst du Anika fragen, ob sie Charlotte erklären kann, dass wir nie etwas miteinander hatten und ihre Schwester gelogen hat?“
Pedro sah mich nachdenklich an. Dann grinste er verschlagen.
„Ich bin auch zu der Party eingeladen und komme mit Anika zusammen. Wenn ich dabei bin, dürfte es kein Problem sein, dass sie mit Charlotte redet. Aber unter einer Bedingung: Du lässt ab sofort die Finger von ihr und wirst dich nie wieder mit ihr treffen. Dann bringe ich sie dazu, das zu machen.“
Diesmal streckte ich ihm meine Hand entgegen. Er ergriff sie.
„Abgemacht!“
In dem Moment trat mein Mathematiklehrer aus der Toilettentür. Er runzelte missbilligend die Stirn.
„Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, murmelte er und ging ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen zurück ins Lehrerzimmer.
In der nächsten Stunde hatte ich Französisch. Das Thema war „Candide“ von Voltaire. Seine zynische Antwort auf die steile These von Leibniz, dass wir auf diesem Planeten in der „besten aller Welten“ leben. Gemäß dem deutschen Philosophen gibt es keine Zufälle. Alle Ereignisse unterliegen dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Alles ist deswegen bestens geregelt. Voltaire macht sich darüber lustig, indem er den Philosophen Pangloss, den Lehrer von Candide, in seinem Roman unter anderem erklären lässt, dass wir eine Nase haben, damit wir eine Brille tragen können. Voltaires Helden, die Bewohner eines kleinen Schlosses in Westfalen, werden in Kriegswirren von einer brutalen Soldateska überfallen. Die Frauen werden vergewaltigt und die Männer getötet oder schwer verletzt. Nachdem das Schlösschen geschliffen und dem Erdboden gleich gemacht wurde, werden die Überlebenden des Überfalls über den ganzen Erdball verstreut. Candide, wie der Name symbolisiert eine reine und unschuldige Seele, entgeht dem Gemetzel nur, weil er wenige Tage vor der Vernichtung des Schlosses seine geliebte Kunigunde küsste, die Tochter des Barons. Dabei wird er von ihrem Vater beobachtet und von ihm mit Fußtritten davon gejagt. Daraufhin reist er mit seinem Lehrer Pangloss durch Europa und Südamerika, um seine geliebte Kunigunde wieder zu finden. Der Anhänger von Leibniz findet auch die größten Gräuel bestens, weil er immer irgendeinen abstrusen Sinn hinein interpretiert. Auf seiner jahrelangen Odyssee widerfahren Candide alle erdenklichen Unglücke: Er wird gefoltert, ausgepeitscht und zum Tode verurteilt. Vor seiner Hinrichtung wird er zwar gerettet, erlebt aber immer wieder neue Schicksalsschläge. Auf allen Kontinenten trifft Candide Menschen, die ihm von unmenschlichen Qualen berichten, die sie erlebt haben. Eines Tages trifft er den Manichäer Martin, der die Welt in Licht und Dunkelheit einteilt und ein energischer Gegner von Leibniz´ Thesen ist. Candide fragt ihn, warum dieser Planet überhaupt geschaffen wurde, wenn es auf ihm so grausam zugehe.
„Um uns zu Tode zu plagen“, antwortet Martin. „Ich wollte mich schon hunderte Male umbringen, um diesem Leben zu entgehen. Das nichts als Unglück, Krankheit und Bestrafung für uns bereit hält. Aber ich liebte mein Leben. Diese lächerliche Schwäche ist eine unserer fatalsten Charaktereigenschaften. Ist etwas absurder, als der Wunsch, kontinuierlich eine Last zu tragen, die man jederzeit abwerfen kann? Die Existenz zu verachten und doch an ihr fest zu halten? Anders ausgedrückt: die Schlange zu streicheln, die uns allmählich verschlingt, bis sie am Ende unser Herz verspeist hat?“
Ich sah durchaus Parallelen zwischen Candides Erfahrungen und meinen eigenen der letzten Tage. Allerdings war ich nicht mit Fußtritten, sondern mit Gewehrschüssen aus den Armen einer Geliebten verjagt, am ganzen Körper geschunden und auch noch mit einem Messer bedroht worden. Meine Orgie mit Beate und Anika wurde verraten und ich musste eine Lügengeschichte konstruieren, um mich aus der Schlinge zu ziehen. Das alles nur, weil ich leidenschaftlichen Sex gehabt hatte und die Frau, die mich angeblich liebte, deswegen ausflippte.
„Warum ist Charlotte nicht einfach froh darüber, dass ich auch ohne sie eine glückliche Zeit hatte? Wieso erwartet sie eigentlich, dass ich ausschließlich sie lieben soll?“ fragte ich mich irritiert. Was sollte dieser egoistische Besitzanspruch? Offensichtlich wünschte sie sich wo etwas wie einen auf Liebe programmierten Roboter, der ausschließlich und für den Rest seines Lebens nur sie liebte. Der war ich mit Sicherheit nicht. Was sollten die Eifersucht und Aggressionen von ihr und diesem unglücklichen Pedro? Waren diese negativen Gefühle, die zu Ohrfeigen und einer Verletzung an meinem Hals geführt hatten, tatsächlich die Schattenseiten von etwas so wundervollem wie der Liebe? Wenn etwas so Großartiges wie dieses einzigartige Gefühl derart hässliche Begleiterscheinungen hat, wie sieht es dann überhaupt mit dem Leben auf der Erde aus, fragte ich mich. Hatte Voltaire Recht, dass dieser Planet nur erschaffen wurde, um uns zu Tode zu plagen? Oder doch Leibniz, der behauptete, dass wir in der besten aller Welten leben? Gibt es wegen des Gesetzes von Ursache und Wirkung keine Zufälle, sondern sind wir für alles, was uns widerfährt, selbst verantwortlich? Gibt es tatsächlich so etwas wie Schuld und Sühne? Oder ist alles vorherbestimmt, was uns widerfährt? Damit wir genau fest gelegte Erfahrungen machen können, die uns in der Entwicklung der Seele, unseres wahren Selbst, vervollkommnen? Was entscheidet über den Verlauf unseres Lebens: Unser Wille oder die Determination? Das Rad des Schicksals, das gemäß dem spätantiken Philosophen Boethius ständig sinkt und steigt? Ich konnte diese großen Fragen längst noch nicht beantworten. Aber eins stand fest: Mein Schicksalsrad war gerade dabei zu sinken. Die durch unsere harmlose Orgie in Gang gesetzten Entwicklungen steuerten auf ihre dramatischen Höhepunkte zu.
Kapitel 9: Ein denkwürdiger Nachmittag
Während der nächsten Unterrichtspause hatte mein Mathematiklehrer Aufsicht auf dem Schulhof. Als ich mit einem Freund an ihm vorbeispazierte, winkte er mich zu sich.
„Uwe, ich möchte, dass Sie mich heute Nachmittag bei mir zu Hause besuchen. Können Sie um sechzehn Uhr bei mir sein? Es gibt auch Kaffee und dazu selbstgebackenen Kuchen meiner Frau.“
Ich sah ihn misstrauisch an. Es war einerseits eine Auszeichnung, von ihm eingeladen zu werden. Nur den besten Schülern seines Unterrichts war diese Ehre bisher zuteil geworden. Sie alle hatten hinterher immer in den höchsten Tönen von seiner Gastfreundschaft, Liebenswürdigkeit und den Weisheiten geschwärmt, die er ihnen mit auf den Weg gegeben hatte. Auch den exzellenten Kuchen seiner Frau hatten sie in den höchsten Tönen gelobt.
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