Jeden Tag Fleisch auf dem Tisch, fand ich auch nicht wirklich optimal. Komplett vegetarisch zu kochen, hätte allerdings Ruby gen Hungertod getrieben.
Wie ich auch überlegte, es ging einfach nicht, ohne Abstriche. Und die hatte jetzt nun einmal meine Brut zu machen. Mein knallharter Egoismus beschloss, es würde den Nudelauflauf geben, den ich als Kind schon liebte. Ohne Soße. Nur mit Fleischwurst, frischen Tomatenstücken, Champignons, Butter und viel Parmesankäse.
Ich persönlich könnte mich in dem Auflauf wälzen, kopfüber hinein tauchen, rückwärts darin schwimmen und ihn viermal die Woche essen.
Theoretisch sollte auch für meine Kinder etwas dabei sein. Für Till Käse, Elly Tomaten und Ruby Fleischwurst. Perfekt!
Kaum stand der Nudelauflauf auf dem Tisch, verzog Till angewidert den Mund.
Ich versuchte es lächelnd zu ignorieren.
Eine kurze Ansage, mit hoffentlich ausreichend Autorität in meiner Stimme, dies sei eine Mahlzeit, kein Rattengift und ich erwarte, dass alle essen und zumindest so tun, als schade es ihnen nicht.
Die Kröten rissen bereits, während ich Portionen auf die Teller schaufelte, entsetzt die Augen auf.
Pilze - Mutter wagte es, Pilze auf ihre Teller zu packen!
Kaum hatte ich allen guten Appetit gewünscht, sah ich aus den Augenwinkeln, wie Elly Till den Ellenbogen in die Seite hieb. Ihr Flüstern war gar nicht so leise, wie sie vielleicht erhoffte und so vernahm ich „Meine Pilze gegen Deine Tomaten?“
Unter dem Tisch dealten sie nun Stück für Stück, starrten mich dabei an und hofften, ich sah nicht, was dort passierte.
Ruby schob die Unterlippe vor. Das würde sie auf keinen Fall essen. Eben wegen der Tomaten und Pilze nicht.
Joe seufzte hörbar.
„Dann gib sie eben mir.“
„Aber nur, wenn ich dafür Deine Wurst kriege!“ antwortete sie bockig.
Bevor ich noch sagen konnte, dass sie ihren Vater ganz sicher nicht erpressen würde, dann eben auf Pilzen und Tomaten sitzen bliebe, aber sich auch nur mit den eigenen Wurststücken zufrieden stellen müsste, gab mein Mann – wie immer, wenn es um seine kleinen Prinzessinnen ging, die er exquisit zu verziehen wusste – auf.
Ich warf ihm einen stechenden Blick zu und er zuckte lediglich verzweifelt mit den Schultern. Ihm bliebe die Wurst im Halse stecken, wüsste er, dass die Kurze hungerte.
Welch Theatralik!
Aus seinem Mund klang es fast, als bekämen die Kinder nichts zu essen und er würde ihnen schmatzend etwas vor kauen, während sie sabbernd zusehen müssten.
Wenigstens Malte schaufelte leidenschaftlich und mit verklärtem Blick, den Nudelauflauf so in sich hinein, wie er auf seinem Teller lag.
Ein schwacher Trost und frustrierend, wenn ich an die Arbeit dachte, der ich mich täglich in der Küche stellte, um meine unzufriedene Meute satt zu bekommen.
Dennoch wurden alle zumindest satt, stellte ich erstaunt fest.
Mein Nudelauflauf war also ganz sicher nicht eine ihrer Leibspeisen – abgesehen für Malte, vielleicht.
Aber insgesamt plünderte niemand in der Stunde nach dem Mahl, auf anderen Wegen die Küche.
Ich beschloss, auch wenn die Brut, bei Vorwarnung, Appetitlosigkeit vortäuschen könnte, nun öfter den Nudelauflauf zu machen.
Umbenannt natürlich. In Tauschbörse!
Unabhängig vom Alter der Kinder, wenn sie ihr erstes Handy bekommen, kann man zweifelsohne behaupten, bricht eine neue Epoche für Eltern an, die man wohl durchaus mit einem Levelaufstieg und höheren Herausforderungen betrachten kann. Und dies selbst dann, wenn sie, durch ältere Kinder, bereits an Erfahrungen sammeln konnten, denn neben zunehmenden technischen Erweiterungen, verändern sich ja auch die Konditionen der Telekommunikationsanbieter. Auch wenn ich einräumen muss, dass ich über viele Anpassungen sehr dankbar bin.
Angefangen hat es damals bei Jemma, unserer Ältesten. Wir überlegten sehr lange, ob es nicht noch etwas früh sei, ihr mit dreizehn das erste Handy zu kaufen, denn, man mag es heute kaum glauben, wir gehörten noch zu einer Generation, die in Handys eine nette Spielerei sah, die einem teilweise wenige neue Freiräume bot, aber ansonsten nicht wirklich notwendig war. So etwas heute zu sagen, würde Entsetzen in die Gesichter der Gegenüber schlagen. Vor allem auch die der Eltern und deren erste Frage wäre sicherlich: „Das geht doch gar nicht, so ohne Handy! Wenn etwas passiert, die Kinder sich verlaufen und abgeholt werden müssen oder sie in Gefahren geraten, wo sie Hilfe rufen müssen!?“
Auch, wenn ich es ungern zugebe, aber genau solche Argumente schießen mir, mit jedem meiner Kinder, das in ein Alter kommt, wo wir überlegen, ihm ein Handy zu kaufen, selbst als erstes in den Kopf. Was wenn unser Kind uns braucht und nichts hat, um uns zu kontaktieren?
Erinnere ich mich zurück, an meine Kindheit und Jugend, muss ich aber auch eingestehen, dass wir ebenfalls eine Generation waren, die nicht um ihre Population zu fürchten hatte, weil wir vom Aussterben durch Verlaufen oder nicht von den Eltern abgeholt zu werden dezimiert wurden. Wir lernten unseren Ort schon als Kinder kennen, kannten Straßennamen, wussten, welche Gasse wohin führt und allein schon aus der Tatsache heraus, dass wir unsere Schulwege noch laufen mussten, gingen wir freiwillig die kürzesten und sicher beleuchteten Strecken. Es wäre uns nicht im Traum eingefallen, wie leider einigen meiner kleinen Brutergebnissen, über dunkle, einsame Wege zu schleichen, mit dem Argument, eine gute Taschenlampe am Handy zu haben.
Verabredungen? Davon hatten wir unzählige. Jeden Tag. Und das ganz ohne Handy!
Wir sprachen uns im Vorfeld ab oder marschierten einfach zu den Freunden, um bei den Eltern zu klingeln und zu fragen, ob ihr Spross Zeit habe.
Und da kommen wir eben auf die notwendige Fähigkeit der Sprache, beziehungsweise, diese auch einzusetzen. Beobachte ich heutige Generationen an Jugendlichen, frage ich mich manchmal, wozu wir unseren Kleinen das Sprechen überhaupt beibrachten. Spätestens mit dem ersten Handy, kommunizieren sie doch ohnehin nur noch zu 90% über bildliche Ausdrucksweisen der Emojis. Auch dann, wenn sie direkt nebeneinander sitzen.
Ich erlebte einmal, wie eine meiner Töchter, mit der besten Freundin, über eine Stunde, stumm, Seite an Seite auf den Stufen vor dem Haus saß. Wie hypnotisiert starrten sie auf ihre Handy, tippten wild darauf herum, kicherten manchmal verhalten, um dann irgendwann aufzustehen und sich zuzuwinken. Die Freundin ging, meine Tochter kam ins Haus und dann legte sie los, was ihre Freundin ihr so alles erzählt habe.
Erzählt? Die beiden hatten doch die ganze Zeit kein einziges Wort miteinander gesprochen!?
Miteinander zu spielen, hat, seit meiner Kindheit, auch eine neue Bedeutung bekommen. Hieß spielen , in unserer Zeit noch, unter körperlichem Einsatz, rennen, toben und gestikulieren, mit den Freunden zu kommunizieren, sitzen unsere Kinder heute mit den Handys nebeneinander, verbinden sich über eine Spiele-App und agieren wortlos und wie am restlichen Körper gelähmt, nur noch über das kleine Wunderwerk der Technik.
So viel häufiger, als früher, lese und höre ich heute von Kindern, die Verhaltensauffälligkeiten haben, emotionalen Kontrollverlust, Einschränkungen im Sozialverhalten und die als extrem impulsiv beschrieben werden. Sehe ich diese Kinder, mit einem Handy in der Hand, würde ich den Zustand eher als komatös wirkend bezeichnen.Aber ich bin nur eine Mutter. Eine nichts wissende beurteilungsunfähige Mutter, die keine medizinischen oder psychologischen Studienfächer abgeschlossen hat. Von daher sind meine Ableitungen, zwischen zunehmend zu beobachtenden Sozialverhaltensstörungen und Überflutung an technischen Errungenschaften, auch in Bereichen der elektronischen Kommunikation, ohnehin nicht ernst zu nehmen.
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