„Juno! Juno, was ist passiert? Hörst du mich? Juno?“ Vorsichtig strich Maria ihrer Tochter mit zitternder Hand eine Strähne aus der Stirn. Tränen liefen ihr über das Gesicht und sie bekam keine Luft mehr. Ihr Herz raste und die Welt schien still zu stehen. Maria hatte das Gefühl, dass Stunden vergingen, bevor sie die Sirenen des Krankenwagens hörte.
„Was ist passiert“, fragte der Notarzt. Maria hatte einen dicken Kloß im Hals. Sie konnte nicht sprechen.
„Das ist Juno, sie ist sechs Jahre alt und sie ist von ihrem Pony gefallen. Seit dem ist sie bewusstlos. Ich bin ihre Patentante und das ist ihre Mutter.“ Sie deutete auf Maria. Der Notarzt fing an, das Mädchen zu untersuchen.
„Sie hat sich das linke Handgelenk gebrochen und eine Gehirnerschütterung, ansonsten kann ich keine Verletzungen feststellen. Wir nehmen sie mit ins Krankenhaus und röntgen sie, danach wissen wir mehr. Möchten sie mitfahren?“ Maria nickte wie in Trance.
„Ich gehe zu dir nach Hause und übernehme die Kinder, dann kann Johannes gleich nachkommen.“ Maria stieg in den Rettungswagen. Wenig später kam ihr Mann aufgeregt in die Klinik gerannt.
„Konntest du schon mit einem Arzt sprechen?“ Maria schüttelte den Kopf und er nahm sie in den Arm. In dem Moment kam der Doktor auf sie zu.
„Sind Sie Herr und Frau Keller?“
„Ja, das sind wir. Wie geht es unserer Tochter? Können wir zu ihr?“, fragte Johannes.
„Ihre Tochter hatte Glück. Ein gebrochenes Handgelenk und leichte Kopfschmerzen, ansonsten geht es ihr gut. Sie ist inzwischen auch wieder wach. Ich würde Juno gerne über Nacht zur Beobachtung hierbehalten. Morgen früh darf sie dann nach Hause. Sie können gerne bei ihr bleiben.“ Als Maria und Johannes das Krankenhauszimmer ihrer Tochter betraten, fiel ihnen ein Stein vom Herzen. Juno saß in ihrem Bett und lächelte ihre Eltern vorsichtig an.
„Es tut mir leid, dass ihr euch Sorgen um mich gemacht habt. Wirbelwind konnte ehrlich nichts dafür. Da war ein lauter Knall und wir haben uns beide erschrocken. Bitte seid uns nicht böse.“ Maria und Johannes nahmen ihre Tochter in die Arme.
„Mein Engelchen, Papa und ich sind euch nicht böse. Wir machen uns aber Sorgen. Der Sturz hätte viel schlimmer enden können. Und was meinst du mit Knall? Wo kam er denn her und was war es?“
„Keine Ahnung, Mami. Es kam aus dem Wald und klang wie ein Schuss. Aber das kann ja nicht sein, oder dürfen neuerdings Leute in unserem Wald Tiere ermorden?“
„Nein, natürlich nicht. Wir haben den Wald gekauft, damit dort Tiere in Ruhe leben können und ihr Kinder sicher spielen. Deswegen ja der Zaun. Johannes wir müssen uns das morgen unbedingt ansehen.“ Er nickte.
„Darf ich mitkommen, Papa? Vier Augen sehen mehr als zwei.“ Maria verdrehte die Augen. Ihre Tochter war unmöglich.
„Darfst du, wenn du dich jetzt hinlegst und schläfst. Der Tag war anstrengend. Hast du mich verstanden?“
„Ja Papa. Ich bin brav.“ Juno legte sich hin, kniff die Augen zusammen und tat so, als ob sie schlief. Maria lachte.
„Schatz, fahr bitte nach Hause und löse Kassandra bei den Kleinen ab. Ich komme morgen früh mit Juno nach, sobald der Arzt es erlaubt.“
„Papa, wie geht es Juno, wird sie wieder gesund“, rief Kasi ihm von weiten entgegen.
„Lass uns rein gehen, Schatz. Dann erzähle ich es dir und Kassandra.“ Sie liefen ins Wohnzimmer und Kassandra brachte ihm einen Kaffee.
„Danke, dass ist lieb von dir. Schlafen die Kleinen schon?“
„Ja, Kasi hat den ganzen Nachmittag „Schule“ mit ihnen gespielt. Sie sind sofort eingeschlafen. Der Unterricht war scheinbar etwas zu anstrengend.“ Johannes lachte.
„Gut gemacht, Kasi. Juno hat sich den Arm gebrochen und eine leichte Gehirnerschütterung, aber sie darf morgen früh wieder nach Hause.“
„Hurra“, jubelte Kasi. „Das ist toll, sie wird also bald wieder gesund?“
„Ja, mein Schatz, bald ist sie wieder ganz die Alte, bitte mach dich schon mal fertig fürs Bett, es ist spät. Ich muss noch kurz etwas mit Tante Kassandra besprechen.“ Nachdem Kasi nach oben gegangen war, wandte er sich mit einer Bitte an den Schutzengel seiner Frau.
„Kassandra, Juno hat einen Knall gehört, bevor sie vom Pony gefallen ist. Kannst du bitte mit Aurora sprechen, ob sie was mitbekommen hat? Juno und ich werden morgen die Zäune kontrollieren. Der Gedanke, dass da jemand rumballert, gefällt mir nicht.“ Kassandra nickte. Eine Gänsehaut jagte ihr über den Rücken.
„Natürlich. Ich mache mich sofort auf den Weg. Gib Kasi einen Kuss von mir.“
„Aurora? Aurora, bist du da?“ Kassandra sah sich suchend um.
„Ich bin hier. Was kann ich für dich tun? Geht es um Juno? Ich konnte den Sturz leider nicht verhindern, es tut mir leid.“
„Ist schon in Ordnung. Zum Glück ist ja nichts Schlimmeres passiert. Der Arm wird heilen. Sie hat erzählt, dass sie eine Art Schuss gehört hat und Wirbelwind darum durchgegangen ist. Hast du davon was mitbekommen?“
„Nein, tut mir leid, leider nicht. Ich wurde erst alarmiert, als sie fiel, und da habe ich mich darauf konzentriert, sie aufzufangen, so dass sie sich nicht das Genick bricht.“
„Ich verstehe, du hast genau richtig gehandelt. Hauptsache ihr ist nicht mehr passiert, aber ich möchte trotzdem wissen, wie es dazu kommen konnte. Ich werde mit dem Chef reden. Kommst du mit?“ Aurora nickte.
„Chef, dürfen wir kurz stören? Wir haben ein paar Fragen an dich und hoffen, dass du uns weiterhelfen kannst.“
„Ihr stört mich doch nicht. Geht es um Junos Unfall? Sie wird wieder gesund, wenn ich mich nicht täusche.“
„Ja, das wird sie. Aber sie hat etwas erzählt, was mich beunruhigt. Weißt du etwas über Jäger, die in dem Wald ihr Unwesen treiben?“
„Jäger? Nein, das Gebiet ist eingezäunt, oder nicht? Da kommt niemand rein. Aber Juno und Johannes wollen sich das morgen ja ansehen und werden es merken, wenn was nicht stimmt. Sag ihnen bitte, dass sie vorsichtig sein sollen. Ich sehe keine akute Gefahr, aber sicher ist sicher.“ Beide Schutzengel bedankten sich für die Auskunft. Sie gingen zurück in die Bibliothek.
„Ist es nicht seltsam? Juno hat sich das doch nicht eingebildet. Ich bin mir sicher, dass sie was gehört hat.“
„Der Meinung bin ich auch, Aurora. Und ich glaube, dass der Chef uns nicht alles gesagt hat, oder es selbst nicht weiß. Kann das sein?“
„Ich habe es noch nie erlebt, dass er etwas nicht wusste, aber möglich ist es. Wie dem auch sei, wir müssen herausfinden, was passiert ist. Die Sicherheit unserer Schützlinge steht auf dem Spiel und die der Familie.“ Kassandra sah es genau so und begab sich auf den Weg zu Juno. Als sie das Krankenhauszimmer betrat, schlief sie in den Armen ihrer Mutter.
„Engelchen, wach auf. Ich muss mit dir reden. Es ist wichtig.“
„Tante Kassandra, was machst du denn hier? Ist was passiert?“ Kassandra gab ihr ein Zeichen still zu sein und ihr zu folgen.
„Juno, dein Papa hat erzählt, dass du einen Schuss gehört hast, bevor Wirbelwind durchging. Hast du etwas gesehen?“ Das Mädchen nickte.
„Ja, das habe ich, aber du wirst es mir sicher nicht glauben. Bestimmt habe ich es mir eingebildet.“
„Verena, verdammt noch mal. Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du im Unterricht aufpassen sollst? Hör auf, mit deinen Haaren zu spielen, wir sind hier nicht beim Friseur.“ Der kleine Schutzengel schluckte.
„Entschuldigung Kassandra, ich wollte nicht,...!“
„Hier geht es nicht darum, was du willst oder nicht, sondern darum, was du machst. Du bist hier, um ein guter Schutzengel zu werden, damit sich die Fehler vom letzten mal nicht wiederholen. Aber scheinbar hast du noch immer nichts dazu gelernt.“ Verena fing an zu weinen. Warum war ihre Lehrerin so hart zu ihr. Was hatte sie Schreckliches angestellt? Egal, wie sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte sich nicht daran erinnern. In dem Moment erklang ein leises Glöckchen und Kassandra beendete den Schultag.
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