„Mami, darf ich in den Stall? Ich möchte Wirbelwind sagen, dass alles in Ordnung ist. Sie macht sich sicher Sorgen um mich. Vielleicht hat Kasi Lust mitzukommen und mir beim Füttern zu helfen.“
„Mach das, aber komm nicht auf die Idee zu reiten. Bring sie nachher auf die Koppel, da kann sie sich austoben.“
„Ich verstehe das nicht, Johannes. Wenn niemand unseren Wald betreten kann, wie kann dann jemand dort Knallfrösche werfen und warum?“
„Ich kann dir darauf keine Antwort geben, aber wir müssen es rausfinden. Ich hoffe nur, dass es niemand direkt auf Juno abgesehen hat.“
„Ich werde mit Kassandra sprechen, vielleicht weiß sie oder Aurora mehr.“
„Mach das, mein Schatz. Ich bringe die Zwillinge ins Bett und sehe dann nach Kasi und Juno.“
„Was meinst du Kassandra? Wie passt das alles zusammen? Hat es jemand auf Juno abgesehen? Hat Aurora dir was gesagt?“
„Maria, bitte beruhige dich. Ich habe mit Aurora direkt nach dem Unfall gesprochen. Sie konnte ihn leider nicht verhindern und das tut ihr leid. Aber dass das jemand mit Absicht verursacht haben soll, höre ich zum ersten Mal. Ich werde Augen und Ohren offenhalten.“
„Danke, Kassandra. Meinst du, ich könnte selbst mit ihr sprechen?“
„Juno, was ist los? Tut dir deine Hand noch weh?“ Das Mädchen hatte sich an Wirbelwind gekuschelt, doch Kasi sah ihre Tränen.
„Nein, meiner Hand geht es gut. Ich bin nur wütend auf mich selbst. Hätte ich besser aufgepasst, wäre ich nicht runtergefallen. Jetzt darf ich wochenlang nicht reiten und dass Mama und Papa mich danach wieder aufs Pony lassen, glaube ich nicht. Was, wenn sie mir Wirbelwind wegnehmen?“ Kasi schüttelte den Kopf.
„Das würden Mama und Papa niemals machen. Sie wollen, dass du glücklich bist. Du wirst sehen, sobald dein Gips ab ist, darfst du wieder reiten.“
„Und was soll ich bis dahin machen? Ich möchte nicht den ganzen Sommer zu Hause bleiben. Ich kann nicht schwimmen gehen, oder sonst was machen.“
„Keine Angst, dann passe ich eben auf dich auf. Wir werden viel Spaß haben.“
„Na toll, meine Babyschwester als Nanny, genau das habe ich gebraucht.“
„Du bist gemein. Ich bin kein Baby. Du bist nur zufällig zwei Jahre älter als ich.“
„Ach lass mich doch in Ruhe. Du hast keine Ahnung, wie es ist, wenn man bald in die Schule kommt, du Zwerg.“ Kasi trafen Junos Worte mitten ins Herz.
„Du bist so fies, ich hasse dich. Ich habe keine große Schwester mehr“, schrie sie und raste aus dem Stall.
„Wie kann Juno nur so gemein sein“, dachte die Kleine und rannte, bis sie kaum noch Luft bekam. So hatten sie sich noch nie gestritten.
„Juno, da bist du ja wieder. Ist mit Wirbelwind alles ok?“
„Ja Mami, ihr geht es gut. Aber ich vermisse es zu reiten. Darf ich irgendwann wieder mit ihr raus?“
„Natürlich darfst du das. Ich weiß doch, wie wichtig dir das Reiten ist. Aber vorher muss dein Arm heilen.“
„Dann hatte Kasi recht? Ich dachte, du lässt mich nach dem Unfall nie wieder aufs Pony.“
„Wie kommst du denn darauf? Ich werde mir natürlich immer Sorgen um dich machen, das ist ganz normal, aber es hätte keinen Sinn, dir das zu verbieten. Du bist eine sehr gute Reiterin und Wirbelwind ein liebes Pony. Es war nicht eure Schuld, dass du gestürzt bist. Der Knallfrosch hat den Unfall verursacht, oder die Person, die ihn geworfen hat. Das ist unverzeihlich.“
„Oh nein. Nora, hast du das gehört? Sie wird uns nie verzeihen. Wir haben es vermasselt. Dabei wollte ich mich entschuldigen.“
„Mach dir keinen Stress, Verena, du wirst schon noch deine Gelegenheit bekommen. Lass uns jetzt hier verschwinden, bevor sie uns entdecken.“
„Und wo willst du hin? Lass uns mit dem Chef reden. Wenn wir ehrlich sind, wird er bestimmt eine Lösung finden und wir bekommen keinen Ärger.“
„Spinnst du? Komm mit, ich habe eine Idee.“
„Was für eine? Warte auf mich.“
„Nora, was willst du hier? Diese Höhle hat uns schon genug Probleme bereitet.“
„Schau mal da rüber. Wer ist das da auf dem Stein?“
„Das ist Kasi. Die mittlere Tochter von Maria. Wir haben sie schon mal gesehen, bevor wir Juno gefolgt sind. Sie sieht traurig aus.“
„Los, lass uns rüber gehen und mit ihr reden. Vielleicht können wir ihr helfen und dann mit ihrer Mutter sprechen.“
„Hallo, wer bist du denn und warum weinst du?“, fragte Nora. Das Mädchen zuckte zusammen.
„Ich heiße Kassandra, aber alle nennen mich Kasi. Wer seid ihr denn?“
„Also ich heiße Nora und das ist meine beste Freundin Verena. Was ist los mit dir?“
„Ich habe mich mit meiner großen Schwester gestritten. Sie hat sich den Arm gebrochen und deswegen schlechte Laune. Sie hat mich als Baby bezeichnet und als Zwerg. Dabei ist sie nicht viel älter als ich.“ Nora nahm sie in den Arm.
„Oje, ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe auch eine große Schwester. Immer behandeln sie einen wie Babys und sagen einem, was man tun und lassen soll. Hast du noch mehr Geschwister?“
„Ja, einen Bruder und eine Schwester. Sie heißen Laura und Lucas, sie sind Zwillinge, aber noch ganz klein. Sie werden bald zwei.“
„Sollen wir dich nach Hause bringen? Deine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen um dich und bald wird es dunkel“, erkundigte sich Verena.
„Nein! Auf keinen Fall. Ich gehe nie wieder nach Hause. Meine Schwester hasst mich und außerdem bin ich schon groß und komme allein klar.“
„Da hast du recht. Aber hier draußen wird es kalt. Komm doch mit uns mit, wir leben auch ohne unsere Eltern“, erklärte Nora. Verena sah sie verwirrt von der Seite an. Was redete ihre Freundin da? Wo wollte sie mit der Kleinen hin?
„Ja gerne. Wo wohnt ihr denn? Ist das weit von hier?“, fragte Kasi.
„Nein ist es nicht. Wir müssen durch die Höhle durch.“
„Bitte entschuldige uns einen Moment. Wir sind gleich wieder bei dir.“ Verena zog Nora einige Meter weiter.
„Kannst du mir mal erklären, was das werden soll?“
„Mensch Verena, denk nach. Die Kleine will nicht nach Hause und wir können sie nicht hierlassen. Wir retten sie also. Dafür wird Maria uns so dankbar sein, dass sie uns verzeiht. Los komm jetzt.“
„Sekunde, wo willst du mit ihr hin? Wir können sie schließlich nicht mit nach oben nehmen.“
„Keine Sorge. Im Gegensatz zu dir habe ich aufgepasst, als es darum ging irreale Welten zu erschaffen. Wir führen sie tief in die Höhle rein und verschwinden dann auf eine Zwischenebene. Für Kasi wird es so aussehen, als ob wir in einem coolen Baumhaus leben.“ Verena schluckte. Sie hielt das alles für keine gute Idee.
„Nein, das ist eine Entführung. Das geht nicht. Lass sie uns nach Hause bringen.“ Nora lachte schallend auf.
„Wo hast du denn so einen Quatsch her? Entführer fesseln ihre Opfer und verlangen Lösegeld. Wir wollen sie einfach nur beschützen, wie sich das für Schutzengel gehört. Na, komm. Kasi wartet schon ewig.“
„Alles klar, Kasi. Wir können los. Aber du musst uns versprechen, dass du nie jemandem von unserem Versteck erzählst, ok?“
Die Kleine nickte. Endlich behandelte man sie wie das große Mädchen, das sie war. Sie hatte ein Geheimnis, dass sonst niemand in ihrer Familie kannte.
„Juno? Juno! Da bist du ja. Sag mal, hast du Kasi gesehen“, fragte Maria.
„Nein Mami. Schon seit einer Weile nicht mehr. Sie hat mich vorhin im Stall angebrüllt, dass ich gemein wäre, sie mich hasst und keine große Schwester mehr hat. Seitdem habe ich von ihr nichts mehr gesehen und gehört. Ich dachte, sie wäre in ihrem Zimmer und schmollt.“
„Moment mal, Juno. Jetzt ganz langsam. Was ist genau passiert? Auf diese Art streitet ihr doch sonst nicht.“
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