D iese Gespräche halten durch Emilias Kopf, als ob sie diese belauscht hätte. Ihre Lieder flatterten und langsam öffnete sie ihre schokobraunen Augen. Es dauerte eine Weile bis sie sich an das viele Weiß in dem Zimmer gewöhnten. Ihr war wohlig und warm zumute. Sie lag in einem kuscheligen, weichen Bett. In einem hübschen, weißen Zimmer. Ein paar Geräte neben ihrem Bett piepsten. Alles hier war so steril.
Ein Krankenhauszimmer, dachte sie, stützte sich auf die Ellenbogen und richtete sich auf.
Die Tür öffnete sich und ein Mädchen, kaum älter als dreiundzwanzig kam herein. Sie trug eine typische Krankenschwesternkluft.
„Oh gut, du bist endlich aufgewacht.“ sagte sie freundlich. „Ich gebe schnell deinen Eltern Bescheid. Die werden sich freuen, das war eine ziemlich starke Dosis. Du hast fast zwei Tage geschlafen.“ Und ohne weitere Erklärung ging sie auch schon wieder.
Wenig später traten auch schon ihre Mutter Leatrice, dicht gefolgt von ihrem Vater Henrik, ein. Emilia entging nicht der Bluterguss auf der Wange ihres Vaters… die Rangelei mit Mel’s Vater hatte Spuren hinterlassen.
„Mum, was ist hier los, wo bin ich?“ Kein Hallo, Emilia schoss gleich mit den Fragen heraus. Ihre Eltern tauschten einen langen Blick aus, bevor Leatrice zu sprechen begann. Sehr bedacht, als würde sie sich im Zimmer einer Sterbenden befinden.
„Emilia… Schatz. Du weißt wir wollen nur das Beste für dich.“
Der Anfang dieses Gespräches schmeckte Emilia schon mal gar nicht.
„Es ist so, wir machen uns große Sorgen um dich… „
„Hier wollen dir alle nur helfen!“ warf ihr Vater dazwischen.
„Spuckt es schon aus!“ sagte Emilia die langsam die Geduld verlor.
„Emilia, wir sin hier in der Kutar Hona-“
Kutar Hona! Das war ein Schock. Dieser Ort war nur für eines bekannt.
„- Nervenheilanstalt“ beendete ihre Mutter den Satz und griff nach Emilias Händen.
„Nervenheilanstalt“ wiederholte Emilia ruhig.
„Fürs Erste!“ sagte Ihr Vater rasch, „sie wollen erstmals ein paar Tests machen.“
Ihre Mutter wollte tröstend ihre Hände drücken, doch Emilia zog diese einfach weg.
„Tests? Wofür?“
Ihre Eltern sahen sich zögerlich an.
„Emilia, wir glauben, dass du krank bist und die Menschen hier wollen nichts anderes als dir helfen.“
„Ihr glaubt ich bin verrückt.“ Sagte Emilia. „Ihr glaubt, ich hätte Mel tatsächlich getötet, dass ich eine Psychopathin bin. Ihr glaubt mir nicht“ sagte sie hohl.
„Und jetzt verschleppt ihr mich einfach in ein Irrenhaus ans andere Ende des Landes!“ brüllte sie ihre Eltern in Rage an.
„Emilia-“ setzte ihr Vater an.
„Ich will nach Hause! Bringt mich hier raus!“ schrie sie dazwischen. Sie war so dermaßen wütend und enttäuscht von ihren Eltern. Nicht einmal sie-
„Wir können nicht“ sagte ihr Vater gefasst und unterbrach ihre Brüller. Bestimmt fuhr er fort: „Das Gericht hat diese Einweisung angefordert, und wir wollen auch nicht, nicht wenn du tatsächlich krank bist Schatz. Denk darüber nach, es könnte doch möglich sein… und wir wollen dich nicht verlieren.“
Emilia blickte schwer atmend vom einen zum anderen. Sie glaubten ihr nicht und sie wusste nicht, wie sie sich überzeugen lassen konnten. War es möglich? War sie vielleicht doch verrückt? Sie schüttelte den Kopf, das konnte einfach nicht sein, sie wusste was sie gesehen hatte- oder nicht?
„Leg dich hin Liebes, du musst dich ein wenig beruhigen.“ Widerstrebend ließ sie sich von ihrer Mutter zurück ins Bett drücken.
„Wir werden bald wieder nach dir sehen.“ Verabschiedete sie sich mit einem Kuss auf die Stirn. Emilia würdigte ihre Eltern partout keines Blickes mehr und schließlich gingen sie seufzend hinaus.
Emilia lag kraftlos da, während sie an die Decke starrte und sich selbstbemitleidete. Wie war sie nur in so eine Situation geraten? Es war so ungerecht, dass ihr nicht eine Menschenseele glauben wollte. Tja ja… keine gute Tat bleibt ungestraft.
Irgendwann hatte sie wieder so viel Wut im Bauch, dass sie nicht mehr ruhig daliegen konnte. Sie sprang auf, schubste die Decke beiseite und tigerte mit geballten Fäusten durch ihr Zimmer. Bis ihr die Reisetasche auf dem Tisch beim Fenster auffiel.
Energisch riss sie das Gepäcksstück auf und grummelte vor sich hin. Sie hoffte, dass ihre Mutter wenigstens einen MP3 Player oder so hineingepackt hatte. Achtlos schmiss sie den Inhalt durch die Gegend, während sie suchte. Als sie nicht fündig wurde, ließ sie sich säuerlich wieder aufs Bett fallen. Sie hatte sich auf die Jacke gelegt, die sie vorher aus dem Rucksack geschmissen hatte.
Übellaunig zog sie sie weg, dabei viel ein Zettel aus der Jackentasche. Automatisch griff sie danach und zog das Stück Papier auseinander. Emilia hielt schlagartig inne und betrachtete den weißen Fetzen.
Niemand wollte ihr glauben, niemand den sie kannte oder dem sie nahe stand... Vielleicht würde ihr jemand glauben, der ihr eben nicht nahestand. Jemand, bei dem selbst oft die Wahrheit angezweifelt wurde und dem man auch mit Misstrauen begegnet.
Emilia umschloss den Zettel mit ihrer Faust. Sie hatte kein Handy in ihrem Rucksack. Ein Smartphone stand einer unter mordverdacht stehenden und eventuell Verrückten nicht zu. Daher ging sie gleich zur Tür. Sie hatte Glück, die Krankenschwester war nachlässig gewesen, denn die sie war nicht verschlossen.
Sachte betätigte sie die Klinke und schob die Tür einen Spalt breit auf um sicher zu gehen, dass die Luft rein war. Sie sah und hörte niemanden, also schlüpfte sie schnell hinaus auf den grell beleuchteten Gang. Sie betete, dass jetzt niemand vorbeikommen würde, denn verstecken konnte sie sich in dem kalten Gang nirgends.
Irgendwo musste sie doch eines finden!
Als sie um die Ecke schlich wurde sie fündig. Die Glastür zu einem Büro war nur leicht angelehnt und drinnen befand sich gerade niemand. Sofort huschte Emilia hinein, schnappte sich das gesuchte Telefon vom Tisch und ließ sich unter den Schreibtisch sinken.
Ihre Hände waren schwitzig als sie den Zettel wieder glattstrich. Sie las die Ziffern kurz ab und wählte dann die Nummer von Darren Newcorn.
Es klingelte… und klingelte. Es fühlte sich an als würde es zehn Stunden klingeln bis sie endlich ein Klicken in der Leitung hörte. Jemand hob ab. Aber es war nicht Darren sondern nur die Mailbox. Emilia stöhnte innerlich auf.
Der Pieps ertönte und signalisierte, dass sie eine Nachricht hinterlassen konnte. Sie wollte schon auflegen, überlegte es sich dann aber kurzer Hand anders.
„Darren, hallo… Ich bin’s Emilia. Ähm, ich wollte nur…“ sie stockte, was wollte sie eigentlich? Einem Jungen, den sie kaum kannte ihre Seele ausschütten?!
„Weißt du, die sperren mich hier ein und…“ versuchte sie es noch einmal.
„Ich… vergiss es- mach’s gut.“ sagte sie und drückte den Hörer nieder.
Keine Ahnung was sie eigentlich vorgehabt hatte, ihn anzurufen hätte schließlich auch nichts geändert. Sie hatte sich nur so sehr jemanden gewünscht der ihr glaubte… aber dabei an Darren Newcorn zu denken war bescheuert.
Ihr lief es kalt und schaurig den Rücken hinab als seine grausamen, dunklen Augen in ihren Gedanken aufblitzten. Eine echt schlechte Idee.
In solchen Situationen hätte sie am liebsten mit Mel geredete, doch das würde sie nie mehr können… nicht daran denken, mahnte sie sich selbst, sonst würde sie wieder ihren toten blutigen Körper…
Gerede echote in das Büro herein. Irgendwelche Leute, vermutlich Krankenschwestern oder Ärzte, waren im Anmarsch. Hastig kroch sie unter dem Tisch hervor und wollte schon hinauslaufen, als sie ein Foto von sich auf dem Schreibtisch bemerkte. Stutzig sah sie sich das genauer an. Ihr Foto prangte auf dem Titelbild einer zwei Tage alten Zeitung und darüber las sie die schockierende Titelüberschrift: „Traum-Mörder-Mädchen – kaltblütiges Massaker an der besten Freundin.“
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