Doch mich beschäftigte noch etwas ganz anderes: Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, welche meiner Gespielinnen sich mit diesem potthässlichen und schrägen Vogel eingelassen haben könnte. Verwirrt sah ich ihn an.
„Von wem sprichst du? Mit welcher Freundin von dir soll ich es getrieben haben?“
„Mit Anika, meiner großen Liebe.“
Jetzt war ich wirklich fassungslos. Dieser unansehnliche, schmierige, asoziale Säufer und die bildschöne Anika sollten ein Paar sein? Das konnte ich nicht glauben.
„Moment mal. Sie hat mir kein Sterbenswörtchen davon gesagt, dass sie mit dir zusammen ist. Ich habe es auch von niemand anderem gehört. Woher sollte ich es also wissen? Seit wann geht ihr denn miteinander?“
„Na ja, so richtig geht sie nicht mit mir. Ich war auch noch nie mit ihr im Bett. Aber sie weiß genau, was ich für sie empfinde“, sagte er leise. Dabei sah er mich mit dem Blick eines geprügelten Hundes an. Unwillkürlich musste ich an Quasimodo denken, den verunstalteten Glöckner von Notre Dame, der seine schöne Esmeralda so unglücklich und verhängnisvoll liebte. Trotz seines heimtückischen Angriffs und meines blutenden Halses tat er mir auf einmal leid. Seine sehr intime Enthüllung machte ihn mir fast sympathisch. Ich bekam Mitleid mit ihm und sah ihn verständnisvoll an, als er fortfuhr.
„Heute Morgen im Zug hat sie mir erzählt, dass sie sich in dich verliebt hat. Sie ist todunglücklich, weil sie weiß, dass du verlobt bist.“
Plötzlich veränderte sich sein leidender Gesichtsausdruck.
„Genau deswegen bin ich hier. Weil du Hund sie unglücklich gemacht hast. Niemand verletzt die Frau, die ich liebe. Deshalb habe ich beschlossen, dich mir vorzunehmen“, fauchte er mich an. Alle Sensibilität war aus seinen Zügen verschwunden. In seinen Augen glitzerten Wut und Mordlust. Tatsächlich hob er seine Messerhand und schob die Messerspitze bedrohlich auf meinen Hals zu.
Ich witterte eine Chance, die Situation zu entschärfen. Der Typ war gefährlich, aber sehr sensibel. Er nahm seine Gefühle sehr ernst. Vermutlich auch die seiner Angebeteten.
„Weiß Anika von deiner Aktion hier? Was meinst du, wie sie reagiert, wenn sie erfährt, was du mir angetan hast? Ausgerechnet mir, in den sie verliebt ist? Was genau bringt es dir also, wenn du mich jetzt mit deinem Messer verletzt? Meinst du wirklich, dadurch ihre Liebe gewinnen zu können? Ich bezweifle das. Im Gegenteil. Ich bin sicher, sie wird dich dafür hassen, dass du wegen ihrer dir anvertrauten Gefühle mich verletzt hast. Sie wird sich schuldig fühlen, weil sie dir davon erzählt hat. Nie wieder wird sie ihre Probleme mit dir besprechen. Vermutlich wird sie sich von dir völlig zurück ziehen.“
Ich sah, wie es in ihm arbeitete. Er zögerte und ließ das Messer sinken. Ich dachte schon, ich hätte ihn überzeugt. Aber plötzlich lächelte er brutal und sah mich tückisch an.
„Kein schlechter Versuch. Du bist nicht dumm. Kann wirklich sein, dass sie sauer ist. Vielleicht sieht sie aber auch den weißen Ritter in mir, der sie beschützt und rächt, wenn sie verletzt wird. Wer weiß schon, wie Frauen reagieren? Außerdem macht es mir einfach Spaß, dir deine hübsche Visage zu polieren.“
Auf einmal hatte ich die Schnauze voll von dem Theater. Ich wurde wütend.
„Wenn es dir was bringt, dann stich doch zu“, forderte ich ihn auf. Mit beiden Händen ergriff ich sein dickes Handgelenk und führte mir das Messer an die Kehle. „Mir ist es egal. Ich habe heute sowieso schon Prügel wegen Anika bekommen. Ihre verrückte Schwester Maria hat meiner Verlobten von unserer Affäre erzählt. Daraufhin ist Charlotte schnurstracks zu unserer Schule gelaufen und hat auf mich gewartet. Sie hat mir ein paar gewaltige Ohrfeigen verpasst.“
Er grinste boshaft.
„Das gefällt mir. Das hast du mehr als verdient. Aber das ist noch lange nicht genug. Ich werde da noch was draufsetzen. Doch dazu brauche ich kein Messer.“
Tatsächlich klappte er das Stilett zusammen und schob es in seine Hosentasche. Dann nahm er die Fäuste hoch und kam in Boxerstellung geduckt auf mich zu.
Mir war klar, dass er ernst machen und mich zusammen schlagen wollte. Ich überlegte blitzschnell. Es gab nur eine Möglichkeit ihm zu entkommen: Bevor er zum ersten Schlag ausholte, würde ich ihm mit aller Kraft zwischen seine Beine treten. Wenn er sich zusammenkrümmte, würde ich so schnell wie möglich aus der Toilette rennen.
Bevor ich meinen Plan in die Tat umsetzen konnte, wurde die Tür zu dem Toilettenraum geöffnet. Mein Klassenlehrer trat ein. Ein sehr sanftmütiger und gutherziger Mann, der uns in Mathematik unterrichtete. Wenn ein Schüler eine komplizierte Aufgabe löste, belohnte er ihn mit einem Bonbon. Für ihn war sein gutes Verhältnis zu seinen Schülern das Wichtigste. Gegenseitiges Vertrauen war ihm heilig. Es war uns bekannt, dass er es nie verzieh, wenn er belogen wurde. Alle seine Schüler hielten sich an dieses ungeschriebene Gesetz. Wir mochten und respektierten ihn. Mit einer Ausnahme: Pedro. Der prinzipiell aufsässige Bursche hatte mit diversen Bosheiten immer wieder versucht, den sensiblen Feingeist zum Gespött seiner Klasse zu machen und seine Autorität zu untergraben. Einmal hatte er einen betrunkenen Saufkumpan mit zum Unterricht gebracht und ihn dem gutgläubigen Lehrer als englischen Austauschschüler vorgestellt. Nach dem Unterricht wurde er von Kollegen aufgeklärt. Seitdem war Pedro menschlich für ihn erledigt und er verabscheute ihn. Er erfasste die Situation mit einem Blick.
„Pedro, Sie erbärmlicher Idiot, lassen Sie sofort den Uwe in Ruhe. Was sind Sie für ein armseliger Feigling, sich immer an körperlich Unterlegene zu vergreifen? Uwe, Sie bluten am Hals, hat er Sie verletzt? Wollen Sie ihn wegen Körperverletzung anzeigen? Ich mache Ihnen gerne den Zeugen. Er kommt vor Gericht und wird wieder verurteilt. Hoffentlich landet er im Knast. Dann sind wir dieses asoziale Subjekt endlich los!“
Sein gutmütiges Gesicht war rot vor Zorn. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt. Pedro ließ langsam die Fäuste sinken und lächelte spöttisch. Er war schon zu oft mit aufgebrachtem Lehrpersonal konfrontiert gewesen, als dass ihn das beeindrucken konnte. Solche Situationen waren für ihn Routine. Sein Vater, der Direktor eines großen Konzerns war, hatte ihn jedes Mal von gewieften Anwälten heraus pauken lassen. Doch diesmal war es anders. Ich hatte gehört, dass er bei seinem letzten Verfahren wegen Körperverletzung eine Haftstrafe auf Bewährung erhalten hatte. Eine weitere Anklage könnte ihn also tatsächlich ins Gefängnis bringen. Anscheinend fiel ihm das auch gerade ein. Sein spöttisches Grinsen erlosch schlagartig. Mit einem flehenden Blick sah er mich an.
Ich verstand.
„Nein, nein, Sie irren sich. Ich … ich habe mir einen Pickel aufgekratzt. Deswegen blute ich. Pedro will mir nichts tun. Er erteilt mir gerade Boxunterricht. Das machen wir immer in den Pausen“, sagte ich schnell. Der erfahrene Lehrer sah mich zweifelnd an. Dann zuckte er mit den Achseln.
„Ganz wie Sie meinen. Hoffentlich bereuen Sie nicht eines Tages diese Aussage.“
Mit immer noch hochrotem Kopf betrat er eine der Toilettenkabinen. Pedro und ich verließen den Raum. Vor der Tür legte er seine Pranke auf meine Schulter.
„Danke, das war sehr nett von dir. Du hättest mir große Schwierigkeiten bereiten können. Das werde ich dir nicht vergessen. Du hast etwas gut bei mir.“
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