„Kassandra, können wir kurz mit dir sprechen“, fragte Nora, nachdem sie diese im Klassenzimmer gefunden hatten.
„Sicher, was kann ich für euch tun?“ Ihr Blick fiel auf das Buch, das Nora in der Hand hielt. Ihre Augen verdüsterten sich.
„Wir wissen, was damals mit Maria passiert ist und was Verena getan hat. Aber das war eine Andere, sie hat sich seit dem verändert und gebessert. Sie ist meine Freundin und es geht ihr nicht gut, weil du ständig auf ihr rumhackst.“ Kassandra traute ihren Ohren nicht. Nora sah, wie ihre Lehrerin innerlich kochte.
„Ich mache bitte was? Es ist eine Frechheit, dass du mir das unterstellst. Es ist meine Aufgabe, euch auszubilden und gute Schutzengel aus euch zu machen. Wenn ihr nicht aufpasst, oder euch daneben benehmt, ist es meine Aufgabe, euch darauf hinzuweisen. Geht jetzt. Ich habe zu tun.“ Kassandra wandte sich ab und schrieb weiter an die Tafel. Aber es arbeitete an ihr. War sie zu streng gewesen? War sie immer noch wütend auf Verena?
Als Nora und und ihre Freundin wieder auf dem Flur standen, überlegten sie, wie es weitergehen sollte.
„Was machen wir jetzt?“ Verena zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Ich würde gerne das Buch komplett lesen, um zu erfahren, was aus Maria geworden ist.“ Sie gingen zurück in ihr Zimmer und lasen die Geschichte weiter, bis es Zeit zum Abendessen war. Als sie kurz darauf den Speisesaal betraten, wurde es still im Raum. Alle sahen zu den beiden kleinen Engeln herüber. Verena wurde rot. Am liebsten wäre sie weggelaufen.
„Nora, warum starren die uns alle an? Ich komme mir wie ein Alien vor.“
„Hole uns doch schon unser Essen, Verena. Ich kläre das.“ Sie ging entschlossenen Schrittes zu ihrer Schwester.
„Rhea, was soll das? Was ist hier los? Warum starren uns alle an?“
„Mach hier nicht so einen Wind, du Zwerg. Was interessiert dich das?“ Nora kochte vor Wut und brüllte ihre Antwort heraus.
„Weil du die Einzige bist, mit der ich darüber gesprochen habe. Gib es zu. Hast du es verraten?“
„Verraten? Nein! Aber ich habe die anderen gewarnt. Schließlich sollen alle erfahren, mit wem sie hier in der Ausbildung sind.“
„Du bist gemein. Ich hasse dich. Du bist hier der wahre Feind. Wegen Engeln wie dir geht es ihr schlecht. Du bist kein bisschen besser als sie früher. Du solltest dich schämen.“ Nora drehte sich um und lief davon. Sie war so sauer wie nie zuvor. Wie konnte Rhea das tun? Ihre eigene Schwester. Wenig später kam Verena nach.
„Es tut mir leid, dass du dich meinetwegen mit Rhea gestritten hast. Das wollte ich nicht.“
„Es ist nicht deine Schuld, dass sie so bescheuert ist. Mach dir keine Gedanken. Lass uns lieber weiterlesen. Ich möchte wissen, wie die Geschichte ausgeht.“
Beide Mädchen kuschelten sich zusammen auf ihr Sofa und lasen bis tief in die Nacht. Als sie das Buch durchgelesen hatten, sahen sie sich an.
„Ich bin froh, dass alles gut ausgegangen ist. Vielleicht bringt es was, wenn ich mich bei Maria entschuldige. Wenn sie mir verzeiht, können es die anderen bestimmt auch.“
„Das ist eine gute Idee, aber wie willst du das machen? Wir dürfen noch nicht auf die Erde runter und sie wird nicht hierher kommen können. Wir brauchen auf jeden Fall Hilfe.“
„Wie wäre es, wenn ich Aurora frage? Sie ist ja der Schutzengel von Marias ältester Tochter.“
„Nein, ich glaube, das bringt nichts. Sie wird sich da raushalten. Du wirst mit dem Chef sprechen müssen.“
„Ich kann doch nicht einfach bei ihm auftauchen. Ich bin noch kein fertiger Schutzengel.“
„Lass es uns versuchen. Morgen nach dem Unterricht gehen wir zu ihm. Ich komme mit.“ Verena sah ihre Freundin unsicher an.
Beide konnten es kaum erwarten, dass am nächsten Tag das Glöckchen zum letzten Mal läutete. Als der Unterricht beendet war, standen sie gleichzeitig auf und rannten los. Als sie vor dem Büro des Chefs ankamen, waren sie schrecklich nervös. Nora nahm all ihren Mut zusammen und klopfte an.
„Kommt rein, meine Lieben“, ertönte eine sanfte Stimme. Nora nahm ihre Freundin an die Hand und sie traten ein.
„Bitte entschuldigen Sie die Störung, wir brauchen Ihre Hilfe“, sagte Nora.
„Guten Tag, ihr zwei. Es freut mich dich wiederzusehen Verena und Nora hast du auch mitgebracht. Wie kann ich euch helfen?“ Verena atmete tief durch, bevor sie zu einer Antwort ansetzte.
„Ich habe das Buch von Maria gelesen und weiß was ich getan habe. Alle anderen wissen es auch und ich will es wieder gut machen. Mich bei ihr entschuldigen, aber ich weiß nicht wie.“
„Was meinst du damit, dass alle es wissen? Woher? Und wie möchtest du dich entschuldigen?“
„Ich fürchte, das ist zum Teil meine Schuld. Ich habe meine Schwester gefragt, was es mit der Geschichte um Verena auf sich hat und sie hat es dann rumerzählt.“
„Ich verstehe. Nora, es ist nicht deine Schuld. Du wolltest helfen und kannst nichts für deine Schwester. Bitte mach dir deswegen keine Vorwürfe. Und Verena, ich verstehe deinen Wunsch und finde die Idee gut, dass du dich entschuldigen möchtest. Bitte gib mir ein bisschen Zeit, um darüber nachzudenken. Kommt morgen nach der Schule wieder her, dann besprechen wir, wie das umgesetzt werden kann.“
„Vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen. Damit tun sie mir einen großen Gefallen.“
„Gerne ihr Lieben. Bitte geht auf euer Zimmer und macht eure Hausaufgaben. Vielleicht kannst du Verena etwas helfen Nora, dann bekommt sie weniger Ärger mit Kassandra.“
„Das mache ich gerne. Sie ist meine beste Freundin und ich möchte, dass sie wieder Lachen kann.“
„Du hast mich gerufen Chef?“ Kassandra schwebte in den Raum und sah gespannt auf das Licht.“
„Ja. Ich brauche einen Rat von dir. Verena war vorhin mit Nora bei mir. Sie möchte sich bei Maria entschuldigen und sucht einen Weg, wie sie das umsetzen kann. Hast du eine Idee?“
„Ich? Nein! Ich bin der Meinung, dass wir Verena so weit es geht, von ihr fernhalten sollten. Du weißt doch selbst, wie es das letzte Mal war, als sie aufeinandergetroffen sind. Es hätte Maria fast das Leben gekostet.“
„Du hast ihr also wirklich nicht verziehen. Was ist mit Maria? Ist sie noch böse auf Verena?“
„Keine Ahnung. Darüber reden wir nie. Wozu auch? Es ist vergangen und wir haben damit abgeschlossen. Maria hat vier Kinder und ist glücklich mit Johannes verheiratet. Ich glaube nicht, dass sie darüber noch nachdenkt.“ Das Licht flackerte.
„Ich danke dir für deine Offenheit. Ich werde mir darüber Gedanken machen. Ich hoffe, dass du es Verena nicht spüren lässt, wie wütend du auf sie bist.“
„Nein, natürlich nicht. Ich bin Lehrerin und keine Richterin. Hat sie was anderes behauptet?“
„Nein, sie hat nichts gesagt, aber es ist so ein Gefühl.“
Kassandra verlies den Raum. Was sollte das? Erst weißt Nora sie darauf hin und jetzt der Chef. Als sie in ihr Zimmer kam, lief sie ruhelos auf und ab. Schlafen würde sie diese Nacht gewiss nicht. Wie immer wenn sie durcheinander war, ging sie zu ihrem Lieblingsplatz hinter dem Wasserfall.
„Sie haben recht, ich bin viel strenger zu Verena als zu allen anderen. Ich muss mich besser beherrschen. So geht es nicht weiter. Nach so langer Zeit sollte ich das besser verarbeitet haben. Vielleicht sollte ich mit Maria darüber reden. Jetzt rede ich schon mit mir selbst. Ich brauche dringend etwas Schlaf.“
Am nächsten Morgen wurde Verena noch vor Schulbeginn zum Chef gerufen, aber dieses Mal alleine.
„Verena, ich habe mich entschieden, dir zu helfen. Ich finde es bewundernswert, dass du den Mut hast, dich zu entschuldigen. Ich möchte aber, dass du nicht darüber redest. Mit niemandem, selbst nicht mit Nora. Versprichst du mir das?“ Verena war überrascht, trotzdem versprach sie es. „Also gut. Wie du weißt, dürfen Engel erst auf die Erde, wenn sie ihren Abschluss gemacht haben, aber bei dir mache ich eine Ausnahme. Du kannst auf die Erde runter gehen und mit Maria sprechen. Du darfst für die Nächsten sieben Tage durch alle Bereiche reisen. Wenn du ein klingeln hörst, heißt das, dass ich mit dir sprechen will. In dem Fall erwarte ich, dass du so schnell wie möglich zu mir kommst. Heute nach der Schule darfst du aufbrechen. Hast du alles verstanden?“
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