1 ...7 8 9 11 12 13 ...24 „Heey-“, Sari grinste überaus erfreut, „Du sorgst dich um mich!“
Diese voreilige Feststellung überrumpelte Lyze so sehr, dass er zunächst keinen klaren Satz heraus brachte, „W- i-“, ehe er den Kopf schüttelte, „Das ist eine Anweisung von oben! Im Gesetz steht-“
„Jajaja, Bürokraten-Zeugs. Schon klar.“
Der Halbengel war zwischen vier weißen Säulen stehengeblieben und Sari tat es ihm gleich. Überraschenderweise glitten sie abrupt durch den weißen Boden hindurch. Beeindruckt von dem, was sie sah, stand ihr der Mund offen: sie schwebten innerhalb der gelben Lichtsäule, durch die Wolken hindurch, in luftiger Höhe dem Boden entgegen. Höhenangst durfte man dabei keine haben.
Hatte Sari auch nicht. Sie hatte eher die Angst, dass ihr bis zu den Schenkel reichendes Kleid hoch geblasen wurde – und so hielt sie es mit beiden Händen fest, trotz weißer Strumpfhose.
„Hör zu, Sari.“, beim Blick über die scheinbar endlose Steppe begann der Halbengel zu reden: „Auf dem Boden Desterals bist du auf dich allein gestellt. Ich konnte aushandeln, dich im kontrollierten Gebiet, nahe des Dorfes Sincila zu entlassen. Bitte suche dieses auf und verlasse es nicht vor dem nächsten Morgen.“
„Das wird mir nicht schwer fallen... ich bin so müde vom Tag.“
„Hast du ein paar Nima bei dir?“
„Ni- was?“, bei ihrem fragendem Blick griff Lyze seufzend in seine lederne Umhängetasche. „Nima. Das ist Zahlungsmittel in Desteral. Ohne Geld wirst du dir kein Zimmer leisten können.“
Gerade als Sari fragen wollte, wie sie denn ein Zimmer bezahlen konnte, drückte er ihr zwei Nima in die Hand. „Hier. Das sollte für eine Nacht reichen.“
„Lyze- du- du gibst mir dein Geld...?“
„Das- das ist nicht der Rede wert...“
Sie nickte überaus dankbar, ehe sie die zwei goldenen Münzen in der Tasche ihres Kleides verschwinden ließ. „Dankeschön... und für morgen werde ich sicher einen Weg finden. Das weiß ich!“
Nun, optimistisch war die junge Frau. Ob das auch reichte? Jedenfalls brachte sie Lyze zum Schmunzeln.
Als sie im kniehohen Gras zu Boden kamen, blickte Sari den Lichtstrahl hinauf, durch den sie gekommen waren. Als dann Lyze zu ihr sah, fasste sie sich an den Nacken. Was sagte man bei einem Abschied, ohne dass es lächerlich klang?
„Ich wünsche dir alles Gute für deine Reise.“, dabei streckte der Halbengel Sari die Hand entgegen.
Zögerlich griff sie nach ihr, versuchte, die Mundwinkel hinauf zu ziehen: „Das wünsche ich dir auch – ehm, dass du einen ruhigen Dienst hast... und deine Schwester wiederfindest.“
Nun sah er, schwach lächelnd, von ihr weg, „Das wäre schön...“, und zog seine Hand zurück. Sari wartete noch, bis er in der Lichtsäule stand. Sie winkte ihm nach, ehe sie sich im Gehen umdrehte.
Es ist gut so. Alles läuft nach Plan, so Lyzes Gedanke. Seine Füße hoben vom kniehohen Gras ab und er schwebte die Lichtsäule hinauf. Sie war nur eine in Gewahrsam genommene Person gewesen. Es gab keine seltsamen Ereignisse oder nicht mitgeteilte Informationen. Der Halbengel hatte alle Mühe, sich diese Sätze immer wieder einzureden – immerhin würde er für den Rest seiner Dienstzeit darüber schweigen. Und wer weiß – eines Tages gibt es vielleicht ein Wiedersehen. Wenn der Krieg ein Ende gefunden haben wird und sich Desterals tiefe Narben langsam verschwinden. Man konnte nur hoffen, dass alles gut gehen wird. Für das Land und Sari.
Was...?
Eine Frau schlich sich hinterrücks an Sari an. Eine Frau mit ledrigen Flügeln und zielstrebenden Gang. Wo kam sie her? Wie lange lauerte sie ihr bereits auf?
„Saaari!“, mit lauter Stimme versuchte Lyze, sie zu warnen – doch Sari hörte ihn nicht. Zu hoch schwebte er bereits, zu weit war die Distanz. Sie und die fremde Frau wirkten wie Ameisen auf vollkommen flacher Ebene. Lyze knirschte mit den Zähnen: sollte er springen? Seine Flügel aus Licht trugen ihn mit Sicherheit, doch verließ er damit seine vorgegebene Route. Seinen Dienst. Er müsste – mal wieder – viele Formulare ausfüllen, um sein Vorgehen zu erklären.
So näherte sich die fremde Frau mit schnellem Schritt, zückte einen... Ring? Und drückte diesen Sari in den Rücken: Funken entsprangen, schienen sie völlig unter Strom zu setzen.
Vergiss die Formulare, höchste Zeit zu handeln!
Mit einem Ruck sprang Lyze aus der Lichtsäule und breitete zeitgleich seine hellgelben Schwingen aus.
Vom Stromschlag geschockt, verlor Sari das Gleichgewicht, ehe sie auf die Knie sank und schließlich im Gras lag. Was war gerade geschehen? Wer-?
„Das war für Piov und Utah!“, die weibliche Stimme schluchzte regelrecht. Endlich trat sie vor Saris Blickfeld, sodass sie Lydia identifizieren konnte.
Lydia...
Wie gern wollte Sari den Kopf schütteln. Ihr sagen, dass sie keine Schuld am Tod ihrer Kameraden trug. Sie verspürte Mitleid für die emotional verletzte Dämonin, so öffnete sie den Mund: doch kamen keine Worte. Auch wenn ihre Gedanken wollten, so war ihr Körper vom Stromschlag regelrecht gelähmt, sodass nicht ein Laut von Sari zu hören war.
„Fünfundvierzig Männer sind gestorben! Alles wegen dir!“, sie trat langsam auf Sari zu, „Es ist alles deine Schuld! Aber jetzt reicht es. Nun werde ich auf Nummer sicher gehen!“, als sie ihre Hand erhob, formte sich der Ring zu einer Art Peitsche – erneut aus purer Energie. Sari kannte diese Technologie nicht, doch drückte sie ihre Augen fest zusammen, einzig schützend vor dem drohenden Schlag.
Lydia hatte die Hand bereits geschwungen, da riss sie Lyze zur Seite – noch bevor die Peitsche Sari berühren konnte. Während Lydia am Boden lag, rollte er sich ab, um anschließend wieder zu stehen. Sari war natürlich heilfroh, dass er umgekehrt war, um sie zu retten.
Nun völlig aus dem Konzept gebracht, richtete sich Lydia vom Boden auf. Ihre Zorn erfüllten Augen entdeckten Lyze, gleichzeitig mit der Gewissheit, dass er einer der Engel war.
„Du...“, fauchend wurde ihr Ring erneut zu einer energetischen Peitsche. Sie lief, übermannt von ihrer Wut, direkt auf Lyze zu und schwang ihre Waffe. Mithilfe seiner Flügel schaffte er einen schnellen Schritt zur Seite und manifestierte sein Lichtschwert in der Hand. Es war seltsam, aber er hatte plötzlich so ein Gefühl, welches ihn daran hinderte, Lydia die Klinge hineinzurammen. So stieß er mit dem Griff in ihre Hüfte, worauf sie auf ihre Knie fiel.
Ein Blick zu Saris besorgter Miene verriet, woher sein Gefühl kam.
Er seufzte tief, während seine Waffe verschwand. Wieso achtete er bloß auf ihre Gefühle? Immerhin wollte die Dämonin sie ausschalten, um eine unproblematische Entführung auszuführen.
Sari war ihm nach dem ganzen Geschehen jedenfalls eine Erklärung schuldig.
So lief Lyze zu der menschlichen Frau und rüttelte an ihr: „Sari – kannst du aufstehen?“
Ein einfaches Schweigen genügte, um eine Verneinung auszudrücken.
„Großartig...“, als ob sie ihm nicht schon genug Schwierigkeiten bereitet hätte, zog er sie hoch und versuchte sie für eine Flucht zu stützen. Dass Sari die Augen aufriss, weil Lydia sich vom Schlag erholt hatte, bekam er dabei nicht mit.
Erst, als ihm die energetische Peitsche nach einem ungeschickt ausgeführten Schlag am Bein erwischte und zu Boden zog, ließ er Sari fallen. Er biss dabei die Zähne vor Schmerzen zusammen.
„Engel, Engel, Engel! Immer mischt ihr euch ein! Immer müsst ihr eingreifen!“, Lydia schlug erneut zu, sodass Lyze aufschrie, „Ich hab' die Nase so voll von euch beiden!“
Beim dritten Schlag rollte er sich zur Seite, trat mit dem Fuß aus und warf Lydia zu Boden. Mitleid hin oder her, die dämonische Frau war verrückt – Lyze musste ihr irgendwie den Ring abnehmen. So war er über sie gebeugt, drückte ihr einen Arm zu Boden und versuchte den Ring abzuziehen. Unerwartet schlug Lydia mit ihren ledrigen Flügeln nach ihm aus. So sprang Lyze nach hinten, um zu verhindern, noch einmal am Boden zu landen. „Was willst du von Sari?!“
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